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Auf der Suche nach dem Grünen Band

03/07/2014
Matthias Politycki
Auf der Suche nach dem Grünen Band
Hardcorewandern entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze



erschienen/erscheint in:
Stark gekürzt u.d. Titel "Grün ist die Hoffnung" in: Merian Deutschland, September 2014.

 

Leseprobe

Eben noch bin ich wohlgemut bergab durchs oberfränkische Fachwerkdörfchen Steinbach gegangen, habe im Tal, kurz vor Überschreiten des ehemaligen Grenzbachs zur DDR, eine Holzhütte des Bundesgrenzschutzes entdeckt, in der zwei vermoderte Sessel zu sehen sind, schon stehe ich auf der andern Seite im Unterholz. Es geht wieder steil bergauf, soviel ist zu erkennen. Das also soll es sein, das Grüne Band, auf dem ich locker von der tschechischen Grenze bis zum Harz wandern wollte?
Bachabwärts bin ich mit meinem Photographen an der Steinbachsmühle verabredet, eines ihrer Lagergebäude stand seinerzeit auf DDR-Grund, sie selbst auf BRD-Grund, gewiß ein weiteres Ready-made zur deutschen Teilung. Ich hoffe, daß der Plattenweg nach wenigen Metern im Gehölz ebenso plötzlich wieder zum Vorschein kommen wird, wie er eben verschwand.
Dabei weiß ich es doch längst besser. Meine bisherigen Etappen an der Grenze von Bayern und Thüringen waren das Frustrierendste, was ich als Wanderer je erlebt habe. Grünes Band? Nie gehört. Die Einheimischen haben andere Sorgen. Und es gibt auch kein einziges Schild, das darauf hinweisen würde. Zwar wird unsre Suche nach dem Grünen Band immer wieder von einem überraschenden Erfolg belohnt; doch ebenso plötzlich endet der Plattenweg wieder.
Nun also auch noch eine Durchschlageübung im Unterholz. Daß ein Biotop in Deutschland derart urwaldartig undurchdringlich sein kann, hätte ich nicht erwartet. Endlich die alte Mühle, sie ist zauberhaft. Durch die Fenster sieht man in eine voll möblierte Stube, auf der Kommode gerahmte Photos, die Packung Tempotaschentücher liegt bereit, der Spazierstock. Seit zwanzig Jahren ist die letzte Bewohnerin tot, die Mühle zum Museum einer vergangenen Epoche geworden.
Aber auch sonst scheint in den Dörfern der fränkisch-thüringischen Grenzregion nach der Euphorie der Wiedervereinigung die Zeit stehengeblieben zu sein. Pappschilder werben für „Mallorcaparty“ in der Scheune und andre bescheidne Vergnügungen. Männer strecken ihre prall bespannten Bäuche mit einer Selbstverständlichkeit in die Straße hinein, als wäre hier bereits das bloße Verharren ein Verdienst.
Der Mittlere Westen, auch in Deutschland ist er mit all der Melancholie und Vergeblichkeit aufgeladen, wie man sie sonst nur aus dem Kino kennt. In Nordhalben gibt es sogar noch ein gelbes Telephonhäuschen. Spätnachmittags dazu ein Gewitter, die Straße dampft, der Hagel zerschmilzt zu kleinen Schneehalden am Hang. Sie sind noch nicht ganz weggetaut, da kehren die Anlieger bereits das heruntergefetzte Laub von der Straße. Abends ein riesiger Regenbogen über dem Schild „Räumungsverkauf“. Im Dorfkrug die Dorfjugend beim Dorfshisharauchen, vorerst saugt man nur an aromatisierten Steinen.
Wir sind auf einer Reise in die längst verlorene Zeit Die Orte haben wunderbare Namen wie Mittelhammer, Hölle, Gottmannsgrün. Und wunderbare Wanderwege gibt es auch, darauf Grüß-Gott-Wanderer aus Bayern und Guten-Tag-Wanderer aus Thüringen – die Ostwestgrenze ist hier, und das seit Jahrhunderten, eine Nordsüdgrenze.
Auf dem Grünen Band selbst, sofern vorhanden, gibt es nichts. Kein einziger Wanderer, der uns begegnet. Keine Bank, keine Schutzhütte, erst recht kein Gasthof, der zur Rast einlädt. Sicher, der Kolonnenweg ist kein normaler Weg, sondern „Bodendenkmal“. Aber wenn es nie eine Belohnung in Form eines schönen Ausblicks gibt, wird Wandern zur mentalen Herausforderung. Von der physischen ganz zu schweigen: Oft führt der Weg in direkter Linie steil bergab und ebenso steil gleich wieder bergauf; jeder Kilometer auf Beton zählt doppelt. (...)




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