| Was ist an dieser "Novel in
progress" zur Zeit eigentlich in progress?Das mag sich manch einer fragen, der in diesem Forum einfach nur
weiterlesen möchte: Seit Monaten hängt der Roman an einer Stelle fest, noch dazu
ziemlich am Anfang. Statt dessen in progress ist ganz offensichtlich alles, was an dieser
Novel nicht Novel ist: Eine Hauptfigur wurde gecastet, gewählt, gefilmt; im
Parallel-Forum treiben die User bereits drei verschiedene Erzählstränge voran; laufend
entstehen neue Foren und Unterforen
so daß vor kurzem sogar ein Wegweiser
eingerichtet werden mußte für all die, die vor lauter "in progress" gar keine
"novel" mehr finden. Und? Wo also wäre sie zur Zeit zu finden, die Novel?
Inmitten eines über die Jahre angehäuften Berges an Notizen, der - als ständig
weiterwachsende Summe an kleinsten unteilbaren Elementarteilchen - alle Details des noch
zu schreibenden Romans bereits enthält. Alle? Naja, ziemlich viele: Am heutigen
19.8.98 sind es bereits an die 100 Seiten Romanschnipsel,
die ich in 20 Dateien an die Aspekte-Redaktion gemailt habe; und dies ist, wenn ich mir
den real existierenden Zettelhaufen auf meinem Schreibtisch ansehe, erst der
allergeringste Teil. Ich fürchte, daß der "eigentliche Roman" erst dann
geschrieben werden kann, wenn 1000 Seiten - ja: tausend! - an Details vorliegen; was wohl
nichts andres hieße, als daß der "eigentliche Roman" (der allem Anschein nach
nicht so kurz werden wird wie ursprünglich geplant) erst im
aber das soll
uns jetzt nicht noch mehr entmutigen. Denn in der Unterscheidung von "eigentlichem
Roman" und "bloßen" Romanschnipseln liegt ein Denkfehler - vielleicht sind
diese Schnipsel mehr Roman als es der endgültige Text je sein kann! Schon allein aus
Umfangsgründen wird er auf vieles verzichten, das in Schnipselform unverzichtbar ist -
ein Romanschreiber muß ja viel mehr über seine Figuren, seine Handlungsorte etc. wissen
als das, was er dann tatsächlich in Buchform dokumentiert.
Aber genau hier steckt das Problem: Denn was "Marietta" betrifft, so
habe ich nicht nur über Jahre hinweg Wörter, Sätze, Szenen gesammelt; nein! seitdem ich
mich auf dies ver
Online-Projekt eingelassen habe, nehmen der Anregungen gar kein Ende: GGG, der zuständige
Redakteur, hat so seine Vorstellungen, RL, der zuständige Graphiker, nicht minder, die
Journalisten, die sich aus welch Gründen auch immer für die Sache interessieren, die
User mit ihrer beängstigenden Fabulierlust
von der real existierenden Hauptfigur -
ja: Maike Schiller alias Marietta - und dem, was sie bei den Dreharbeiten, aber "auch
sonst", bei allfälligen Treffs, so beisteuert: davon ganz zu schweigen. Mein Haufen
an Ideenschnipseln ist dadurch, daß ich beim Schreiben diesmal nicht allein bin, alles
andre als kleiner geworden: ERSTER RÜCKKOPPLUNGSEFFEKT DES NEUEN
AUF DAS ALTE MEDIUM. Nun muß das aber auch im Netz
dokumentiert werden; und dabei ergibt sich ein ZWEITER
RÜCKKOPPLUNGSEFFEKT: Indem ich die Schnipsel lese, dem einen oder andern
Gliederungspunkt zuordne (und erst dann wieder darauf zurückkommen würde, wenn ich beim
Schreiben des "eigentlichen Romans" an fraglichem Punkt angekommen bin) - indem
ich das angehäufte Ideenpotential strukturiere, wäre jene Arbeitsphase eigentlich
erledigt. Diesmal aber muß ich sofort auf meine Schnipsel zurückkommen, schließlich
sollen sie ja ins Netz; und dafür muß ich sie nicht etwa nur abtippen, sondern auch in
eine halbwegs allgemeinverständliche Form bringen. Was mich zwingt, die
Kürzestphantasiesplitter, die ich auf Papier besitze, in digitale Weniger-kurze-Splitter
zu verwandeln. Was wiederum die noch halb diffusen Phantasien, die dem Originalsplitter
anhaften als seine, geschwollen gesagt, kreative Aura (die dann, bei der Niederschrift des
"eigentlichen Romans", schon irgendwie dafür sorgen wird, daß sich die Idee
von einst mächtig aufplustern wird, sobald sie an der Reihe ist) - was die kleinen, halb
diffusen Ideen mitunter, beim "bloßen" Ausformulieren, zu sehr präzisen Ideen
werden läßt; ein Beispiel:
"Trinkt Whisky", stand auf
einem der Schnipsel, die ich gerade in die Hände bekam, mehr nicht. Wer war da gemeint?
