Die Farbe der Vokale

Die Farbe der VokaleVon der Literatur, den 78ern und dem Gequake satter Frösche (28/12/97)

erschienen/erscheint bei:

Luchterhand, 8/98

268 Seiten
ISBN 3630869971

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Entstehungszeitraum: 20/05/1998

Über das Buch

„Müssen wir uns etwa dafür entschuldigen, daß wir uns nicht länger kleinhalten lassen als „jüngere deutsche Literatur“? sondern daß wir spätestens mit den Produktionen der 90er Jahre – mag man sie nun als Neue Deutsche Lesbarkeit, Neue Äußerlichkeit, Postmoderne, 78er-Literatur oder als was immer zusammenfassen – daß wir Teil geworden sind der deutschen Literatur?“

„Literatur muß sein wie Rockmusik“, bodennah und von großer Wucht wie ein Song, wenn er gut ist. Matthias Politycki war einer der ersten, die diesen Anspruch an die Literatur gestellt haben, und in erfrischend deutlichen Worten hat er dabei auchgleich einige heilige Feuilleton-Kühe geschlachtet.
Dringend empfahl er, sich von den verkopften Nachfolgern der Moderne zu verabschieden: Literatur solle Vergnügen bereiten, weite Teile der deutschen Nachkriegsliteratur gehörten eigentlich in eine geräumige Mottenkiste gestopft. Doch Achtung! Zu den blinden Liebhabern der Unterhaltung in der Literatur darf Politycki nicht gerechnet werden. Sein Credo lautet vielmehr: „Form ist Wollust“ wie etwa bei Rimbaud, der jedem Vokal eine eigene Klangfarbe verlieb, oder bei den Stilisten Benn und Nietzsche, von deren Artistik Politycki nachhaltig beeindruckt ist. Bei diesen Autoren hält sich Politycki gerne auf, sie verehrt er, als ob sie schon die Rockmusik in die Literatur hineigetragen hätten, und eines wird deutlich, wenn er die Vorzüge ihrer Werke beschreibt:
Er befindet sich auf der Suche nach neuen Traditionen. Aber ihm geht es ja nicht nur um Literatur: Er möchte die Generation, der er selber angehört, die 78er, aus ihren gut gepolsterten Schmollwinkeln her ausscheuchen und sie dazu anstacheln, sich endlich gegen die 68er und 89er zu behaupten. Als ihr Vorreiter hat Matthias Politycki diese Aufsätze geschrieben, die wieder für gehörigen Wirbel sorgen werden.

Inhalt

· Neue Äußerlichkeit

Erster Teil (1995-1997)
· Das Gequake von satten Fröschen. Die Generation der Vierzigjährigen und ihre Angst vor der Verantwortung
· Endlich aufgetaucht: die 78er
· Kalbfleisch mit Reis! Die literarische Ästhetik der 78er-Generation
· Abschied von der Literatur. Was wir schon viel zu lange lesen müssen – ein fast frei erfundnes Gespräch
· Die 78er und der Untergang des Hauses Usher. Was dahintersteckt, wenn sich Kritiker und Lektoren um die neuere deutsche Literatur streiten
· Lyrik und Jazz? Lyrik und Rock!
· Literatur muß sein wie Rockmusik!
· Gemischte Gefühle beim Verzehr von Hummerschwänzen. Über das Vergnügen an poetischen Gegenständen

Zweiter Teil (1990-1994)
· „Ich liebe dich.“ Über die Schwierigkeiten, einen einfachen Satz zu Papier zu bringen
· „Und grausig gutzt der Golz“. S-Bahn-Lyrik, U-Bahn-Lyrik und das radikalsymmetrische Ende der Sanftmut
· Das Kamerun-Prinzip. Einige Vorurteile über Vorurteile über „amerikanische“ und „deutsche“ Literatur
· Romane (nicht) lesen, Romane (nicht) schreiben. EineSelbstvergewisserung
· Form ist Wollust! Vorrede zur Anthologie „Hundert notwendige Gedichte. Und ein überflüssiges“

Dritter Teil (1982-1990)
· Wenn du zum Dichten gehst, vergiß die Feile nicht! Herr Auerhahn und das „Jahrbuch der Lyrik 1988/89“
· Die Farbe der Vokale
· An den sechs Enden der Sackgasse. Rede anläßlich der Verleihung eines Literaturpreises
· Das Individuum ist ein Irrtum. Heiratsanzeigen, Nietzsche und die Postmoderne
· Mörike, der dämonische Schwächling
· Exklu

