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(01, a) Eine Zeitlang hattes so ausgesehen,
als ob man einfach immer weiterwursteln würde (#der gähnende Kaktus, das
rülpsende Meerschwein, der fluchende Flaschenöffner#), dann aber wars ein 21.
April, dunkles Wetter draußen - und drinnen nur wenige Sekunden noch bis Mitternacht.
Wenn Gregor geahnt hätte, daß er demnächst sogar ein Faible für rote Haare entwickeln
würde, wenn Gregor geahnt hätte statt an seiner Brille rumzuputzen: dann
wäre
trotzdem jetzt der Vorhang zur Seite geruckelt.
Aus der Nachbarkoje, wo seit einer guten Stunde der dänische? schwedische? Sprachschatz
vor Ulla ("Françoise") und Helga ("Jennifer") aussortiert wurde,
erscholl ein dreigekehltes "Ho-ho!", und Gregor setzte sich die Brille wieder
auf.
"Kein Grund zur Panik",
legte ihm Mascha ihr linkes Bein über die Schulter und winkte der Tresenschlampe,
um ihm einen Pikkolo zu spendieren und sich selbst auch einen, damit sie gleich, "wie
sichs gehört, du Stoffel", mit ihm anstoßen konnte: "Kein Grund zur
Panik, Grischa, die Pubertät hört bei euch Männern ja nicht mal mit vierzig auf."
"Von wegen naughty forty", schlenkerte Max mit seinem Bierglas vom
andern Ende der Couch eine Art Herzlichen-Glückwunsch, ohne dabei den Blick von der
Bühne zu ziehen: Er werdes jetzt ja selber sehen, daß man mit vierzig so langsam
in ein Alter reingerate - schlenkerte Max eine Art Herzliches-Beileid - in ein Alter, wo
man eher vor dem fliehe, vor dem  , als es, naja,
anzustreben.
Max lachte stoßweise,
ohne den Mund dabei zu öffnen, und zwar vorzugsweise über seine eignen
Bemerkungen, so daß man selber überhaupt keine Lust hatte, zu lachen. Und wenn er dabei
seine Zigarette auch noch wie ein Obstmesser hielt, dann: hatte er die Ausstrahlung eines
Steuerbetrügers im kleinen Stil (gerade weil er bestrebt war, wie ein Steuerbetrüger
im großen Stil zu wirken);
Dagegen der Himbeer-Bäschtle, der ja erst in drei Monaten geköpft
werden sollte, lehnte am Tresen und überblickte sein Reich. Ab & zu spendierte er dem
Riesen, der neben ihm lehnte und aussah wie ein bejahrter glatzköpfiger Ringer, einen
Obstler; während er einen kleinen Menschen auf sich einreden ließ.
Während die Tresenschlampe mit aller vorwurfsvollen Umständlichkeit die beiden
Pikkolos herbeischlurfte, während die Tresenschlampe ihr Mitternachtslächeln aufsetzte
und nicht wußte, ob sie Gregor gratulieren oder Mascha berüffeln
sollte, weil die in ihrer russisch-unorthodoxen Art mal wieder die Spielregeln hier auf
den Kopf stellte. Gregor lächelte zurück und war im übrigen sehr damit beschäftigt,
das Glänzen der Wölbung zu ignorieren, ja: als sei ihm alles im Moment lästig
- Mascha, die zum Glück bald wieder runterrutschen würde von der Sofalehne, weil sie als
nächste auf die Bühne mußte; Erykah, die ihm von ebendort, breitbeinig
wippend, breitbeinig kreisend, ihren Herzlichen-Glückwunsch entgegenstreckte und dabei,
zwischen ihren braunen Beinen hindurch zwischen ihren Kniekehlen: die roten Lippen zum
Kußmund zusammenrollte. Die roten Lippen auseinander- und eine rosafarbene Kaugummiblase
daraus hervorstülpte, die (wie oft hatte man das schon beobachtet?) ganz langsam größer
sich dehnte - ganz langsam noch größer sich dehnte - noch größer -
und - platzte, die Blase: Lästig, das alles - das leuchtende Gesicht von Erykah, ihre
leuchtenden Zähne, das Geklatsche der Clique, die ganz vorne saß,
ganz-vorne-dran-am-Geschehen, das "Ho-ho" aus der Nachbarkoje, das schräge
Licht, die schräge HipHop-Version von Staying Alive, der Dunst, die vielen
dicken Lippen rundum, nicht zu vergessen: Max, der zwar endlich mal den Mund hielt, mit
dem er vom DAX ansonsten schwärmte und seiner "Performance", von
"Blue Chips" ("Mann, triple-A, sag ich dir!") und ihrem
"Kurs-Gewinn-Verhältnis" - alles lästig, oberlästig und nicht mal
annähernd so, bemühte sich Gregor auszustrahlen, wie er sich einen 22. April vorstellte,
jedenfalls wenige Sekunden nach Mitternacht.
