Novel in Progress - Marietta




Ein Mann von vierzig Jahren


Der RomanOh ja, Sie haben recht: Namen gibt’s, die sind fatal, sind unberechenbar und stolz und schlank, sind voll von Eigensinn und Willen. Wohl aber werden Sie auch zugestehen, daß es bloß einen einz’gen Namen gibt, in dem die Schneekristalle glitzern - obwohl’s ja längst septembert und die Sonne sticht -, einen einz’gen Namen, der ganz grau ist, ganz grün und ganz blau und ganz grau ist, obwohl Sie ihn mit beiden Händen fast umgreifen könnten: einen einzigen Namen, den keiner je verstand, versteht, verstehen wird, so leicht hüpft er von einem Seelenrand zum andern: Marietta -
 

 

   
(01, a) Eine Zeitlang hatte’s so ausgesehen
,

als ob man einfach immer weiterwursteln würde (#der gähnende Kaktus, das rülpsende Meerschwein, der fluchende Flaschenöffner#), dann aber war’s ein 21. April, dunkles Wetter draußen - und drinnen nur wenige Sekunden noch bis Mitternacht. Wenn Gregor geahnt hätte, daß er demnächst sogar ein Faible für rote Haare entwickeln würde, wenn Gregor geahnt hätte statt an seiner Brille rumzuputzen: dann … wäre trotzdem jetzt der Vorhang zur Seite geruckelt.
Aus der Nachbarkoje, wo seit einer guten Stunde der dänische? schwedische? Sprachschatz vor Ulla ("Françoise") und Helga ("Jennifer") aussortiert wurde, erscholl ein dreigekehltes "Ho-ho!", und Gregor setzte sich die Brille wieder auf.

"Kein Grund zur Panik",


legte ihm Mascha ihr linkes Bein über die Schulter und winkte der Tresenschlampe, um ihm einen Pikkolo zu spendieren und sich selbst auch einen, damit sie gleich, "wie sich’s gehört, du Stoffel", mit ihm anstoßen konnte: "Kein Grund zur Panik, Grischa, die Pubertät hört bei euch Männern ja nicht mal mit vierzig auf."
"Von wegen ‘naughty forty’", schlenkerte Max mit seinem Bierglas vom andern Ende der Couch eine Art Herzlichen-Glückwunsch, ohne dabei den Blick von der Bühne zu ziehen: Er werde’s jetzt ja selber sehen, daß man mit vierzig so langsam in ein Alter reingerate - schlenkerte Max eine Art Herzliches-Beileid - in ein Alter, wo man eher vor dem
fliehe, vor dem , als es, naja, anzustreben.

Max lachte stoßweise,


ohne den Mund dabei zu öffnen, und zwar vorzugsweise über seine eignen Bemerkungen, so daß man selber überhaupt keine Lust hatte, zu lachen. Und wenn er dabei seine Zigarette auch noch wie ein Obstmesser hielt, dann: hatte er die Ausstrahlung eines Steuerbetrügers im kleinen Stil (gerade weil er bestrebt war, wie ein Steuerbetrüger im großen Stil zu wirken);

Der RomanDagegen der Himbeer-Bäschtle, der ja erst in drei Monaten geköpft werden sollte, lehnte am Tresen und überblickte sein Reich. Ab & zu spendierte er dem Riesen, der neben ihm lehnte und aussah wie ein bejahrter glatzköpfiger Ringer, einen Obstler; während er einen kleinen Menschen auf sich einreden ließ.
Während die Tresenschlampe mit aller vorwurfsvollen Umständlichkeit die beiden Pikkolos herbeischlurfte, während die Tresenschlampe ihr Mitternachtslächeln aufsetzte und nicht wußte,
ob sie Gregor gratulieren oder Mascha berüffeln sollte, weil die in ihrer russisch-unorthodoxen Art mal wieder die Spielregeln hier auf den Kopf stellte. Gregor lächelte zurück und war im übrigen sehr damit beschäftigt, das Glänzen der Wölbung zu ignorieren, ja: als sei ihm alles im Moment lästig - Mascha, die zum Glück bald wieder runterrutschen würde von der Sofalehne, weil sie als nächste auf die Bühne mußte; Erykah, die ihm von ebendort, breitbeinig wippend, breitbeinig kreisend, ihren Herzlichen-Glückwunsch entgegenstreckte und dabei, zwischen ihren braunen Beinen hindurch zwischen ihren Kniekehlen: die roten Lippen zum Kußmund zusammenrollte. Die roten Lippen auseinander- und eine rosafarbene Kaugummiblase daraus hervorstülpte, die (wie oft hatte man das schon beobachtet?) ganz langsam größer sich dehnte - ganz langsam noch größer sich dehnte - noch größer - und - platzte, die Blase: Lästig, das alles - das leuchtende Gesicht von Erykah, ihre leuchtenden Zähne, das Geklatsche der Clique, die ganz vorne saß, ganz-vorne-dran-am-Geschehen, das "Ho-ho" aus der Nachbarkoje, das schräge Licht, die schräge HipHop-Version von Staying Alive, der Dunst, die vielen dicken Lippen rundum, nicht zu vergessen: Max, der zwar endlich mal den Mund hielt, mit dem er vom DAX ansonsten schwärmte und seiner "Performance", von "Blue Chips" ("Mann, triple-A, sag ich dir!") und ihrem "Kurs-Gewinn-Verhältnis" - alles lästig, oberlästig und nicht mal annähernd so, bemühte sich Gregor auszustrahlen, wie er sich einen 22. April vorstellte, jedenfalls wenige Sekunden nach Mitternacht.
Abgesehen natürlich von Erykah: die sich inzwischen an den Bühnenrand gekniet hatte und, unter dem Anfeuerungsgejapse seiner Nebensitzer, sich zu einem runterbeugte, der bislang bloß als kahlgeschorner Hinterkopf existiert hatte, als dünner, langgestreckter Hals, um den sich ein FC Bayern-Schal schlang. Sich runterbeugte - wie oft hatte man das schon gesehen! - sich runterbeugte, der Schalträger wagte’s nicht, sich zu rühren, sich rüberbeugte zu ihm und: ihm ihren Kaugummi an die Bierflasche klebte.

