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„Thank you!“ – „Very much.“

15/10/2014
Matthias Politycki
„Thank you!“ – „Very much.“
Zukunft – und was wir sonst noch von Japan lernen können



erschienen/erscheint in:
gekürzt u.d.T. „Was wir von Japan lernen können“ in: Hamburger Abendblatt, 16.10.2014.

 

Leseprobe

In Osaka ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls auf den ersten Blick. Die Straßen so sauber wie geschleckt, kein einziges Graffito, nicht mal im Obdachlosenviertel Kamagasaki. Keiner, der im Gehen ißt oder trinkt oder sich sonstwie danebenbenimmt. Keiner, der einen anrempelt, der laut in sein Handy bellt, hupt oder herumkrakeelt. Sogar die Babys sind still. Und dabei gelten Osaker in Japan als laut und drängelig. Nirgends Bettler, dazu sind die Arbeitslosen viel zu stolz hier, und erst recht keine zudringlichen Straßenmusikanten. Stattdessen ein üppig mit Personal bestückter öffentlicher Raum, in dem jeder aufs fürsorglichste begleitet und betreut wird. Bahnsteigwärter in der U-Bahn, die bereitwillig Auskunft geben. Einweiser an den Aufzügen im Kaufhaus, die darauf aufpassen, daß keiner vordrängelt (dabei drängelt eh keiner). Drinnen im Aufzug eine Liftführerin, die im Vorbeifahren schon mal die wichtigsten Stockwerke anmoderiert und den bestmöglichen Rundgang vorschlägt. In Osaka muß man sich nicht ständig behaupten oder seinen Platz verteidigen; sofern man sich an die Spielregeln hält, tun das die andern für einen.
Wie sehr man hier bestrebt ist, den Alltag für jedermann so leicht wie möglich zu gestalten! Kaum nimmt man in einem Restaurant Platz, wird schon ein Glas Wasser serviert. Für Taschen stehen Körbe bereit, damit man sie nicht auf den Boden stellen muß. Tut man’s dennoch, bessert irgendwer unauffällig nach, Ordnung muß sein. Klingelknöpfe an jedem Tisch, um Bedienungen herbeizurufen. Tatsächlich kommt die Kellnerin „wie auf Knopfdruck“, entschuldigt sich, daß sie stört, geht in die Hocke, damit der Gast nicht zu ihr aufschauen muß. Am Ende läuft einem noch die Kassiererin auf der Straße hinterher, weil man den Kassenbon liegengelassen hat. Hat man das System erst mal begriffen, fühlt man mit leisem Neid, daß der Alltag nirgendwo so perfekt durchdacht und so praktisch vorstrukturiert ist wie in Japan, so unaufdringlich sinnvoll.
Die japanische Grammatik kennt freilich keine Ausnahmen, und der japanische Alltag nicht minder. (...)




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