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 Essays & Artikel   Wem die Stunde schlägt
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Wem die Stunde schlägt

18/10/2001 - 23/10/2001
Matthias Politycki
Wem die Stunde schlägt
Brauchen wir nach den Ereignissen des 11. Septembers wirklich eine andre deutsche Literatur?



erschienen/erscheint in:
u.d.T. „Simplifizierer und Schubladianer“ in: die tageszeitung, 27+28/10/01; enth. in: Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft

 
Wiederabdr. in: Aargauer Zeitung, 14/11/01

Leseprobe

Die neueste Kaffeekreation der New Yorker „Starbucks“-Filialen, so wurde auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse eifrig kolportiert, heißt? Osama bin Latte. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, und so selbstverständlich, wie nach Auschwitz weiterhin Gedichte geschrieben wurden, werden nach den Anschlägen vom 11. September weiterhin mittelgute Witze erzählt: Solange sich noch Pointen finden, ist die Welt nicht vollkommen aus dem Lot. Was freilich ebenfalls kolportiert und bereits in manch hochnobler Literaturbeilage dokumentiert wurde, ist ein gegenläufiger Wille zu neuer Ernsthaftigkeit: „Nichts wird mehr sein, wie es war!“ tönt es uns zunehmend aus den Feuilletons entgegen: Auch die Literatur nicht! Zur Buchmesse hat sich der anschwellende Gesang verdichtet zur simplen Gleichung mit einer einzigen Unbekannten: 11. September = Ende der Spaßgesellschaft = Anbruch einer neuen schwergewichtigen, womöglich gesellschaftskritischen, jedenfalls ernsten Literatur.
Abgesehen davon, daß die Weltlage vielleicht gar nicht so grundsätzlich neu ist, als daß man mit einer andersartigen Literatur darauf zu reagieren hätte, möchte ich den skeptischen Einschätzungen ihrer Analysten zunächst einmal recht geben – ein Autor muß mehr sein als die Summe seiner Bücher, er muß einen Standpunkt haben, eine Moral, selbst wenn er nicht Günter Grass heißt, und eine politisch reflektierte Stellung zur Welt: eben all das, was den Vertretern der Spaßliteratur notorisch abgeht. Wenn vom Terroranschlag auf die amerikanischen Symbole nunmehr ein abruptes Ende all dessen induziert wird, das sich vor ein paar Jahren unterm Deckmantel „Pop“ in den Literaturbetrieb eingeschlichen und vorübergehend mächtig breit gemacht hat, dann ist jetzt zumindestens mal durch die Feuilletons der Republik ein Ruck gegangen, und zwar einer in die richtige Richtung.
Was an diesem hastig verkündeten, weil überfälligen Ende der Spaßliteratur freilich bedenklich stimmt, ist die gleichzeitig erhobne Forderung nach deren Gegenteil, nach genereller Verernstung des Erzählens, nach Büchern, die uns mit ihren gesellschaftskritischen Analysen und einem politisch korrekten Wertekanon quälen sollen.
Nichts gegen Ernst, Besinnung, Gesellschaftskritik! Die Ereignisse des 11.9. waren eine Zäsur, und die Auseinandersetzung damit ist Pflicht für jeden, der ein Herz hat. Auch das Feuilleton mag sich in solch bewegten Zeiten, ausnahmsweise, als Feuermelder bevorstehender Paradigmenwechsel versuchen, mag meinetwegen sogar eine Zeitlang jedes künstlerische Produkt nach aktuellen Antworten auf die uns bedrängenden Fragen abklopfen. Doch muß es gleich eine neue Kunst einklagen? (...)




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