Erykah - sie war nicht etwa auf irgendeine reale, kleinbürgerlich nudistische Weise nackt, sondern täuschte diese Nacktheit lediglich vor: Je mehr Wäschestücke sie sich vom Körper zog, desto unberührbarer wurde sie - eine sehr sorgfältige Inszenierung der Macht, nur scheinbar locker aus der wippenden Hüfte heraus, eine rituelle Verzögerung aller Bewegungen, die an sich selbst genug hatten, eine autoerotische Eskalation der Langsamkeit - man hätte sie prügeln wollen, so herrlich langsam bewegte sie sich. Ja, Erykah, deutlich für jeden im Raum zu spüren, sie war sich selbst genug, brauchte keinen einzigen der Männer, die jede ihrer kleinen sparsamen Gesten mit dem ganzen Körper verfolgten, die mit ihrem Anblick sämtliche Zoten vergessen hatten, mit denen sie sonst die diversen Auftritte kommentierten - Erykah brauchte sie allenfalls als Gesamtkulisse, der sie zeigen konnte, wie sie sich an ihrem eignen Körper erregte: sie verführte, sie verzauberte sich selbst, ihr starrer Blick ging nach innen, wunschlos befriedigt an ihrem eignen Anblick, den ihr die Spiegel rund um die Bühne zuwarfen, eine sakrale Nacktheit, die einem nichts andres übrigließ als festen Arsches zu sitzen und zu hoffen, daß sie immer dort oben bleiben würde, auf der Bühne, und zu hoffen, daß sie dort endlich verschwinden würde, auf daß man wieder sein Bierglas ergreifen konnte und die Demütigung vergessen …

Anm.: "Voyeurismus ist nicht bloß Probehandeln. Voyeurismus ist Handlungsersatz - ein Desillusionierungsprogramm für hartnäckige Restromantiker"…

"Ein Vollwertweib", flüsterte Max all das zusammen, was er sicherlich gern über sie geflüstert hätte, wenn er nicht auf den Salon hätte zu sprechen kommen müssen, auf den Salon und die Einladung dorthin.

Immer hatte sich Gregor bemüht,


Der Romanselbst fadenscheinigste Vorwände nicht scheuend, seinen Geburtstag unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu verbringen oder jedenfalls: allein mit der Frau zu verbringen, um die’s gerade ging (Max bespöttelte sie, ohne Ansehn der Person, gern als "seine jeweilige Lebensabschnittsgefährtin"): sei’s mit Lou, mit Katarina, mit Eva, die zwar immer besonders nett sein wollten, freilich meist alles verdorben hatten, weil sie derlei Termine gern zum Anlaß nahmen, um über "den weiteren Verlauf unsrer Beziehung" zu diskutieren; sei’s mit - seit jenem verrückten 22. April ‘94, da er ihr gerade mal eine Woche zuvor die allererste "Hausmarke" ausgegeben hatte - sei’s mit Mascha, die auch den April des darauffolgenden und den April dieses Jahres allenfalls zum Anlaß genommen, ihren Unterschenkel über seinen Hals zu streicheln, hin & her, als ob’s mit ihr immer so weitergehen und man selber allenfalls damit beschäftigt sein würde, dabei sehr desinteressiert dreinzusehen.
Diesmal allerdings, dunkles Wetter draußen - und drinnen erst wenige Minuten nach Mitternacht, diesmal hatte sich’s nicht verhindern lassen, daß auch Max mit in der Koje saß, Max Schmedt auf der Günne, sein bester, sein einziger Freund aus Lengericher -
sein definitiver Ex-Freund aus Wiener Tagen -
Max Schmedt auf der Günne, ein sogenannter guter Bekannter inzwischen wieder oder gar so was wie ein "Fast-Freund": dem’s an der Zeit jetzt schien, seinen Pferdeschwanz in die Hand zu nehmen, rasch und kräftig daran herunterzustreichen, mit vorwurfsvollem Blick ein paar Haare aus der Hand zu zählen und, den Haaren vorwurfsvoll hinterhersinnierend, mit seiner "Geburtstagsüberraschung" rauszuplatzen:

