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Eintauchen in den Luxus

18/10/2006
Matthias Politycki
Eintauchen in den Luxus
Gespräch mit Christine Hinkofer



erschienen/erscheint in:
Münchner Merkur und tz, 28./29.10.06

 

Der Mann ist kein Schreibtischtäter. Er will eintauchen, will authentisch berichten. Für seinen letzten Roman „Herr der Hörner“ war Matthias Politycki drei Monate lang auf Kuba, ganz unten im tiefen Süden, wo das Alltagsbild nicht von chromglitzernden Cadillacs bestimmt wird, sondern von Armut und Aberglauben. Ein verdammt hartes Leben, sagt er, sei das gewesen. Jetzt wartet auf den Münchner Autor Matthias Politycki ein verdammt luxuriöser Job. Am 5. November geht er als Schiffsschreiber auf die MS Europa, nach dem Berlitz-Guide das derzeit beste Kreuzfahrtschiff der Welt. Ein halbes Jahr wird er an Bord sein, wird einmal den Globus umrunden. Christine Hinkofer sprach mit ihm über Reisen und das Schreiben an und für sich und über die Rolle eines Schiffsschreibers im Besonderen.

Herr Politycki, viele Ihrer Romane und Geschichten handeln vom Reisen. Sehen Sie sich als Reiseschriftsteller?

Nicht wirklich. Ich bin ein ganz normaler Schriftsteller, der seine Erfahrungen vielleicht nicht ganz so gern nur am Schreibtisch macht.

Jetzt werden Sie die Welt an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erfahren. Wie wird man Schiffsschreiber?

Dass ich mich einigermaßen viel rumtreibe ist den Leuten bei Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten wohl nicht verborgen geblieben. Vielleicht haben sie mich auch deshalb gefragt, ob ich die Sache machen will, weil bekannt ist, dass ich keine vorgefasste Meinung habe, sondern die Dinge auf mich zukommen lasse.

Keine Vorurteile über Kreuzfahrten? Dass es an Bord viel ums Essen geht und dass man viel Garderobe braucht ...

(grinst) ... oder dass sich das Durchschnittsalter der Passagiere bei 80 einpendelt. Die Kleiderfrage habe ich mir schon gestellt. Ehrlich gesagt, gehörte ein Smoking bisher nicht zu meiner Grundausstattung, da mußte ich wohl oder übel investieren. Was das Ambiente und das Essen betrifft, da freue ich mich darauf. Ich bin so viel mit Rucksack gereist und habe, wie zuletzt auf Kuba, dabei nicht selten recht entbehrungsreich gelebt. Diese andere Art des Reisens sehe ich jetzt als neue Herausforderung.

Bisherige Erfahrungen mit Kreuzfahrten?

Bis auf die Fahrt mit einem Ausflugsdampfer auf dem Chiemsee nicht.

Ist die Vorstellung, ein halbes Jahr auf einem Luxus-Schiff um die Welt zu reisen, beneidenswert?

Viele meiner Freunde sehen das so. Aber es gibt auch welche, die sagen: Wie willst du das aushalten? Ich bin 180 Tage auf diesem Schiff. Die Passagiere kommen und gehen. Selbst der Kapitän wird nach zwei bis drei Monaten ausgetauscht. Ich bleibe.

Das Schiff ist 200 Meter lang und 25 breit. Nicht viel Lebensraum für ein halbes Jahr.

Ich habe mir auch schon mal den Golfsimulator angeschaut und die Marathon-Laufstrecke. Aber man ist ja nicht nur an Bord. In den 180 Tagen stehen 105 Landgänge an.

Auf welche Länder freuen Sie sich besonders?

Natürlich auf Kuba, darauf, meine Romanfiguren wiederzusehen. Dann aufs Tauchen in der Südsee, dort möchte ich mal so richtig große Fische sehen. Auch aufs Taj Mahal freue ich mich. Aber an und für sich interessieren mich die Orte weniger als das, was jeweils vor Ort auf dem Schiff passiert. Ich habe vor, mit dem Koch einkaufen zu gehen oder mal einen Tag an der Verladeluke zu verbringen, um zu sehen, was alles in den Bauch eines Schiffes wandert.

Haben Sie denn schon eine Vorstellung von Ihrem Leben an Bord?

Meine Kabine habe ich schon besichtigt. Sie ist 27 Quadratmeter groß und hat – wie 90 Prozent aller Kabinen auf der MS Europa –  einen Balkon. Man kann es darin schon aushalten.

Allein?

Meine Frau kommt mich um die Weihnachtszeit an Bord besuchen. Dann sind wir gerade auf dem Weg durch die Karibik nach Acapulco. Ein halbes Jahr konnte sie sich allerdings nicht ausklinken, sie hat ja ihr eigenes Berufsleben.

Welchen Status haben Sie an Bord? Gelten Sie als Passagier oder sind Sie eher der Gruppe der Künstler zuzuordnen, die für die Kreuzfahrten auf der MS Europa engagiert werden?

Ich gelte sozusagen als beides. Den Passagieren werde ich am Begrüßungsabend als Schiffsschreiber vorgestellt, und ich werde an Bord auch Lesungen halten. Aber ich will auch mit der Mannschaft reisen, damit ich hinter die Kulissen schauen kann. Für Nichtschiffsschreiber gilt ja eine strenge Trennung zwischen Mannschaft und Passagieren.

Ihre bisherigen Reisegeschichten basieren auf ziemlich skurrilen Figuren. Solche Charaktere dürften Sie auf einem Fünf-Sterne-Schiff wohl nicht antreffen.

Was ich so gehört habe, fährt da auch so mancher wilde Vogel mit. Aber ich wäre ein schlechter Autor, wenn ich nicht schon ein Konzept im Kopf hätte und eine Hauptfigur. Die ist natürlich fiktiv.

Steht der Erscheinungstermin für die Schiffsgeschichte schon fest?

2008. Vorher erscheint im Frühjahr 2007 ein Essay-Band "Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft".

Was steht nach dem Job als Schiffsschreiber ab Mai 2007 in Ihrem Terminkalender?

Ein Aufenthalt auf Sylt. Außerdem muss ich dann irgendwann auch wieder nach Indien und eine Reise fortsetzen, die ich seinerzeit abgebrochen habe. Das wird dann wieder die Rucksack-Kategorie sein. Entwöhnung vom Luxus.




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