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Der Schriftsteller zum Anfassen – das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2011

22/09/2011 - 27/10/2011
Matthias Politycki
Der Schriftsteller zum Anfassen – das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2011
Interview: Gitte Zschoch



erschienen/erscheint in:
leicht gekürzt ab 10.11.2011 auf: http://www.goethe.de

 
 

Übersetzungen:


Das Münchner Literaturfest findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt, vom 10. bis 27. November 2011. Der Kern des Festivals ist das forum:autoren, eine Veranstaltungsreihe neben den weiteren Komponenten Büchermarkt und Familienprogramm, für die jedes Jahr ein anderer Schriftsteller als Kurator verantwortlich ist. Im Jahr 2010 hatte Ilija Trojanow die Ehre; bei ihm stand die internationale Literatur im Fokus. 2011 wurde Matthias Politycki beauftragt, diesen Programmteil zu gestalten. Er will eine Standortbestimmung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vornehmen. Dazu lädt er Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ein und lässt diese ganze drei Tage lang in der Stadt verweilen. Auf diese Weise sollen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Gespräch kommen und dadurch wieder zum eigentlichen Zentrum des Literaturbetriebes werden. Im Interview erklärt Matthias Politycki, wie er dieses Ziel erreichen will.

Was zeichnet einen Schriftsteller aus, der von Ihnen zum Programm „forum:autoren“ eingeladen wird? Sie machen sich sicherlich nicht nur Freunde, wenn Sie nur einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen aussuchen können.

Immerhin laden wir über 50 Schriftsteller ein, dazu 20 Kritiker, das ist schon eine ganze Menge. Und wir hätten auch gern noch mehr eingeladen, wenn es das Budget hergegeben hätte! Andererseits wollten wir auch keine maßstabsgetreue Abbildung all dessen, was sich unter dem Oberbegriff „Deutschsprachige Gegenwartslitertur“ derzeit auf dem Büchermarkt finden läßt. Also habe ich bevorzugt Schriftsteller eingeladen, deren Bücher mir besonders gefallen haben; als Kurator muß ich hinter meinem Programm ja auch stehen. Mein Nachfolger wird es auf seine Weise ähnlich machen, und so wird München, Jahr für Jahr, immer wieder ein neues Festival bekommen. Dank dieses subjektiven Vorgehens reicht die Spannweite in diesem Jahr von Paul Nizon zu Tina Uebel, von F.W. Bernstein zu Xóchil Schütz. Denn sie – und jeder andere der Eingeladenen – haben mich mit ihren Texten überzeugt, insbesondere mit ihrer Sprache. Was sie möglicherweise darüberhinaus verbindet, wird sich im Lauf des Literaturfests zeigen, wir werden ja jeden Tag auch die Debatte zur deutschen Gegenwartsliteratur führen. Insofern haben wir nicht nur einzelne Lesungen zu einem Programm zusammengestellt, sondern wir stehen mit unserem Programm für eine Idee.

Können Sie diese Idee näher beschreiben? Was ist der leitende Gedanke hinter dem „forum:autoren“?

Unserem gesamten Programm liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Akzent des Literaturbetriebs nicht länger auf den Betrieb gesetzt werden sollte, sondern auf die Literatur; daß es also immer und vor allem um die Sache selbst gehen sollte: Wir möchten die genuine Literatur, die Literatur im engeren Sinne, wieder vom Rand des Geschehens in dessen Zentrum zurückholen.

Im „Salon der lebenden Schriftsteller” kann jede Leserin und jeder Leser im Literaturhaus-Restaurant „Oskar Maria“ abends mit den Schriftstellern ins Gespräch kommen. Sie sagen, dass die Schriftsteller gute Laune mitbringen müssen, das heißt, sie sollen sich öffentlichkeitswirksam präsentieren. Ist das nicht eine Rollenerwartung, die im Zweifel überfordernd sein kann?

Im „Salon der lebenden Schriftsteller“, der jeden Abend reihum von einem anderen Münchner Verlag präsentiert wird, kommen Veranstalter, Schriftsteller, Kritiker, aber eben auch die Besucher der Veranstaltungen zusammen, alle sind eingeladen, dort den Tag mit uns zu beschließen. Viele Schriftsteller neigen im Lauf ihres Lebens dazu, sich aus den öffentlichen Debatten heraus- und in ihre Nischen zurückzuziehen. Das ist auf Dauer kein gutes Zeichen für die Entwicklung einer Gesellschaft. Wir wollen mit der allabendlichen Einladung in unseren Salon dazu ermuntern, auf entspannte Weise miteinander ins Gespräch zu kommen, in gemütlich informeller Atmosphäre. Wir haben dazu auch die nötige Zeit, die eingeladenen Schriftsteller bleiben in der Regel drei Tage in der Stadt. Es ist also weniger die Öffentlichkeitswirksamkeit, die ich im Hinterkopf habe, wenn ich von der guten Laune spreche, als wir selber, die Freude aufeinander, die Offenheit untereinander, die Herzlichkeit füreinander.

