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Matthias Politycki Radio
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Leseprobe

In 180 Tagen um die Welt
Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl


113. Tag (25.2.07): Sydney/Australien, Ankunft 7:00

Ein erster Blick: aufs Opernhaus
Das Wetter um 6:00: 21,5° C, 90%, SSW 4-5, bedeckt; 328 sm


Der fliegende Dieter.
Endlich mal wieder eine richtige Stadt, die schönste Ex-Strafkolonie der Welt! Schon bei der Einfahrt; erst recht von unserm Liegeplatz aus, genau gegenüber der Oper! Schräg hinter uns spannt sich, eine 500m breite Stahlkonstruktion, 134m hoch, die Sydney Harbour Bridge wahrzeichenhaft zum andern Ufer. Knut Edler von Hofmann: Liegegebühr pro Tag hier 100.000 €! Wohingegen wir von den Behörden mancher lateinamerikanischen Häfen sogar bezahlt werden, wenn wir anlegen. Wir nicken einander nur zu, mögen andre heute in die Blue Mountains fahren, wir bleiben hier, unter dieser gewaltigen Brücke. Das heißt ... Nach kurzer Abstimmung beschließen wir, den „You will never forget the Climb of your Life“ zu machen, für 189 Australdollar. Sicherheitseinweisung, Alkoholtest, Frau Riebenstein, die seit Istanbul keinen Champagnerempfang ausgelassen hat, wird heimgeschickt. Neueinkleidung mit Overalls durch den „Tour Guide“, Eingurten, Halfter-Anlegen, entschlossen beißen wir auf unsre Trensen. Am Metalldetektor wird Herr Laufkötter ausgesondert, nach dem „Climb Simulator“ Herr Gubick kreidebleich, läßt sich noch schnell eine Windel bringen. Entschuldigend: „Falls ich mir vor lauter Freude in die Hose mache!“ Ein letzter Blick auf den Monitor: Die Windgeschwindigkeit auf der Brücke 24,8 km/h, Luftfeuchtigkeit 100%. Nach einer Dreiviertelstunde Vorbereitung endlich raus und rauf in die genieteten Stahlträger; am ersten Gitterrost, durch den man tief unter uns die Hafenfähren sieht, bricht Frau Laufkötter in Tränen aus und muß zurückgeführt werden. Nach eineinhalb Stunden am höchsten Punkt, zwischen den beiden Flaggenmasten: „Enjoy the view“, unsre Hütte leuchtend weiß am Kai schräg unter uns, angenehme leichte Brise. Wostock mißbraucht den Moment für einen Urschrei; Herr Gubick übergibt sich; Professor Billhardt zettelt eine Diskussion darüber an, ob Sydney wirklich die schönste Stadt der Welt sei (oder doch Kapstadt, Hongkong, Münster); ich: glaube meinen Augen nicht zu trauen – unter uns, auf dem Kai, das ist doch Lena, und neben ihr Konsul Walder? Nur Herr Drescher vollkommen gelöst, beiläufig spannt er seinen MS-EUROPA-Schirm auf, den er durch sämtliche Kontrollen gebracht hat, fragt mit seinem verschmitzten Lächeln, ob uns die Geschichte vom fliegenden Dieter bekannt sei, versteht unsre Antworten natürlich nicht, wünscht uns „noch einen wunderschönen Nachmittag“, klinkt sich vom Sicherungsseil los, schwingt sich übers Geländer. Wie er so davonschwebt, mit einem Arm am Schirm hängend, mit dem andern winkend, scheint er ein glücklicher Mensch zu sein. Dreht eine Runde über unsrer Hütte, landet auf dem Lido-Deck, wahrscheinlich direkt auf einem Barhocker an der Waffelbar. Frau Lührmann: „Ob er das auch mit einem normalen Schirm geschafft hätte?“


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