Ich denke doch: Gregor. Paßt das auch heute noch zu ihm, wo ich ihn ja schon ein bißchen
besser kenne als weiß-der-Teufel-wann-ich-diese-Idee-mit-dem-Whiskytrinken hatte? Ja, das
könnte passen, warum nicht. Wann also könnte er
Ich entschied mich für Punkt
4,b: Nach einem ereignislosen Arbeitstag, einem ereignislosen Abend im "Roxy"
kommt Gregor heim und - geht eben nicht gleich ins Bett, wie immer, sondern beschließt,
noch einen Whisky zu trinken. Was er ansonsten nur "in Gesellschaft" machen
würde und also eher selten. Wieso also schenkt er sich gerade an diesem Abend einen ein?
Weil er
inzwischen vierzig ist! Damit beginnt der Roman, und davon handelt er auch:
Was könnte es für einen wie Gregor bedeuten, plötzlich vierzig zu sein? Zum Beispiel:
mal was ausprobieren, auf das man die ersten vierzig Jahre seines Lebens nicht gekommen
ist? oder das man ganz selbstverständlich ablehnte? oder
jedenfalls nie gemacht
hat, egal warum. Gregor also kommt heim, sieht die angestaubte Whiskyflasche und denkt
sich: Genau, jetzt bin ich schließlich alt genug, um auch mal ohne Gesellschaft trinken
zu dürfen. Vielleicht kann man sich damit ja auf solche Tage wie heute - statt immer nur
zu warten, daß sie endlich anfangen - selber einen i-Punkt setzen. Mal sehn. Das alles
muß ich aufschreiben, um so in etwa wiederzugeben, was ich mir als Offline-Schreiber mit
einem schlichten "Trinkt Whisky" merken wollte. Und indem ich es tue, erhalte
ich plötzlich eine kleine, aber ziemlich wichtige Szene: in der Gregor vielleicht etwas
für ihn Entscheidendes begriffen hat. Begriffen natürlich nur in einer quasisymbolischen
Handlung, nicht etwa als vom Whiskytrinken ablösbares Theorem; und folglich könnte er
vielleicht ja auch an manch anderen Tagen
genau: Das könnte ein Leitmotiv sein.
Ein Leitmotiv? Das hätte ich, wärs beim "bloßen" Offline-Ordnen der
Phantasie geblieben, nun wirklich nicht mal geahnt. Der (Dokumentations-)Druck, den das
neue Medium erzeugt, zwingt den Roman Stück für Stück zur Preisgabe seiner kleinen
Geheimnisse, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo es offline noch längst nicht geschehen
würde. Und genau dort ist er folglich zu finden, der Roman, in seinen kleinen und
kleinsten monadologischen Entäußerungen: Um ihn zu lesen, muß man lediglich die Links
zu den jeweiligen Gliederungspunkten selber im Kopf vornehmen und sie, die kleinen
Eintäußerungen, zu einem chronologisch gefügten Ganzen verknüpfen. Für den, der auf
diese Weise zu lesen weiß, ist der Roman schon jetzt, mit jeder neuen Schnipseldatei und
an allen Ecken & Enden: ziemlich "eigentlich" und ziemlich in progress. |