"Ich bin
bereit", verkündete - einen Tag nach der gewonnenen Niedersachsenwahl - eine
ganzseitige Anzeige in der überregionalen Presse; und der, der dazu seinen
Schröderschädel in erschreckend übermenschlichen Dimensionen zur Schau stellte, ließ
seine Betrachter keine Sekunde im Zweifel, wozu er bereit sei: einschränkungslos zu
allem.
Ein Bild verrät bekanntlich mehr als tausend Worte, insbesondre solche, die über
Politikerlippen gleiten; und dieses Schwarzweißphoto mit all seiner
Ive-got-the-look-Pose und der bewährten Schlagschattenästhetik, die jede harmlose
Hautfalte als Signum männlicher Entschlossenheit inszeniert, dieses in bester
riefenstahlscher Ästhetik abgelichtete Potenzgeprotze verriet vor allen Dingen eins: Für
Gerhard Schröder geht es am 27. September nicht so sehr um einen Machtwechsel in Bonn,
sondern um - die Machtergreifung. Einen Moment lang vergaß er sich, der ansonsten ja mit
dem beharrlichen Grinsen eines Pferdeflüsterers zu punkten weiß und überhaupt drauf
& dran ist, als Sexsymbol für Rentnerinnen das Rennen zu machen - vergaß sich einen
einzigen Moment lang und zeigte sein wahres Gesicht: das des zukünftigen Führers, der
als erstes "den Dicken" mit Links wegwischen und sich dann auch den Rest seiner
Amtszeit nicht damit begnügen würde, rohe Kartoffeln oder Meerschweinchen mit der
bloßen Faust zu zerquetschen.
Selbstverständlich verschwand dies verräterische Bild umgehend aus der Werbekampagne
der SPD, selbstverständlich heißt deren Slogan seitdem wieder "Wir sind
bereit" und der ästhetische Vorschein einer neuen Brutalität, der eine Anzeige lang
das besserwisserische Gutmenschentum der restlichen Genossen als bloßes Hofnarrengedöns
am künftigen Herrscherhof enttarnte, ist dem gewohnten Bild gewichen: Zwar werden die
Paladine der Schröderpartei nicht müde zu betonen, auch sie seien bereit; aber weil sie
ihre Kampagne diesmal nach amerikanischer Wahlkampfstrategie führen: als Nullbotschaft,
die durch keinerlei konkrete Ideen, gar Konzepte, gar Versprechungen von ihrer
Generalentschlossenheit ablenken soll, und weil sie sich in einer Mischung aus
Zeitgeist-Opportunismus und Größenwahn von ihren Stammwählern verabschiedet und als
"SPD light" an eine ominöse Neue Mitte angewanzt haben: deshalb ist auch bei
ihnen kein Zweifel möglich, wozu sie bereit sind - zu nichts. Zu nichts anderem nämlich
als zu dem, was die CDU ohnehin seit Jahr & Tag betreibt: rhetorisch kaschierte
Abwicklung des tagespolitisch Nicht-län-ger-Aufschiebbaren, vulgo Weiterwursteln. Woraus
der Schluß zu ziehen ist, auf der SPD stehe zwar noch immer SPD drauf, sei aber längst
nicht mehr SPD drin, im Gegenteil: Ihr Führer verabredet sich ungeniert mit - na? - Herrn
Stoiber, obendrein zum - na? - zum Golfen; und sein Gefolge, jahrzehntelang Garant für
softihaftes Losertum, geriert sich derweilen als schnelle Eingreiftruppe, als Vorhut einer
endlich anbrechenden - na? - "Moderne". Unsre beiden ehemaligen
"Volkspartei-en", inzwischen kann man sie allenfalls noch an den Etiketten und
den aufgedruckten Verfallsdaten auseinanderhalten; und weil sie das im Grunde selber
wissen, die eine aber dort bleiben möchte, wohin die andre erst noch will, deshalb
stürzen sie sich mit Eifer auf das einzige, das sie tatsächlich noch trennt: "Keep
Kohl" - über dies postmodern kalauernde Rudimentärbekenntnis definiert sich der
offizielle Teil der CDU; "der Dicke muß weg!" - darüber definiert sich ihr
inoffizieller Teil, der noch immer der Moderne zustrebt und deshalb ganz offiziell SPD
heißt. Was, außer dem Namen, hat diese Partei eigentlich noch gemein mit derjenigen, die
vor 30 Jahren, unter Willy Brandt, beherzt zur Verbesserung Mitteleuropas antrat? Für
diese SPD hätte ich gern, ach was: liebend gern meine Stimme gegeben - leider aber war
ich erst 14
Ein paar Jahre durfte ich dann: Zwar konnte ich "nur" noch
für Helmut Schmidt votieren, aber auch der erschien mir damals als eine integre,
intelligente und jedenfalls absolut wählbare Persönlichkeit: "Was waren das für
Zeiten!" Und seither? Gehe ich, linksliberal aufgewachsen zwischen Kohls
"Erwachsnen"-Generation, zu der auch mein Vater zählte, und all den
programmatisch Nichterwachsnen der Schröder-Generation, die als 68er meine geistigen
Väter abgaben, seither gehe ich brav zu jeder Wahl - ich kann nichts dafür, ich bin so
erzogen! - und von Mal zu Mal wird es schlimmer: Vogel, Rau, Lafontaine, Scharping
was ist das andres als eine exponentielle Zunahme an Mediokrität? In ebenjener Partei,
die einst die bundesdeutschen Bildungseliten für sich zu begeistern wußte - ein
Gartenzwergszenario aus allen deutschen Untugenden und jedenfalls absolut unwählbar. Kann
es denn überhaupt noch schlimmer kommen?
