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 Essays & Artikel   Tanz die Cellulitis!
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Tanz die Cellulitis!

06/03/1999 - 14/03/1999
Matthias Politycki
Tanz die Cellulitis!
Sentimentalische Wanderungen zu Tabledance-Bars in Nord und Süd



erschienen/erscheint in:
u.d.T. „Die Tabledance-Bar“ in: Süddeutsche Zeitung, 16/9/99

 

Leseprobe

„Annuit coitus novus ordo seclorum“, steht auf dem grünen Spieldollarschein, den man als „Privat (sic) New York Tabledance Note“ für zwei Mark fünfzig am Ende des Münchner „Kunstpark Ost“ erwerben kann: am Anfang der „New York Tabledance Bar“, die seit ihrer Eröffung vor einem guten halben Jahr, man muß wohl sagen, Nacht für Nacht gerammelt voll ist. Doch über den womöglich sprachwitzigen Tiefsinn des lateinischen Mottos nachzudenken - auf den echten Dollarnoten, wie sie jenseits des Münchner Nachtlebens kursieren, steht „Annuit cœptis novus ordo seclorum“ -, das wäre verschenkte Liebesmüh: Die neue Ordnung der Jahrhunderte hat jetzt ja sogar in München Einzug gehalten, und sie läuft natürlich auch hier, im Areal der früheren Pfanni-Fabrik, auf nichts andres hinaus, als die Dollarscheine schnellstmöglich wieder loszuwerden, im getigerten Push-up einer der Tabledancerinnen, in ihrem getigerten Tanga oder gar (in einer Art Mund-zu-Mund-Bezahlung) in ihrem Rachen. Annuit coitus? Wo kämen wir denn da hin.
Das Innere der Bar ist ein einziges Wimmelbild an guter Laune; gäbe’s nicht den zentralen Laufsteg, beidseitig durch dicke Eisenreling allenfalls symbolisch gegen begeisterte Übergriffe geschützt, man könnte meinen, beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg gelandet zu sein. Das Publikum ist mehrheitlich out of Rosenheim, out of Ingolstadt, ist gut beschäftigt mit Bierflaschenhalten, Beifallspenden, Brustwarzenbetrachtung, und die Dicostubenmusi spielt dazu. Wo aber, bittesehr, sind die Tische, mit denen die Bar in ihrem Namen wirbt, wo sind die Tischdamen, die darauf nach US-Vorbild Entkleidungstänze darbieten? Nun, es gibt sie, die Tische, doch lediglich als scheue Beistellmöglichkeit für Trinker, die in der Tiefe des Raumes wirken, und es gibt sie natürlich auch, die Tischdamen, aber zum überwiegenden Teil nur als schwere Beistellmöglichkeit für die, die dafür 20 Extramark investieren: Offensichtlich ergeht hier Gnade vor Recht, jedenfalls was die Tischchen betrifft (...)




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