Anhang

Entstehungs- und Erstveröffentlichungsdaten, Nach- und Angemerktes zu den einzelnen Texten

Leseprobe

Neue Äußerlichkeit
(Vorrede zu: Die Farbe der Vokale)

Mitte der 90er Jahre, plusminus 1995, ist für die deutsche Literatur eine neue Epoche angebrochen – eine Behauptung, die sicher nicht überall auf Gegenliebe stoßen wird. Aber das jähe Ein- und Anbrechen des historisch Neuen ist, gerade weil es sich über Jahre hinweg gegen das „alte Wahre“ behaupten und schließlich, in lauter kleinen und kleinsten Lebens- bzw. Überlebenskämpfen, dagegen durchsetzen mußte —
das überraschte Innehalten, das ängstliche Erstaunen darüber, daß da „plötzlich“ etwas Altvertrautes, im Lauf der Jahre Haßliebgewonnenes (das in seiner Übermacht ja selbst für die eignen antagonistischen Bestrebungen ein schützendes Dach bereithielt) unter prasselndem Getöse zusammenbricht? nein: unter kaum hörbarem „Pfff“ die Luft läßt aus den diversen letzten und vorletzten Löchern, die ihm im Lauf der Jahre verpaßt worden —
das ist ja auch ein Vorgang, der nicht von jedem bejubelt wird.
Ein langer Satz zu Beginn eines Buches, in dem die lange Entwicklung hin zu einem neuen Literaturlustprinzip nachgelesen werden kann: das Ende der Moderne, der Anbruch der Postmoderne, was immer das im Detail auch heißen mag. Grosso modo heißt es und, vor allem, wird es heißen: Mit dem Durchbruch der „Neuen Deutschen Lesbarkeit“ meldete sich unsre Gegenwartsliteratur zurück unter die europäischen Literaturen, wo sie zwar niemals mehr das sein wird, was sie früher einmal war, aber immerhin auch etwas, das sie eine geraume Zeit lang nicht mehr war. Muß man sich dafür entschuldigen?
Man erinnre sich Darwins Gesetz vom „Kampf ums Dasein“, man erinnre sich der modernen Soziobiologie, die dem Kampf der Gene den Kampf der Meme zur Seite stellt, den Kampf kleinster geistiger Einheiten – Sprichwörter, Melodien, Gedichte, die Art, Brezeln zu backen oder Bücher zu schreiben – um ihre „Daseinsberechtigung“ und schließliche Maximalverbreitung. Daß dieser Kampf mit den Fäusten oder gar mit dem Messer geführt wird, will uns das Wort „Kampf“ leider beharrlich suggerieren; daß er eher vom Lustprinzip geprägt ist – Meme verbreiten sich ja nur dann erfolgreich, wenn sie uns attraktiver erscheinen, sprich, wenn sie unmittelbarer einleuchten bzw. unser Leben stärker bereichern als die Konkurrenz (während sie in Wirklichkeit nichts als gleichgültige Produkte einer besseren „Anpassung“ sind) -, das beschreibt der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins auf eindringliche Weise.
Auch literarische Programme bzw. ihre einzelnen Prämissen und gar deren Umsetzung in einzelne Kunstwerke – Gedichte, Aphorismen, Erzählungen, Romane, Essays – sind Meme und unterliegen Gnade und Gnadenlosigkeit des Zufalls; zu allen Zeiten stehen sie, als kleinste geistige, kleinste ästhetische „Erreger“ unsres Kulturlebens, im selektiven Wettstreit miteinander. Indem sich gewisse Meme jedoch, sei’s kontinuierlich, sei’s exponentiell anwachsend, sozusagen aufgrund eines höheren Ansteckungsgrades in unsrer kulturellen Landschaft frappant vermehren und sie „plötzlich“, siehe oben, mit ihren „siegesfähigen Formulierungen“ prägen, bewirken sie einen Epochensprung – den Übergang in eine neue Zeit, wem das zu gewaltig klingt.
Das Ende der deutschen Nachkriegsliteratur, das wir gerade erleben – und ich fürchte, die Philologen der kommenen Jahrhunderte werden es auf das Jahr 1989 datieren: wo diesbezüglich ja noch gar nichts passierte! -, das Ende der deutschen Nachkriegsliteratur hat somit zwar etwas Zwangsläufiges, ist aber deshalb noch lange kein Ende mit Schrecken: Denn logischerweise werden deren Meme über die Jahrhunderte in ebendem Maße weiterleben, wie sich Leser von ihnen „anstecken“ lassen – und obwohl das im Grunde nichts weniger bedeutet, als daß sie, die Meme der Nachkriegsliteratur, damit endgültig von etwas Gegenwärtigem zu etwas Vergangnem mutiert sind, ist es doch immerhin tröstlich!