Ein Kinderspiel sei’s übrigens nicht gerade gewesen,


zischte er an Maschas Unterschenkel vorbei und in Gregors Ohr hinein, auf daß dessen "Lebensabschnittsgefährtin" nicht etwa Anlaß fände zur Eifersüchtelei: nicht gerade ein Kinderspiel, aber als er ihr erzählt habe, daß Gregor "ein begnadeter Klappentexter" sei, da habe Marietta ihren Widerstand aufgegeben, "noch einen von Eckarts alten Schulfreunden" einzuladen.
Klappentexter? habe sie ihn, Max, gefragt, worauf er geantwortet habe: Das könne sie ihn, Gregor, dann ja gleich selber erklären lassen.

Gregors Einwände: Aber wir sind doch gar keine Freunde mehr!
Anm: Seitdem er sich - als dessen Computer-Hiwi - auch mit Ecki verkracht hatte, weil er’s nicht einsah, Windows zu installieren; wenig später legte er sich übrigens einen Mac zu, einen durch seine blaue Hülle hindurchschimmernden iMac, und weil auch die Maus von innen leuchtete, statt nur grau und schäbig auf ihrem Mauspad herumzuliegen, war die Computerwelt seither für ihn wieder in Ordnung

Der RomanKlappentexter, wiederholte Gregor und verfolgte mit einem Auge das Bühnengeschehen: verfolgte, wie sich Erykah dort ihres dritten und letzten Slips entledigte - zunächst zog sie ihn stets ein paarmal über ihre Hüftknochen und wieder zurück, als sei sie unschlüssig, und dann, plötzlich, mit einem einzigen Sekundenschwung, bis zur Stiefelspitze runter, mit der sie ihn, noch in derselben Bewegung, hinter die Bühne schlenzte.
Klappentexter, na klar! zischelte Max: Wo-er-doch-so-oft-gemaunzt-habe-er-würde-auch-mal-gerne! Nun, an diesem Donnerstag, da dürfe er also! da dürfe er endlich! da sei’s soweit.
"Ist das nicht ‘n bißchen Hals-übern-Kopf?" hätte Gregor gern protestiert; freilich war ihm da Max schon längst -
"Von wegen Ich-würd-auch-mal!" hätte Gregor gern protestiert: Einzig erkundigt habe er sich nach ihrem komischen Salon, nicht etwa gemaunzt; freilich war ihm da Max schon längst samt einem kleinen Briefumschlag in die Sakkotasche gefahren, nicht ohne sie beim Zurückziehen der Hand mit seiner langen knochigen Neugier zu befingern, nicht ohne seine Überraschung, seine Enttäuschung, seine Empörung, seine Verachtung erst augenbrauenbuschig hoch- und dann an der Nasenwurzel zusammenzuziehen:
Fast hätte er’s ja vergessen zu sagen - Gregor tue sicher gut daran, sich um ein "angemessneres Outfit" zu kümmern.
Angemessneres Outfit? wiederholte der, und die Welt drehte sich, jedenfalls auf der Bühne, drehte sich einen letzten Augenblick lang um die eigne Achse, verbeugte sich und war braun. Ehe Gregor dann freilich dagegenhalten konnte, ob’s etwa angemessner wäre, "wie ein abgewichster Immobilienhai!" rumzulaufen, "wie ein verkrachter Börsenspekulant!", "wie ein! wie ein! Max Schmedt auf der Günne": klingelte dessen Handy, wer weiß, an welchem Ende des "Dow Jones" der Bulle oder der Bär los war.

was heißt "klingelte", es spielte die ersten Takte von "90er-Hit", jedes Mal, und zwar je länger, desto gedankenverlorener sich Max die Sakkotaschen durchwühlte.

Max ließ seine Lieblingswörter los ("Shareholder’s Value", "Outsourcing", "Joint Venture"); Mascha zog ihr Bein zurück; Gregors Hand rutschte in Richtung Sakkotasche.


Es war nicht leicht, vierzig zu werden.
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