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Parallel FORUM

Ein Sakko für Gregor
"Max, ich hatte dir gesagt: Größe 52! Und was kaufst du? 54!" Fahrig, wie Gregor – in rotem Jeans-Hemd posierend - neben dem viel zu kleinen Tisch im Café herumhampelte, mit den Schultern wackelte und zum dritten Mal die ominöse Jacke aus- und wieder anzog. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, was aber nicht bedeutete, daß er Max auch nur ein Deut leid tat.
"Und du würdest wirklich ehrlich sagen, daß dies Baumrindengrün, was du da ausgesucht hast, mein intellektuelles Ego unterstützt?" Gregors nörgelig aufgeworfene Lippen.
"Das ist ja nun wohl die Höhe. Als du mich gestern aus dem Bett geholt hast, hab ich dir von Anfang an gesagt, daß diese Idee von dir, die mit dem Sakkokauf, daß das jedenfalls eine Wahnsinnsidee sei. Und nun hast du noch die Stirn, komisch-kritische Nachbetrachtungen zu führen." Max, der sozusagen auf die eigene Explosion wartete, merkte, wie ihm der Kamm schwoll: "Verdammt noch mal! Das mußte doch schiefgehen, daß ich heute morgen für d i c h den oder das Sakko kaufen sollte. - Wie heißt das übrigens? Der oder das? Der Verkäufer wußte es auch nicht genau - Ich meine ehrlich, Gregor: Welcher halbwegs vernünftige Mann regelt den Kauf eines solchen Kleidungsstücks nicht selber?"
"Beides geht." Gregor stand immer noch steif in der neuen Jacke, als hätte sie Stahlärmel. "Der oder das. Du warst derjenige, der diese Sache doch in aller Ruhe für mich erledigen konnte, weil ich den überraschenden Termin bei dem Cheflektor heute habe." Max nahm im unscharf fokussierten Hintergrund die beiden Blondinen wahr, die ihn und Gregor unverhohlen angafften - jede von ihnen mit einer Tortengabel bewaffnet. "Ja und weil du doch so zentral in der City wohnst, gewissermaßen Spinne im Netz, ja...? Von dem Termin bei Loritzky hängt enorm viel ab."
Max hörte den Vulkan in sich brodeln. "Hast du gesagt: überraschend? Der Joke des Monats! Weißt du, daß du mir von diesem elenden Termin schon vor vier Wochen erzählt hast!"
"Also für mich war es insofern schon überraschend, wenn man bedenkt, daß mir erst gestern abend die Sache mit dem Sakko eingefallen ist." Im Winden hatte Gregor Wurmqualitäten. "Und ich dachte, daß du als mein bester Freund, also weil ich mit meinem normalen Aufzug, na du weißt schon, da heute nicht so erscheinen könnte, daß du vielleicht..... Na ja, du hast ja dann auch. Und ich danke dir nochmals. Aber, aber es gibt trotzdem Probleme, das mußt du doch zugeben."
"Und warum bist du wieder in der alten Gregor-Manier eine halbe Stunde später als verabredet aufgetaucht, um die Szene jetzt zum Kostümfest zu machen? Nicht mal die Morgenzeitungen waren hier, haben sie behauptet. Aus Langeweile mußte ich also schon am frühen Morgen herumflirten. Du weißt, wie anstrengend das auf fast nüchternen Magen ist. Vielleicht sogar ungesund!" Die Frauenköpfe drehten sich abrupt wieder einander zu.
" Ach so, diese kleine zeitliche Verschiebung - heute morgen nach dem Frühstück ist mir noch eine sagenhafte Manuskriptänderung eingefallen.– Aber das Baumrindengrün von dem Sakko gefällt mir trotzdem nicht."

"Weinlaub! Weinlaubgrün heißt diese neue Farbe! Ist übrigens todschick! Nimm endlich Platz! Außerdem kannst du das Ding umtauschen." Max war inzwischen stocksauer. "Weißt du, was du zu mir gesagt hast? Weißt du’s noch?" Gregor sah Max nervös an. Der Nebentisch war unserem Kino wieder zugeschaltet. "Und kauf bitte nicht sowas Stink-Normal-Langweiliges. Es muß schon irgendwie was haben. Genau das hast du gesagt!"
"Das Grün steht mir trotzdem nicht. Eine Farbe, als ob mir gleich Flechten aus den Ohren herauswachsen müßten. Und guck dir bitte doch mal diese Ärmel an. Die Ärmel sind entschieden zu lang!"

Gregor ließ seine Finger schneckenartig in den beiden Arm-Röhren verschwinden. "Superschick sind die. Auch in der Länge. Das wirkt großzügig..." hätte Max sagen wollen, hatte auch schon "Du kaufst ohnehin alles viel zu eng." auf der Zunge, als Gregor noch einmal mit beiden Armen nach vorn in die Luft griff - so wie man vielleicht ans Hochreck geht -, nicht ohne Max dabei schmollend zu fixieren, um danach die Arme resigniert nach hinten auspendeln zu lassen – eigentlich mehr ein Abgang vom Barren aus alten Sportkurs-Turnertagen, allerdings ohne daß er dabei die couragiert-entschlossene Stimme der Kellnerin "So bitteschön , meine Herren! Hier kommt Ihr Kaff..." mit ihrem niedlichen weißen Schürzchen vor dem Bauch wahrnahm.

Es wurde richtiges Action-Morgen-Feuerwerk. Mit klirrendem Glas, polterndem Geschirr. Einer Sahnezunge in der Luft, die nur für Sekundenteile sichtbar blieb. (In einem amerikanischen Film hätten sie deswegen slow motion eingesetzt.) Mit Gregor, der rückwärts gegen einen Stuhl und einen zum Glück unbesetzten Tisch crashte . Und dem Aufschrei der Kellnerin, der nun so gut wie alle Cafébesucher zur Anteilnahme zwang.

Das einzige, was wie vorher blieb, war das Tablett im festen Griff der Kellnerin und die Stimme des englischen Lautsprechersängers, der sich schon vorher von seinem Band aus dezent gemüht hatte, die Leute für den Tag aufzumuntern. Zu den stark veränderten Tatbeständen mußte man den Zustand  von Gregors neuem Sakko zählen.  "Geben Sie her! Geben wir sofort in die Reinigung!" Der Café-Chef mit der Vollglatze hatte sich von seiner Stammposition hinter dem Tresen gelöst. Bevor Gregor reagieren konnte, riß er ihm den Sakko von den Schultern. "Nur Kaffee. Kaffeeflecken sind ein Klacks. Überhaupt kein Problem!"
"Doch!" sagte Gregor. Er hatte sich endlich gesetzt. "Zumindest könntest du nun ein anständiges Bild bei Mariettas Salon abgeben." Max schob den Kassenbon unter den Blumen zu ihm herüber. "Für den Fall, daß du es oder ihn umtauschen willst." Warum Max dabei an einen Hund dachte, wußte er selbst nicht.


Rüdiger Rose - Wilhelmshaven