Abgesehen natürlich von Erykah: die sich inzwischen an den Bühnenrand gekniet hatte und,
unter dem Anfeuerungsgejapse seiner Nebensitzer, sich zu einem runterbeugte, der bislang
bloß als kahlgeschorner Hinterkopf existiert hatte, als dünner, langgestreckter Hals, um
den sich ein FC Bayern-Schal schlang. Sich runterbeugte - wie oft hatte man
das schon gesehen! - sich runterbeugte, der Schalträger wagtes nicht, sich zu
rühren, sich rüberbeugte zu ihm und: ihm ihren Kaugummi an die Bierflasche klebte.
Erykah - sie war nicht etwa auf irgendeine reale, kleinbürgerlich nudistische
Weise nackt, sondern täuschte diese Nacktheit lediglich vor: Je mehr
Wäschestücke sie sich vom Körper zog, desto unberührbarer wurde sie - eine sehr
sorgfältige Inszenierung der Macht, nur scheinbar locker aus der wippenden
Hüfte heraus, eine rituelle Verzögerung aller Bewegungen, die an sich selbst genug
hatten, eine autoerotische Eskalation der Langsamkeit - man hätte sie prügeln wollen, so
herrlich langsam bewegte sie sich. Ja, Erykah, deutlich für jeden im Raum zu spüren, sie
war sich selbst genug, brauchte keinen einzigen der Männer, die jede ihrer kleinen
sparsamen Gesten mit dem ganzen Körper verfolgten, die mit ihrem Anblick sämtliche Zoten
vergessen hatten, mit denen sie sonst die diversen Auftritte kommentierten - Erykah
brauchte sie allenfalls als Gesamtkulisse, der sie zeigen konnte, wie sie sich an ihrem
eignen Körper erregte: sie verführte, sie verzauberte sich selbst, ihr starrer Blick
ging nach innen, wunschlos befriedigt an ihrem eignen Anblick, den ihr die Spiegel rund um
die Bühne zuwarfen, eine sakrale Nacktheit, die einem nichts andres übrigließ
als festen Arsches zu sitzen und zu hoffen, daß sie immer dort oben bleiben würde, auf
der Bühne, und zu hoffen, daß sie dort endlich verschwinden würde, auf daß man wieder
sein Bierglas ergreifen konnte und die Demütigung vergessen
Anm.: "Voyeurismus ist nicht bloß Probehandeln. Voyeurismus ist
Handlungsersatz - ein Desillusionierungsprogramm für hartnäckige
Restromantiker"
"Ein Vollwertweib", flüsterte Max all das zusammen, was er
sicherlich gern über sie geflüstert hätte, wenn er nicht auf den Salon hätte zu
sprechen kommen müssen, auf den Salon und die Einladung dorthin.
Immer hatte sich Gregor bemüht,
selbst
fadenscheinigste Vorwände nicht scheuend, seinen Geburtstag unter Ausschluß der
Öffentlichkeit zu verbringen oder jedenfalls: allein mit der Frau zu verbringen,
um dies gerade ging (Max bespöttelte sie, ohne Ansehn der Person, gern als
"seine jeweilige Lebensabschnittsgefährtin"): seis mit Lou, mit Katarina,
mit Eva, die zwar immer besonders nett sein wollten, freilich meist alles
verdorben hatten, weil sie derlei Termine gern zum Anlaß nahmen, um über "den
weiteren Verlauf unsrer Beziehung" zu diskutieren; seis mit - seit jenem
verrückten 22. April 94, da er ihr gerade mal eine Woche zuvor die allererste
"Hausmarke" ausgegeben hatte - seis mit Mascha, die auch den
April des darauffolgenden und den April dieses Jahres allenfalls zum Anlaß genommen,
ihren Unterschenkel über seinen Hals zu streicheln, hin & her, als obs mit ihr
immer so weitergehen und man selber allenfalls damit beschäftigt sein würde, dabei sehr
desinteressiert dreinzusehen.
