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Das war's: Rückblick auf zwei Jahre "Novel in
Progress"
Ein Rückblick - von Matthias
Politycki und Redaktion aspekte.online
Das war's - von Matthias
Politycki
Als Sie vor zwei Jahren
ins Netz aufbrachen, saßen Sie da vor der berühmten weißen Seite bzw. dem leeren
Bildschirm, oder waren Sie bereits mitten in einem Romanprojekt und womöglich auch
bereits online anderweitig aktiv?
Weder noch. "Marietta" war ursprünglich als vierter Teil des
"Weiberromans" geplant, Notizen dafür hatte ich seit etwa zehn Jahren
gesammelt, und als ich vor zwei Jahren bei Aspekte-Online anfing, stand bereits fest, daß
jener vierte Teil nicht etwa bloß als Fortsetzung des "Weiberromans", sondern
als eigenständiger Roman geschrieben werden sollte. Im Netz war ich zu diesem Zeitpunkt
aber noch nicht mal "passiv" unterwegs gewesen.
Mittlerweile schreiben Sie seit zwei Jahren im Netz -
hat sich das eigentlich für Sie gelohnt?
Geschrieben wird sinnvollerweise nach wie vor, meine ich, nur außerhalb des
Netzes; trotzdem, es war eine ärgerlich-anstrengend-spannend-vergnügliche
Zwangsmodernisierung mit einigen unverhofften Aha-Erlebnissen, deren langfristige Folgen
ich für mein weiteres Schreiben noch gar nicht absehen kann.
Heißt das, daß Sie sich auf dieses Abenteuer noch
einmal einlassen würden?
Eher nicht. Abenteuer sind nur dann echte Abenteuer, wenn man sie zum ersten Mal
absolviert; im Rückblick will es mir vorkommen, als hätten wir - das ZDF-Team, die User,
alle anderen, die daran beteiligt waren - mit dieser "Novel in Progress" etwas
Ähnliches erlebt, was vor hundert Jahren die ersten Autofahrer erleben mußten: jede
Menge Pannen - und trotzdem oder gerade deshalb einen gewissen Thrill. Schließlich stehen
wir ja ganz am Anfang einer Entwicklung, die in wenigen Jahren wahrscheinlich schon derart
nahtlos mit unser aller Alltagsleben verwoben sein wird wie eben heutzutage Autofahren.
Wenn wir dann, sagen wir im Jahre 2010, auf "Marietta" zurückblicken, werden
wir wahrscheinlich lächeln, weil mittlerweile so viel mehr (und auf so viel schnellere
und einfachere Weise) möglich sein wird, daß wir uns kaum mehr vorstellen konnten, wie
wir uns damals, Ende der 90er, über unsre kleinen digitalen Erfolge so freuen konnten.
Wo sehen Sie denn die Erfolge - und wo die
Mißerfolge?
Ein Erfolg ist es für einen wie mich bereits dann, der vor diesem Projekt
überzeugter Offline- und sogar Füllfederhalterschreiber war, wenn Hard- und Software
einigermaßen problemlos das tun, was man sich von ihnen erhofft: wenn die Übertragung
von Textdateien klappt (ohne daß dabei die Sonderzeichen ins Chinesische übersetzt
werden), wenn sich kleine Videosequenzen starten lassen (ohne daß der Rechner dafür eine
halbe Stunde Downloadzeit benötigt), wenn schließlich Romangliederung und -text so
verlinkt sind, daß man einigermaßen sinnvoll darin hin und her klicken kann.
Gab es denn ausschließlich auf dieser eher
technischen Ebene Erfolge?
Oh nein, da war die Mitarbeit der User, der gecasteten Hauptdarstellerin, die
Anregungen des Aspekte-Redakteurs, des Graphikers - insgesamt ein enormer Input an
Phantasie, so daß ich während der ersten Monate hauptsächlich damit beschäftigt war,
jene "Fremd-Phantasien" nicht zu großen Einfluß auf meine eignen gewinnen zu
lassen. Die Arbeit am eignen Schreibtisch ist ja wesentlich einfacher zu organisieren, da
stört einen lediglich der eine oder andre Querschläger im Kopf. - Zum Glück erlahmt das
diesbezügliche Interesse der User sehr schnell, der Leser will eben vor allem (im eignen
Kopf mitphantasierender) Leser sein, und das ist ja auch seit Jahrtausenden sein gutes
Recht.
Und die Mißerfolge, wo liegen die?