Es kann; und folglich muß ich - ich will ja nicht! - am 27. September zur schlimmsten
Wahl meines Lebens. Zwei naturidentische Gallionsfiguren zweier naturidentischer
"Volksparteien", in gleichem naturidentischen Maße klug, skrupulös,
ideenreich, brillant, sympathisch, der eine im siebten, der andre im zwölften Frühling,
mit einem Wort: zwei Auslaufmodelle der alten Bundesrepublik buhlen um meine Stimme - Dick
& durstig gegen Wisch & weg. Aber halt, obwohl sie beide gleich alt aussehen in
ihrer pseudojovial bemäntelten Visionslosigkeit, ist der eine eben schon im zwölften,
der andre hingegen erst im siebten Frühling. Woraus der - Herr Schröder bzw. der
"amerikanische" Wahlkampfstratege seiner Partei - kackdreist folgert, seinen
ganz persönlichen Egotrip, seinen ganz persönlichen Marsch durch die Instanzen, sein
ganz persönliches Coming out als "Kohl light" zu einem personenübergreifenden,
zu einem längst überfälligen, zu unser aller jahrzehntelang erhofften
Generationenwechsel aufbauschen zu dürfen! Holla, welcher Generationenwechsel? ist da zu
fragen: etwa der von unsern physischen zu unsern geistigen Vätern? Nein danke, dafür
sind wir nicht 40 geworden, als daß das jetzt auch die nächsten 40 Jahre so weitergehen
könnte. Denn Gespräche mit meinen Generationsgenossen, den 78ern - gerade weil sie qua
Geburtenjahrgang keiner der beiden Kernwählergruppen angehören, weder den 70jährigen,
für die ein Kohl steht bzw. sitzt, noch den Mittfünfzigern oder eigentlich
Fast-schon-Sechzigern, die ein Schröder repräsentiert - Gespräche mit den 78ern, die im
kommenden September die entscheidenden Wechselwählerstimmen abgeben werden: diese
Gespräche bestätigen, daß es ihnen, daß es uns allen so geht: Die nächste Wahl ist
die schlimmste unsres Lebens. Wo ist denn der niedersächsische Clinton, lamentieren wir
unisono, wo der pfälzische Tony Blair, den man aus freien Stücken wählen könnte, wo
wenigstens ein oberbayrischer Viktor Orban, dessen ungarischer Namensvetter vor wenigen
Wochen, 35jährig, von seinen Landsleuten zum Ministerpräsidenten bestimmt wurde? Ja,
erfolgreiche Autoren, Musiker, Journalisten, Verleger
erfolgreiche Unternehmer
haben die 78er-Realos zuhauf hervorgebracht, allen voran Bill Gates, auch einen Jost
"Quereinsteiger" Stollmann. Aber einen Berufspolitiker jenseits der
Westerwellenlinie, den haben wir natürlich nicht vorzuweisen. Und weil wir folglich in
den Plenarsälen oder an den Präsidiumstischen der Parteitage gar nicht vorkommen,
folglich steht - egal ob Kohl, ob Schröder das große Septemberrennen machen wird - schon
der Verlierer dieser Wahl fest: Das sind in jedem Falle wir.