Diesmal allerdings, dunkles Wetter draußen - und drinnen erst wenige Minuten nach
Mitternacht, diesmal hatte sichs nicht verhindern lassen, daß auch Max mit in der
Koje saß, Max Schmedt auf der Günne, sein bester, sein einziger Freund aus
Lengericher -
sein definitiver Ex-Freund aus Wiener Tagen -
Max Schmedt auf der Günne, ein sogenannter guter Bekannter inzwischen wieder oder gar so
was wie ein "Fast-Freund": dems an der Zeit jetzt schien, seinen Pferdeschwanz
in die Hand zu nehmen, rasch und kräftig daran herunterzustreichen, mit vorwurfsvollem
Blick ein paar Haare aus der Hand zu zählen und, den Haaren vorwurfsvoll
hinterhersinnierend, mit seiner "Geburtstagsüberraschung" rauszuplatzen:
Ein Kinderspiel seis übrigens nicht gerade gewesen,
zischte er an Maschas Unterschenkel vorbei und in Gregors Ohr hinein, auf daß
dessen "Lebensabschnittsgefährtin" nicht etwa Anlaß fände zur
Eifersüchtelei: nicht gerade ein Kinderspiel, aber als er ihr erzählt habe, daß Gregor
"ein begnadeter Klappentexter" sei, da habe Marietta ihren Widerstand
aufgegeben, "noch einen von Eckarts alten Schulfreunden" einzuladen.
Klappentexter? habe sie ihn, Max, gefragt, worauf er geantwortet habe: Das könne sie ihn,
Gregor, dann ja gleich selber erklären lassen.
Gregors Einwände: Aber wir sind doch gar keine Freunde mehr!
Anm: Seitdem er sich - als dessen Computer-Hiwi - auch mit Ecki verkracht hatte,
weil ers nicht einsah, Windows zu installieren; wenig später legte er sich
übrigens einen Mac zu, einen durch seine blaue Hülle hindurchschimmernden iMac,
und weil auch die Maus von innen leuchtete, statt nur grau und schäbig auf ihrem Mauspad
herumzuliegen, war die Computerwelt seither für ihn wieder in Ordnung
Klappentexter, wiederholte Gregor und verfolgte mit einem Auge das
Bühnengeschehen: verfolgte, wie sich Erykah dort ihres dritten und letzten Slips
entledigte - zunächst zog sie ihn stets ein paarmal über ihre Hüftknochen und wieder
zurück, als sei sie unschlüssig, und dann, plötzlich, mit einem einzigen
Sekundenschwung, bis zur Stiefelspitze runter, mit der sie ihn, noch in derselben
Bewegung, hinter die Bühne schlenzte.
Klappentexter, na klar! zischelte Max:
Wo-er-doch-so-oft-gemaunzt-habe-er-würde-auch-mal-gerne! Nun, an diesem Donnerstag, da
dürfe er also! da dürfe er endlich! da seis soweit.
"Ist das nicht n bißchen Hals-übern-Kopf?" hätte Gregor gern
protestiert; freilich war ihm da Max schon längst -
"Von wegen Ich-würd-auch-mal!" hätte Gregor gern protestiert: Einzig erkundigt
habe er sich nach ihrem komischen Salon, nicht etwa gemaunzt; freilich war ihm da
Max schon längst samt einem kleinen Briefumschlag in die Sakkotasche gefahren, nicht ohne
sie beim Zurückziehen der Hand mit seiner langen knochigen Neugier zu befingern, nicht
ohne seine Überraschung, seine Enttäuschung, seine Empörung, seine Verachtung erst
augenbrauenbuschig hoch- und dann an der Nasenwurzel zusammenzuziehen:
Fast hätte ers ja vergessen zu sagen - Gregor tue sicher gut daran, sich um ein
"angemessneres Outfit" zu kümmern.
Angemessneres Outfit? wiederholte der, und die Welt drehte sich, jedenfalls auf der
Bühne, drehte sich einen letzten Augenblick lang um die eigne Achse, verbeugte sich und
war braun. Ehe Gregor dann freilich dagegenhalten konnte, obs etwa angemessner
wäre, "wie ein abgewichster Immobilienhai!" rumzulaufen, "wie ein
verkrachter Börsenspekulant!", "wie ein! wie ein! Max Schmedt auf der
Günne": klingelte dessen Handy, wer weiß, an welchem Ende des "Dow
Jones" der Bulle oder der Bär los war.
was heißt "klingelte", es spielte die ersten Takte von
"90er-Hit", jedes Mal, und zwar je länger, desto gedankenverlorener sich Max
die Sakkotaschen durchwühlte.
Max ließ seine Lieblingswörter los ("Shareholders Value",
"Outsourcing", "Joint Venture"); Mascha zog ihr Bein zurück; Gregors
Hand rutschte in Richtung Sakkotasche.
Es war nicht leicht, vierzig zu werden. |