Vielleicht zunächst darin, daß manches noch nicht so rund, so perfekt zu
gestalten war, wie es möglich sein müßte, um das Projekt auf allen Ebenen graphisch so
umzusetzen, daß es nicht doch irgendwann zur "digitalen Bleiwüste" wird -
wobei dazu sicherlich ein viel größerer Aufwand, auch finanzieller Art, betrieben werden
müßte. Zum anderen wohl darin, daß man sich vom Netz anfangs viel zu viel erwartet:
Feedback, Kreativität, wer-weiß-welche Wunderdinge; und dann feststellen muß, daß es
doch immer wieder nur vereinzelt Menschen sein können, die sich mittels dieses Netzes
kreativ einmischen. Besonders deutlich wird das auf der Müllhalde des Netzes, den
Chatforen - die einzige Erfahrung, die wir dort machen mußten, war wohl eher
ernüchternd.
Kann es nicht sein, daß die Literatur für dieses
Medium einfach nicht so gut geeignet ist bzw. eine geeignetere Internetliteratur erst im
Werden ist?
Mag sein. In unserem Fall ging es ja auch nicht um Internetliteratur - die entsteht
wohl z.Zt. paradoxerweise eher in den Kreisen bildender Künstler -, sondern um
(herkömmliche) Literatur im Netz, um die Dokumentation einer Entstehungsgeschichte, an
deren Rändern auch noch ein wenig Interaktivität und Animation sein sollte.
Hat Sie diese
Interaktivität am Rande vielleicht sogar beim Schreiben gestört oder hatten Sie darauf -
u.U. dämpfenden - Einfluß?
Mein "Einflußgebiet" beschränkte sich ausschließlich auf das Forum, in
dem der Text zu entstehen hatte: die verschiedenen Versionen der Gliederung, die Tages-
bzw. Wochenrationen an Romanschnipseln, die Anlage einer Gesamtschnipseldatei, die lineare
Ordnung derselben zu einer Vorfassung des Romans; alles andere entstand, natürlich in
enger Absprache, unter der Regie von Aspekte-Online bzw. dem Mainzer Literaturbüro.
Tatsächlich hat mich das anfangs weniger ge- als verstört - und mir dabei sukzessive die
Augen geöffnet für eine Welt, die ich so noch nicht kannte. Das hatte dann natürlich
auch wieder einen gewissen Einfluß auf den Roman selbst.
Wollen Sie damit sagen, daß sich Ihr Schreiben im
Lauf dieser zwei Jahre geändert hat, Ihr Stil?
Nicht der Stil, denn der entsteht ja nach wie vor auf dem Papier, wohl aber die
Arbeitstechnik. Ich habe einige Vorurteile gegen Computer abbauen müssen, was letzten
Endes wahrscheinlich sogar einen veränderten Blick in die Welt ergibt, auch in die
Offline-Welt.
Noch irgendwas zum Abschluß?
Man sollte in dem ganzen Unternehmen nicht mehr und nicht weniger sehen als es ist:
nicht mehr - etwa den Versuch, lineares Erzählen (in Richtung fraktales Erzählen) zu
überwinden, den Leser zum Autor zu machen, das Ende der Buchkultur einzuläuten usw.;
nicht weniger - immerhin ist es, soweit ich weiß, die erste Langzeitdokumentation einer
Romanentstehung im Netz, eine Art digitales Marbach-Archiv einschließlich aller Vorstufen
und Nebenwege. - Und letztendlich, auch wenns trivial klingt: Hätte die Lust daran
nicht immer wieder die Unlust überwogen, dann wären wir sicherlich nicht so lange dabei
geblieben. Insofern Danke an alle, mit denen ich in den letzten zwei Jahren auch -
ziemlich oft gelacht habe.
"Das wars"
- vom Daten-Paten
Ein Rückblick - von Gerald Giesecke - Redaktion
aspekte.online
Zugegeben, ein wenig vollmundig der selbstverliehene
Titel, und doch entbehren redaktionelle Hege und Pflege eines heranwachsenden
literarischen Sprößlings auf der Speicherplatte - wie natürlich auch seines wagemutigen
digitalen Vaters - nicht dem Charakter familiären Zuwachses.
"Novel In Progress", das Experiment, Literatur mit
"Peep-Effekt" - Dank WWW - entstehen zu lassen, ist auch beim dritten Male
erfolgreich dem digitalen Kreißsaal entwachsen. Der Papa, im Netz MP genannt, hat
durchgehalten, 24 lange Monate lang, hat Schübe von Schnipseln dem Verpixeln anheim
gegeben, hat geduldig, mit niemals übergebührendem Respekt, die Mauern Multimedias
genommen, auch wenn sie anfangs denen spanischer Dörfer glichen. "Warum läuft denn
dieser SchXXX (Rudi: Schwarz)-Film nun wieder nur bei mir nicht?" - ein nicht
untypisches Zitat des MP aus den ersten schweren Monaten. Und auch der letzten, um ehrlich
zu sein.
