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EINIGE DIALOGISCHE BEMERKUNGEN VON MATTHIAS POLITYCKI -
ZU  EINER VON IHM UND SEINEM 'WEIBERROMAN' (ERNEUT) AUSGELÖSTEN DEBATTE

    Endlich aufgetaucht: die 78er-Generation

Und, siehe da, sie japst gar nicht mal auf dem letzten Loch!

"78er-Generation? Was soll 1978 denn gewesen sein?"
Nichts, das ist ja gerade das Schöne! - Abgesehen von ihrer Fähigkeit, jeden gleich niederzuduzen und sich in Männerselbsthilfegruppen mal so richtig auszuhäkeln, haben die heute 37- bis 45jährigen angeblich nicht viel zu bieten: Sei´s dem Betroffenheitsfachmann, sei´s der WG-Gleichstellungsbeauftragten in Sachen Geschirrspülen, sei´s dem feministischen Softi, dem Latzhosen-Zorro für einen politisch korrekten Orgasmus - Reinhard Mohr bescheinigt ihnen allen, die er (in seinem Buch "Zaungäste") bereits vor fünf Jahren als 78er-Generation auf den Begriff gebracht hat, kaum mehr als larmoyante Mittelmäßigkeit.

Holla! dachte ich damals: Meint der mich? Und wenn ja, ist mein irdisches Streben als Zwangsmitglied einer "historisch überflüssigen Zwischengeneration" (Mohr) dann von vornherein zum Scheitern verurteilt? Haben die Greiners dieser Welt etwa recht, wenn sie immer nur von sich selbst reden, den guten alten 68ern, und ein wenig seltner von dem, was sie in ihrem tiefsten Innern nicht verstehen und entsprechend argwöhnisch beäugen, den Neonkids der 89er-Generation, im Klartext: wenn sie unbeirrbar so tun, als gäbe es so einen wie mich gar nicht?

Jaha, die 68er! Da weiß selbst Erna von der Käsetheke, worüber gesprochen und vielleicht auch gegrinst wird: K-Gruppe? Ausnahmslos jeder! Gesoffen? Wie ein Rohr mit drei Enden! Gekifft? Aus Posaunen! Kritisches Bewußtsein, Gesellschaftsveränderung, freier Sex? Nicht zu knapp, Jungchen, nicht zu knapp!

Und die 89er? Gib Gas, ich will...........

äh - Moment mal! Sind solche Etikettierungen, obendrein von ganzen Generationen, nicht irgendwie gewollt? und durch jeden konkreten Vertreter dieser Generationen zu widerlegen?

 Ganz genau, das ist ja gerade das Schöne! Der Schrank, in dem wir leben, ist einfach zu voll, um ohne Schubladen auszukommen; wenn ich also trotz aller irgendwo berechtigten Einwände von einer 68er-, einer 89er- und, vor allem, von einer 78er-, von meiner Generation spreche, so deshalb, weil ebenjener 78er-Generation bis heute alle Schubladen dieser Welt versperrt sind, weil sie im hintersten Schrankwinkel eine schrecklich identitäts-, schrecklich würde- und sinn- und vor allem greinerlose Existenz fristet: deshalb.


"78er-Generation? Gibt's trotzdem nicht."
Abwarten.

"Wie lange denn noch?"

Nolens volens allerdings als 68er abgestempelt zu werden, genau genommen: als fader Nachklatsch der 68er, das will man denn auch wieder nicht, will man sogar ganz und gar nicht:

 "Also nee, die ham doch immer nur um den heißen Brei, also bis die mal konkret geworden, also das hat ja Ewigkeiten, also nee, hab ich nie was am Hut mit gehabt, ehrlich."

Aber mit wem dann?
Enttarnt man sich jetzt als Schubladenbeauftragter - und die 78er scheinen sich ja gerade, nicht ohne Grund, an ihrer Haßliebe zur Schublade, an ihrem beständigen Schielen auf Schubladisierungsversuche jeder Art zu erkennen -, enttarnt man sich jetzt und hakt nach, beispielsweise in Sachen Musik, so wird in 9 von 10 Fällen, jede Wette, sofort klar, mit wem man 'was am Hut' hatte. Schließlich kann es kein Zufall sein, wenn man sich sofort einig wird, daß die Aufteilung der Weltbevölkerung in Beatles- und Stones-Fraktion doch wohl von denen betrieben wurde, die schon ein bißchen älter waren, und daß man darauf keinen Fliegenschiß mehr gegeben hat:

"Bei uns hieß das eher: Pink Floyd oder Deep Purple?"
Weil es aber keine sogenannten Kleinigkeiten gibt, nichts, das man als bloße Nebensächlichkeit abtun könnte; weil vielmehr alles mit allem in Verbindung steht und ein Indiz ist, ein Hinweis auf etwas anderes; weil also der todernste Klassenzimmerstreit um Hard oder Psychedelic Rock ein unzweifelhafter Beleg ist für eine noch in 100000 Studenten-WGs weitergeführte, generationenübergreifend weitergeführte Kanonisierungsdebatte; und weil dort natürlich auch um politische (Realos oder Fundis?), sportliche (FC Bayern oder irgendwas Anständiges?), ökologische (Ausstieg aus der Atomenergie, klar, aber was dann?) und Weiß-der-Teufel-welche-Fragen gestritten wurde: deshalb! ist es müßig, noch länger so zu tun, als habe man niemals was miteinander 'am Hut gehabt' und als gäbe es die 78er gar nicht. Nämlich als Summe ihrer 100000 einzelnen Vertreter, als Idee hinter ihren 100000 Erscheinungsformen, auch wenn sie, ach was: auch wenn wir ein merkwürdiges, ein bezeichnendes Desinteresse haben, uns als Generation zu begreifen. Gerade weil wir es bislang stillschweigend abgelehnt haben zu fragen, was uns denn - jenseits unsrer vielfältigen individualistischen Abgrenzungstechniken gegenüber Gleichaltrigen wie Älteren - verbinden könnte, und selbst wenn wir, nach manchem Hin & Her, wieder nur zu dem Ergebnis kommen sollten, daß es 'uns' ganz eigentlich doch nicht gibt: fragen sollten wir endlich. Auch danach, ob wir zwar rekordverdächtig lange gebraucht haben, um das Hase-und-Igel-Spiel gegen unsre geistigen Väter zu Ende zu spielen, uns aber trotzdem jetzt, da wir endlich erwachsen geworden und angekommen sind in dieser Gesellschaft, so was wie dem Ernst einer 'gesellschaftlichen Aufgabe' - etwa als Missing link zwischen 68ern und 89ern - zu stellen haben !

"Gesellschaftliche Aufgabe? Hab ich nie was am Hut gehabt!"

Bloß eine Frage, bloß eine Frage.

Deshalb also soll's uns plötzlich als Generation geben, deshalb, auch wenn wir 40 Jahre lang nichts davon mitgekriegt haben!

Unter Umständen wäre das ja bereits ein drittes Charakteristikum dieser Generation, daß sie nicht von einem einzigen Großereignis geprägt wurde, daß sie sich vielmehr in Richtung Cordoba (Krankl!), aber auch in Richtung Gorleben oder Stammheim orientieren konnte - und vor lauter Vielheit der Lebensentwürfe gar nicht das Gemeinsame daran sah. Die 78er, das war und das ist eine Generation aus lauter hartnäckigen Einzelgängern, und da ihr über Jahre jede gemeinsame Schnittmenge zu fehlen schien, auf die sie sich hätte einigen können, bewies sich dieser Individualismus bislang - Achtung, viertes Charakteristikum - weniger im Verkünden eigener, als im Ablehnen bereits vorhandener politischer Doktrinen, philosophischer Theoreme oder ästhetischer Normen: In der Parteienlandschaft gerieten jahrzehntelang gültige Links-Rechts-Schemata aus den Fugen; in der Philosophie waren plötzlich die wilden Denker obenauf und alles sonst, was mit seiner poststrukturalistischen Haltung jeden althergebrachten Sinnzusammenhang 'dekonstruierte'; in der literarischen Ästhetik herrschte und herrscht nach der Implosion der Moderne - der (selbstredend dialektischen) Antithese von Gruppe 47 und Neuer Innerlichkeit - das postmoderne Chaos: 'Anything goes' - ist das nicht bereits ein fünftes Charakteristikum und wahrscheinlich sogar die kürzeste Definition der 78er?

"Wie bitte? So einer wie ich als Drahtzieher der Postmoderne - also nee, hab ich nie was am Hut gehabt."

Gerade deshalb, gerade deshalb! Aber das ist eine andere Geschichte und soll - zusammen mit 99995 weiteren Charakteristika - ein andermal erzählt werden.