Europa – von der Vision zur Fata Morgana

Europa – von der Vision zur Fata Morgana

erschienen/erscheint bei:

auf der Seite von ELit.Literaturhaus Europa, 11/6/20, Link zum deutschen Text
u.d.T. „Europe – from the Vision to Fata Morgana“ auch auf Englisch, Link zum englischen Text

Entstehungszeitraum: 13/05/2020 - 22/05/2020

Leseprobe

Anfang der 90er, als es – der Eiserne Vorhang war gerade gefallen – in Europa nach Aufbruch und Zukunft roch und unsre Köpfe voller Visionen waren, beschloß ich mit meinem holländischen Freund Johan de Blank: daß wir an Tag X, da sich die Europäische Union in die Vereinigten Staaten von Europa verwandelt haben würde, gemeinsam zum Einwohnermeldeamt gehen und einen europäischen Paß beantragen wollten. Auf dessen bordeauxrotem Einband würde unter dem neuen Staatsnamen nichts Abgrenzendes mehr vermerkt sein wie „Bundesrepublik Deutschland“ oder „Koninkrijk der Nederlanden“.

Eine kleine symbolische Aktion, inspiriert durch das große Narrativ, das uns durch dieses goldne Jahrzehnt trug, das Narrativ vom vereinten Europa. Genau genommen, trug es mich bereits durch die Jahrzehnte zuvor. Meine Eltern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatten, erzogen mich bewußt als Europäer; was die Gründerväter der EU tatsächlich gefühlthatten, die Sehnsucht nach einer Einigung Europas als einem Friedensprojekt, war auch für sie ein Herzenswunsch, den sie lebten und als ihr emotionales Vermächtnis an mich weitergaben.

Doch wir, die Nachgeborenen, haben es offensichtlich versäumt, dies emotionale Vermächtnis auch an die nachfolgenden Generationen zu übergeben. Unmerklich wurde die EU für ihre Bewohner zur Chiffre und für viele irgendwann sogar zum Ärgernis; den Ernst, der hinter ihrer Gründung stand, die Erfahrung von Gewalt und Leid, die Angst vor einem neuen Krieg, all das haben wir vergessen. Selbst die Eliten interessierten sich irgendwann nicht mehr für Europa. In eine echte Gemeinschaft mit anderen kommt man eben nicht durch allfälliges Postulieren hehrer Ziele und schon gar nicht durch sukzessive Bürokratisierung einer Idee, sondern durch eine gemeinsam gemachte Schlüsselerfahrung. Oft sind es Katastrophen; aber auch das Sommermärchen der WM 2006 war ein solches Gemeinschaftserlebnis, das noch lange nachwirkte – übrigens weit über die deutschen Grenzen hinaus. Hatte Europa ein solches Schlüsselerlebnis?

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