Dass "Mac" und Pc", die alten Widersacher in der neuen Welt, mit diesem
Forsetzungsroman nun unbedingt einander näher gekommen seien, läßt sich wahrlich nicht
behaupten. Aber hier und da ist tatsächlich gelungen, die ständigen Steine des Absturzes
zwischen diesen beiden Hitzköpfen des Computerzeitalters kursorisch zu umgehen.
Die "Helden der Arbeit"
berichten dazu mehr. Falls der "Servierer" nicht steht.
Nun wäre es ein schlechter
Daten-Pate, käme er nicht spätestens an dieser Stelle von "Das Wars" auf
RL, Rudi Leitermann, zu sprechen. Auf ihn, dem es mit dieser "Novel In Progress"
erneut gelang, mit konsequenter, den vergleichsweise geringen Möglichkeiten des Mediums
zufolge zwangsläufig reduzierter Stringenz, von Kindesbeinen an ein passend Kleidchen
für "Marietta" zu entwerfen. Grafik und Multimedia im Netz, das heisst in
erster Linie Auseinandersetzung. Auseinandersetzung natürlich mit den zwei hinlänglich
bekannten digitalen Raufbolden (ist ein Mac eigentlich "pc"?), dazu mit
Speicherplatz und Ladezeit, mit konvertiertem Wort und Bild, sowie, nicht zuletzt, mit
Datenraten und Datenpaten.
Und dann gibt es da natürlich auch noch die kollektiven Kontrahenten des Trios MP, RL und
ggg, Zeit und Geld. "Wer kennt diese nicht?" wird man da einwenden, und doch,
wer gegen 01:30 Uhr zum 17. Male versucht, zwischen Hamburg-Eimsbüttel, dem
Redaktionsgebäude am Mainzer Lerchenberg sowie dem ebenfalls dort befindlichen Hochhaus,
ein noch nicht einmal zuckelfreies Minifilmchen ("Marietta moderiert im Roxi")
(Rudi: Link) mittels aller beteiligten RAMs zum Laufen zu bringen, wer MP zum 15 Male
wegen der zurecht eingeforderten "Gesamtschnipseldatei" vertrösten musste, wer
als letzte mentale Zuflucht nach Dreharbeiten sich selbst - als Trio - zu nur bedingt
turbulenten Familienfeiern fremder Mitmenschen im Hotel einlädt, der darf von Stress mit
Fug und Recht berichten.
Damit aber Schluß jetzt, den dieses "Das wars" sollte besser heißen
"Das wars - schade eigentlich".
"Marietta" ist zu einer Freundin geworden, einem
bisweilen launischen Biest zwar, aber doch einem "Baby", dem noch ein langes
Dasein bevorsteht. Ein befristetes hypertextuelles Dasein bei ZDF aspekte.online, eine
lineare Existenz im "Mann von 40 Jahren" und, so ist das mit anregender
Literatur - ganz gleich in welchem Medium - einem Ehrenplatz auf der Kommode des
Datenpaten.
Dank gilt nicht zuletzt der konsumierenden, kritisierenden und leider mit ihrem Genius
etwas geizenden Gemeinde am heimischen PC. Wieviel einfacher wäre doch das Leben des noch
immer jungen Gregor Schattschneider, um nur ein Beispiel zu nennen, ohne Laura, dieses
Gör, das erst im "Parallelforum" das Licht der Welt erklickte und dessen Daten-
Patin - eine gewisse Silke Hennemann - den Autor MP vor nicht geringe Aufgaben stellte.
Nebenan Mariettas "Gästebuch", genutzt für An- Un- und Übermut. Es geriet
mehr zu einem Sammelsurium meinender Netzsurfer und weniger zu dem kontinuierlichen Forum,
als das es eigentlich gedacht war. Dennoch erinnerten die vielfältigen Einträge im
Gästebuch den Autor immer wieder an die zahlreichen Schlüssellöcher zu seiner
Schreibstube. Jawohl, ein wenig Schauspielerei gehört schon dazu, für einen
Schriftsteller im Netz.
Apropos "Aufgaben des Autors" und Schauspielerei:
Dank gebürt auch der Hamburgerin Maike Schiller, die "Marietta" in der
Vorstellung der User eine charmant-möndäne Livehaftigkeit verlieh.
Und MP selbst? Ein Schreiber, der das Netz benutzt, ihm nicht
verfällt, der die Höhen und Tiefen der "Literatur im Internet" in
Ausnahmefällen auch mal ohne Amusement auslotet. Zumindest meine ich, mich daran zu
erinnern. MP, das ist einer, mit dem man wirklich gern durchs virtuelle Dick und Dünn
geht.
PS: Eine "Novel In Progress 4" wird es geben. Die
Vorbereitungen laufen ...
 
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