Schadet das Festival nicht der Literatur, weil schwierige Texte gar nicht adäquat repräsentiert werden kann? Eine halbstündige Lesung ist doch zu kurz, um sich wirklich in einen Text zu vertiefen!

Einen Schriftsteller, der ein Leben lang an seinem Werk arbeitet, in Lesung und Gespräch darüber zu erleben, ist auch für mich, selbst wenn die Sache nur 5 Minuten dauern sollte, immer noch ein echtes Erlebnis. Überhaupt: Was ist schwierige Literatur? Meiner Meinung nach nicht unbedingt diejenige, die auf den ersten Blick schwierig ist, also in ihrem experimentellen Druckbild oder im verschachtelten Satzbau schon zu erkennen gibt, worauf sie hinaus will. Oft ist die scheinbar leicht gefügte Literatur viel komplexer, sofern man einmal in ihre Tiefen eingedrungen ist. Wenn man die Sache so sieht, haben wir sehr viele schwierige Autoren eingeladen; und sie werden uns mit der Oberfläche ihrer Texte gewiß großartige Abende bescheren.

Wenn Sie davon sprechen, dass Ihre Lesungen an „stinknormalen, bereits eingeführten Literaturräumen“ und nicht in der U-Bahn oder in der Metzgerei stattfinden, darf man das als Distanzierung vom Konzept der „Literatur als Event“ verstehen?

Es ist vor einigen Jahre in Mode gekommen, Literatur als Event zu inszenieren, um von ihr selbst abzulenken. Aber Literatur und Schriftsteller, beides im engeren Sinn des Wortes, sind per se spannend! Mit unserer Rückbesinnung auf das Wesentliche kann das „forum:autoren“ ein Zeichen setzen.

Aber ein bisschen spielen Sie in dieser bunten Event-Welt mit: Es gibt einen schnell geschnittenen Imagefilm, einen Blog und auf Twitter und Facebook ist ebenfalls viel los.

Wir spielen mit, allerdings ohne uns zu verraten. Denn mit den neuen Begleitmedien zum Literaturfest betreten wir zwar Neuland, nicht jedoch um den Preis, daß wir dabei unser Gesicht verlieren: Die Glaubwürdigkeit, für die wir stehen (und für die jeder einzelne Schriftsteller steht), wird durch die neuen Formen nicht konterkariert. Auf dem Blog „fabmuc.de“ finden Sie zum Beispiel auch immer wieder, nein: vor allem: hochseriöse Interviews, Grundsatzartikel zum Literaturbetrieb, Schlaglichter auf sämtliche Autoren und Macher des „forum:autoren“. Denn auch die Arbeit der beiden Blogger, Stevan Paul und Lino Wirag, wird von der Liebe zur Sache getragen, nicht etwa vom Gedanken, um jeden Preis die höchstmöglichen Klickzahlen zu generieren – sie sind ja selber Schriftsteller.

Die Idee, mit dem bereits erwähnten Blog „fabmuc.de“ im Internet schon im Vorfeld auf das Literaturfest hinzuarbeiten und es zu begleiten, ist neuartig. Warum gibt es den Blog?

Ich halte Blogs, sofern man sie nicht als verkapptes Propagandainstrument mißbraucht, für eine zeitgemäße Art, miteinander ins Gespräch zu kommen; Blogs bieten etwas an und verknüpfen es mit der Einladung, sich damit zu beschäftigen und darüber zu kommunizieren. Deswegen haben wir unseren Blog auch von Anfang an als unabhängiges Forum definiert. Natürlich haben wir unsre beiden Blogger selber ausgesucht und uns mit ihnen über unsere Wünsche und Erwartungen unterhalten. Aber wir haben ihnen gleichzeitig auch immer gesagt: Macht, was ihr wollt, auch wenn ihr uns gegenüber besonders kritisch sein werdet, Hauptsache, ihr macht es zu eurer Sache und mit ganzem Herzen. Genau das haben sie auch gemacht.

Ist mit dem Blog auch der Wunsch verbunden, junge und vielleicht sogar literaturferne Leser zu erreichen?

Selbstverständlich wünschen wir uns, dass wir damit jüngere Menschen erreichen, um sie dann vielleicht auch zu unseren Veranstaltungen zu locken. Denn das Spannendste am Ganzen ist ja, trotz all der neuen Begleitmusik zum Literaturfest, das Fest selbst, die Schriftsteller und ihre Lesungen, Diskussionen, Gespräche, live und in Echtzeit. Für all diejenigen, die nicht dabeisein können, werden wir das Ganze natürlich auch während des Literaturfests im Blog begleiten und dokumentieren. Vor allem werden wir die Fünfminutenstatements, die jeder der Eingeladenen zu unseren „Klartext“-Debatten an der Uni mitbringt, dort alle sukzessive posten: über 70 Statements zum Zustand unserer Gegenwartsliteratur, wenn das keine Einladung auch an vollkommen netzferne Zeitgenossen ist, mal bei www.fabMUC.de reinzuklicken! Wer weiß, wohin der Funke von dort noch überspringen wird.




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