Insbesondre ist das Ende aber der Anfang: In sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen ist z.Zt. vom Generationswechsel die Rede, auch im Bereich der Literatur. Die „Neue Lesbarkeit“ – und ich verwende diese Formulierung nur deshalb so beharrlich, weil mir bislang keine andre einleuchten will -, die „Neue Deutsche Lesbarkeit“ verspricht dabei im übrigen nichts völlig Neues, im Grunde ist sie nichts andres als die alte Lesbarkeit, wie sie’s in allen Jahrhunderten aller literarischen Entwicklungen immer wieder einmal gegeben hat, ist nichts andres als die uralte Lesbarkeit, herbeigeführt mit neuen, nachmodernen Mitteln. In der Wahl neuer Mittel besteht freilich die „kulturelle Mutation“, wenn man’s soziobiologisch, besteht das Generationenspiel, wenn man’s soziologisch, besteht ein literarischer Paradigmenwechsel, wenn man’s philologisch auffassen will. Muß man sich dafür entschuldigen?
Die Neue Innerlichkeit hat sich seinerzeit, als sie ebenso plötzlich wie massiv in unser literarisches Leben eintrat und es binnen kurzem beherrschte, die ehemals Neue Innerlichkeit hat sich ja auch nicht dafür entschuldigt, daß es sie dann über Gebühr lange „gab“; überdies ist’s das Recht alles Neuen, schlicht-und-möglichst-ergreifend da zu sein. Schlicht-und-möglichst-ergreifend erklären sollte sich’s allerdings auch, denn als Neues wird es den meisten ja nicht eher faßlich, als es sich überdeutlich zu erkennen gegeben, womöglich gleich selber auf den Begriff gebracht hat. Erst das Wort verbürgt die Sache; erst das Schlagwort, gerade weil es die Sach-Verhalte bis zur Kenntlichkeit entstellt, sorgt dafür, daß sie auch von denen wahrgenommen werden, die mit ihrer habituellen Trägheit immer erst mal so tun, als sei das Neue bloß eine lästige Erfindung derer, die keine Ruhe geben können.
Was also müßte das Schlagwort sein, das die Neue Deutsche Lesbarkeit auf ihren überdeutlichen Begriff bringt? Beim Zusammenstellen dieses Bandes, dessen einzelne Teile in einem Zeitraum von 18 Jahren entstanden und selbstredend nur einen eignen Epochen-Wechsel im Kleinen dokumentieren, fällt mir eines als sein Leitmotiv auf: das Insistieren auf der Form, die insistierende Rückbesinnung auf die Form als den Kardinalaspekt aller Ästhetik – der Kampf für eine Neue Äußerlichkeit.
Zweimal taucht der Begriff bereits in älteren Texten auf – als lapidare Abschätzigkeitsbezeugung, als lapidare Hoffnung -, keinmal im Leitartikel der ZEIT zur letztjährigen Buchmesse; trotzdem wird ausgerechnet darin die Neue Äußerlichkeit als Hauptkennzeichen westdeutscher Gegenwartsprosa herausgearbeitet: Diese, die zeitgenössische Westprosa, zeige die „Kunst der Satzbildnerei in der ganzen Pracht ihrer […] Blüte“, sie sei „ein wenig ironisch und minimal gedrechselt“ und, vor allem, erzähle strikt „an der Oberfläche“ dessen, was zu erzählen gerade anstehe.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß in besagtem Artikel eine andre Literatur bevorzugt wird: die der „tragischen Essenz“, „die sich von dem melancholischen Minimalismus des Westens weit entfernt hat“; nicht unterschlagen sei auch, daß ich im Widerspiel jener zwei zeitgenössischen Tendenzen keinen unüberbrückbaren Ost-West-Gegensatz erkennen kann, sondern den bereits erwähnten zwischen Moderne und Postmoderne. Weit interessanter ist mir ohnehin das ZEIT-Verdikt von der Oberflächlichkeit, das man auch als extremes Kompliment auffassen kann: Genau diese Oberfläche galt es schließlich gegen den literarischen Tiefsinn der letzten Jahrzehnte zurückzugewinnen, nämlich eine „Oberfläche aus Tiefe“, wie sie Nietzsche leitmotivisch lehrt und wie sie Hofmannsthal all denen erklärt, die ihre kunstvoll glattpolierte Außenhaut bereits für die Sache selbst nehmen: „Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche.“
Natürlich leiden die „Neuen Äußerlichen“ deshalb keinen Deut weniger „an der Welt“ als Autoren, die uns ihren Schmerz ganz unverblümt anvertrauen, direkt dem Herzen entrissen – wer hätte je freiwillig ein Buch geschrieben? Aber es kann auch eine Ehre sein, dem Leser, der dieses Buch aus einem ganz andern Interesse heraus gekauft hat – vielleicht tatsächlich „nur“, um sich damit ein paar vergnügliche Abende zu machen -, es kann, nein: es sollte dem Autor selber ein Vergnügen sein, jenem Leser nicht zur Last zu fallen: Je heiterer der Satzbau dessen, den man so obenhin als Humoristen etikettiert, desto bewundernswerter seine Fähigkeit, die bittersten Sprachlosigkeiten emporzuläutern zur Doppelbödigkeit des schönen Scheins – und das hat wirklich nichts mit Anbiederung an einen trivialen Publikumsgeschmack zu tun. Mit den Worten Roland Barthes’:

Wenn ich mit Lust einen Satz, eine Geschichte oder ein Wort lese, so sind sie in Lust
geschrieben worden (diese Lust steht nicht in Widerspruch zu den Klagen des Schriftstellers).

Leselust ist damit am Ende gar nichts andres als Schreiblust; freilich wirkt eine derartige Wirkungsästhetik zurück auf den Schreibvorgang selbst – noch einmal Roland Barthes:

Sich eine Ästhetik ausdenken […], die restlos […] auf der Lust des Konsumenten beruhte […]:
die Folgen wären enorm, vielleicht sogar umwerfend […].

Hoffen wir es! Jede Zeit bekommt die Bücher, die sie verdient; die Re-Ästhetisierung all unsrer Lebensbereiche, wie sie in den 80ern begann und seit ein paar Jahren auch wieder den Satzbau erfaßt hat, ist kein Sekundärphänomen: Zwar hat die Neue Äußerlichkeit auch viel mit dem Aufkommen einer neuen Schriftstellergeneration zu tun, sie ist aber kein reines Generationsspezifikum: „Ein guter Text ernährt auch die gegensätzlichen Generationen“(Gide) – hoffen wir es!
Und damit genug der Vorab-Erklärungen; Autoren der Neuen Äußerlichkeit – auch dieser Begriff ist nicht vereinnahmend gemeint, sondern deskriptiv-vorläufig – sind Autoren aller westöstlichen Altersstufen, die (wieder) primär in Sätzen, nicht in Inhalten denken. Sie sind „Satzdenker“, und ihre Erzählung folglich eine sinnliche Haut über dem Erzählten, „frisch, schmiegsam, fettglänzend, leicht rauh und vibrierend […] wie die Schnauze eines Tieres“ …
Hoffen wir’s zum dritten! Denn die hier vorgelegte Sammlung von Essays ist ja nur zum Teil eine historische Dokumentation; zum andern Teil ist sie – ein Mem unter Memen, ein Manifest, eine sukzessiv entstandne Programmschrift für das, was gerade erst stattfindet oder gar erst noch stattfinden soll … und deshalb läßt sie sich auch besser von hinten nach vorne lesen, der Chronologie der Sache entsprechend. Noch besser freilich wär’s, man könnte sie auch von unten nach oben lesen, denn genau das ist ihr Thema: daß wir über Gebühr lange aufgeschaut haben zu unsern geistig-literarischen Vätern und daß wir es jetzt nicht mehr tun.
Müssen wir uns etwa dafür entschuldigen, daß wir uns nicht länger kleinhalten lassen als „jüngere deutsche Literatur“? sondern daß wir spätestens mit den Produktionen der 90er Jahre – mag man sie nun als Neue Deutsche Lesbarkeit, Neue Äußerlichkeit, Postmoderne, 78er-Literatur oder als was immer zusammenfassen – daß wir Teil geworden sind der deutschen Literatur?

Ottobrunn, 20. Mai 1998
MP