Vielleicht aber auch ist das politische Hofschranzentum gar nicht die Rolle, in die wir
rechtzeitig hätten hineinaltern sollen; vielleicht hat es durchaus seine Richtigkeit,
daß wir, die kritisch beobachtenden Dauer-Danebensteher, bis auf den heutigen Tag (fast)
ohne Sitz und Stimme sind im Parlament und also weiterhin danebenstehen: weil wir viel
besser sind im Danebenstehen als im (parteipolitisch für ein Programm Ein-)Stehen. Dann
aber sollten wir diese Rolle, die wir in unsern privaten Besserwisserzirkeln seit je
gespielt haben, auch endlich öffentlich wahrnehmen: die Rolle einer ehemals
linksliberalen, inzwischen freischwebenden APO-Intelligenzija, die sich überall dort zu
Wort meldet, wo uns vom Chor der Berufspolitiker bloß kleine und große Terzen
vorgesungen werden.
In dieser neuen Rolle der 78er kanns mit ironischer Kommentierung freilich nicht
mehr getan sein. Nein, die "Partei der Nichtwähler" zu wählen, wird man sich
dann verkneifen müssen, das Kokettieren mit einer "Anarchistischen Pogo-Par-tei
Deutschlands" ("Arbeit ist Scheiße!") ohnehin. Nein, "Guildo for
President!" oder die stammtischmäßig betriebne Suche nach einer deutschen
Cicciolina (Verona F.?), der man mit aller angestauten Wut auf die "etablierten"
Parteien seine Stimme geben könnte, das alles reicht dann nicht mehr, wenns darum
geht, die Partitur unsrer Bonner Seifenoper durch öffentliches Dazwischentönen
mitschreiben und demnach tatsächlich mal was verändern zu wollen. Reicht fürs erste
vielleicht schon ein zerknirschtes:
"Also gut, wir wählen Schröder, weil wir Kohls Gesicht nicht mehr ertragen -
aber nur, wenn wir damit auch gleichzeitig das Superweib, Claudia Nolte, den Kaiser und
den Bundesberti, Uli Wickert, Rita Süßmuth, Lea Rosh, DJ Bobo, Waldemar Hartmann und
Sabine Töpperwien und
"? Nein, das reicht längst nicht mehr, wir sind
umzingelt von Gesichtern, die wir viel zu lange ertragen haben, als daß wir sie jetzt,
mit einem einzigen Kreuz gegen Kohl, alle auf einmal entsorgen könnten.
Da müßte sich schon was Grundsätzlicheres ändern, und wir selbst sind es, die damit
anzufangen hätten. Unsre jahrzehntelang kultivierte Kunst der Distanzierung wird dabei
nur bedingt helfen; für die echte, die flächendeckende Entsorgung nämlich dürfte man
sich nicht länger zu fein sein, die entsprechenden Tonnen auch aufzustellen - das haben
wir während unsrer grünen Inkubationszeit doch eigentlich gelernt! - und erst mal
Prügel zu kassieren von denen, die entsorgt werden sollen. Z.B. für die These, daß die
Abschaffung des bayrischen Senats, die Halbierung von aller Art Abgeordnetensitzen, die
Berufung von Quereinsteigern in die Bonner Weiterwurstelmaschinerie, daß das alles nichts
als kosmetische Korrekturen sind; daß "draußen im Lande" längst unser
komplettes politisches System zur Debatte steht und daß diese Debatte auch endlich
öffentlich geführt werden müßte. "Das alte bundesrepublikanische Demokratiemodell
hat ausgedient", so hört mans allerorten munkeln; um dessen Kerngedanken gegen
den bevorstehenden Spartakus-aufstand der Arbeitslosen, Autonomen und rechten Glatzen zu
schützen - und welcher 78er wollte das nicht! - dafür müßten dringend die
nichtdemokratischen Elemente unsrer Demokratie gestärkt werden. Ganz recht,
Institutionen, die nicht unbedingt nur durch Volkes Wille legitimiert sind - so
munkelts - sondern durch den Willen einer kompetenten Minderheit. Ein riskantes
Gedankenspiel, sicher; und derjenige, der es mißverstehen will, tut gut daran, sofort die
politisch korrekt einjustierte Phrasendreschmaschine anzuwerfen. Eines jedoch habe ich
endlich begriffen - anläßlich einer Volkspartei, die es nur noch auf dem Papier ist, und
eines Spitzenkandidaten, der von ihr auf "demokratische" Weise Besitz ergriffen
hat, um seinen Willen zur Macht auszuleben: daß ich nicht länger bereit bin, das
lediglich mit einem resignierten Kreuzchen "fürs kleinere Übel" zu quittieren.