Herzklopfen, kalter Blick, Gelassenheit

Herzklopfen, kalter Blick, GelassenheitZur 25. Ateliervernissage von Johannes Nawrath am 24. November 2019

erschienen/erscheint bei:

Privatdruck in einer Auflage von 100 numerierten, vom Autor und vom Künstler signierten Exemplaren
Hamburg, November 2019

Bestellungen über http://www.johannes-nawrath.de/publikationen/publikationen.php

Klappenbroschur
20 S.
Mit 18 farbigen Abbildungen (Gemälde und Linolschnitte von Johannes Nawrath)
18 €

Entstehungszeitraum: 06/12/2019 - 05/11/2019

Leseprobe

[…] Wir kommen zu meinemLieblingsbild aus der Jahresproduktion 2019, zu „Skrova, Lofoten“ – und sind am Ende der Welt. Tatsächlich glaubte ich zunächst, ein Alpenpanorama zu sehen, wie es sich über einer Wolkendecke erhebt. Auf den zweiten Blick hätten es auch geflutete Alpen sein können. Selbst beim dritten Hinsehen bleibt es eine verzauberte Stellvertreterlandschaft. Sie strahlt eine stille Würde und kühle Eleganz aus, die so lange zu Interpretationen reizt, bis man aufgibt und einfach nur schaut.

Ich stelle mir vor, wie Nawrath diesen Anblick erst beiläufig wahrgenommen, beim zweiten Blick dann aber auch gleich mit Herzklopfen erkannthat; wie er einen gedanklichen Rahmen darum zog und alles, was links und rechts womöglich störte, ausblendete, um nur immer genauer, eindringlicher, unerbittlicher den Ausschnitt zu fixieren – dies impulsive, erst stumm jubilierende, schließlich entschlossen zupackende Ja! zur Welt, wie sie sich in gewissen Schlüsselmomenten darbietet, ist der Ausgangspunkt großer Kunst.

Gottfried Benn spricht in diesem Zusammenhang vom „Wallungswert“ gewisser Initialreize, die im plötzlich glückhaften Zusammenspiel die alltägliche Wirklichkeitswahrnehmung durchbrechen und den künstlerischen Schaffensprozeß in Gang setzen. Und er spricht auch davon, daß der Künstler den „kalten Blick“ braucht, um das leidenschaftlich Erlebte so weit abzukühlen, daß es überhaupt bearbeitet und in eine gültige Form gebracht werden kann: Was für den Lyriker Benn gilt, gilt für den Maler Nawrath nicht minder. Er läßt sich spontan begeistern von einem Weltausschnitt, überprüft ihn dann jedoch in aller Ruhe auf seine Kunsttauglichkeit, um ihn schließlich da und dort zu ergänzen, zu korrigieren, neu zu kombinieren mit anderen Weltausschnitten. Nur im seltensten Fall taugt das unmittelbar Gesehene eins zu eins als Vorlage für ein Bild; Nawraths Realismus ist ein klug inszenierter Realismus, der die Wirklichkeit durch dezente Bearbeitung ins Symbolhafte läutert.

Ich stelle mir also vor, wie er dieses zufällig entdeckte und auch erkannteWeltsegment „Skrova“ mit aller Abgeklärtheit und Gelassenheit zu Hause in ein Kunstwerk gebannt hat. Und ich schätze, es ging ihm nicht nur bei Skrova, es geht ihm bei allen Motiven so: Ohne Herzklopfen finge er gar nicht erst an, genauer hinzusehen; ohne den kalten Blick würde er das Gesehene nicht zum Motiv verwandeln können; und ohne Abgeklärtheit würde er dessen Tiefendimension nicht auf die Leinwand bringen. Der Kern gerade seiner romantischen Bilder ist Realismus; aber der Kern seines Realismus ist am Ende doch auch immer Romantik. […]

Bilder, wie sie nicht im Buche stehen