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Matthias Politycki Radio
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Leseprobe

Jenseitsnovelle


Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre! Als ob Doro vergessen hatte, das Blumenwasser zu wechseln, als ob die Stengel über Nacht zu faulen angefangen hatten und der Luft nun ein süßsaures Nebenaroma beimischten. Schepp witterte es auf der Stelle, dieses dezent Andere, das ihn inmitten des Gewohnten erwartete und den Morgen auf eine zarte Weise in Schräglage brachte. Vom gegenüberliegenden Ende seines Zimmers flutete freilich auch heute der Herbst herein und verwandelte jeden Gegenstand in etwas gelbgold oder rotbraun Schimmerndes – die Chaiselongue im Eck ein einziger zerlaufener Farbfleck –, man würde ein Fenster aufmachen müssen, um all das Licht wieder hinauszulassen, später. Schepp stand, blinzelte in seine sanft ihn umfließende Welt aus Stuckleisten- und Tapetenornamenten, Bücherwänden, seidenbezogenen Sitzmöbeln; indem er dem Verlauf der Haare quer über die Glatze hinterhertastete, durfte er sich versichern, daß er ein glücklicher Mensch war.
Nicht zuletzt im Hinblick auf Doro, deren hochgestecktes Haar er über der Lehne des Schreibtischsessels ausgemacht hatte, ein schwarzsilbern changierender Klecks, seitlich versetzt auch ein Stück des Kimonos, den sie so gern trug, wenn sie auf seinem Platz saß und korrigierte, was er am Vortag geschrieben. Jedenfalls seitdem die Kinder aus dem Haus waren, schließlich hatte sie ein wenig zurück in ihren Beruf finden wollen; und ihm war es gerade recht gewesen, ging er doch nicht nur spät zu Bett, sondern stand entsprechend spät am Vormittag auf. Wenn Doro dann überm Korrigieren wieder eingeschlafen war und sich so schräg zwischen Tisch und Sessel festgeklemmt hatte wie heute, schüttelte er nicht selten den Kopf, weil er all das mit Worten gar nicht hätte fassen können.
Aber merkwürdig, so regelmäßig er sie früher hier gefunden, seit seiner Operation hatte er doch so gut wie nichts mehr geschrieben, gab es eigentlich auch nichts mehr zu korrigieren? Ich träume ja noch, redete er sich ein, als er seine Schritte sachte ins Fischgrätmuster des Parketts hineinsetzte, der Sonne und dem Schreibtisch und Doro und der Bodenvase mit den faulenden Gladiolen entgegen.
Bevor er ihr einen Kuß auf den Hals hauchte, er hatte sich wie ein Frischverliebter herangeschlichen, einzelne Parkettstäbe knarrten ein bißchen und irgendwo summte eine Fliege, aber auch das klang ihm vertraut und heimelig, bevor er sich zu Doro hinabbeugte, zu ihrem kleinen Leberfleck am Halsansatz, den er so gut kannte – gleich würde sie erschrecken und ihn halb empört, halb zärtlich von schräg unten anblicken –, registrierte er sekundenbruchteilhaft auf dem Schreibtisch: einen Stapel Papier, ihre Lesebrille, eine Schachtel Aspirin, ein umgestürztes Wasserglas, einen dunklen Fleck im Ledereinsatz der Schreibplatte, daneben den Füller; wieder einmal hatte sie vergessen, die Kappe aufzuschrauben. Schon wollte er hingreifen, da fiel ihm, er träumte wohl doch nicht mehr, der gestrige Abend ein, die neue Bedienung, die ihm ein solch anhaltendes Lächeln geschenkt hatte, als er ging. Schepp stand direkt hinter dem Sessel, in dem Doro so still hing, nur die seitlich angebrachte Kopfstütze hatte sie vor dem Abkippen bewahrt, und kostete dies Lächeln ein paar Sekunden lang aus. Ja, Hinrich, griente er dorthin, wo er einen letzten Widerschein des gestrigen Abends wähnte, mit deinen Fünfundsechzig bist du noch immer einer, dem sie nachschauen, die Damen. Dann beugte er sich zu Doro hinab. Wieder schlug ihm der Geruch entgegen, ganz und gar fremd jetzt in seiner Süßlichkeit, mit einer Beimischung von Schweiß und Urin und – er schrak zurück, riß den Mund auf.
Verschluckte sich, schnappte nach Luft.
Wie er um den Tisch herumgekommen war, wußte er nicht, mit beiden Händen hielt er sich daran fest, wagte kaum, den Kopf zu heben. Doro? Mit gelösten Gesichtszügen saß sie vor ihm, von völliger Ruhe umgeben, die Haut ganz grau. Der linke Mundwinkel hing ihr leicht herunter und ein Speichelfaden daran; dort, wo er am Kinn auftraf, war er angetrocknet. Ihre Lippen leicht geöffnet, im Mundwinkel lag etwas dick und unbeholfen die Zunge. Am schlimmsten allerdings ihre Augen, bis auf einen Spalt geschlossen, man sah das Weiße des Augapfels und den Ansatz der Iris, als hätte sie im letzten Moment noch die Unterlider herabgezogen.
Ich verstehe das nicht, verstand Schepp.
Es ist nicht wahr, beschloß Schepp.
Alles wird wieder gut, versicherte sich Schepp und wurde gleichzeitig von einer Gewißheit ergriffen, daß es ihn würgte (...)


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