Im Varieté der Sichtbarmachung
Im Varieté der SichtbarmachungPEN Deutschland im Zeitalter der Erregbarkeit
Entstehungszeitraum: 30/07/2025 – 11/01/2026
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Kaum ein Tag, an dem man uns nicht mit Betroffenheitsbekundungen in den sozialen Medien zusetzt, an dem man uns nicht mit alarmistischen Presseerklärungen, Unterschriftenaktionen und offenen Briefen in moralische Beugehaft nehmen will. Wir hören gar nicht mehr richtig hin, unser Widerstand ist Schweigen. Muß wirklich jeder zu jedem Thema etwas sagen?
Bei PEN Deutschland stellen wir uns diese Frage immer dann, wenn uns ein Ereignis in die Pflicht zur Stellungnahme zu rufen scheint, zur Solidarisierung oder zum Protest. Das Eintreten für das Recht auf freie Meinungsäußerung im In- wie im Ausland ist der Vereinszweck von PEN Deutschland. Die Freiheit des Wortes ist permanent unter Druck, wir könnten uns jede Woche an die Öffentlichkeit wenden. Doch auch zu all den Konflikten auf der Welt, zu Klimawandel, Hunger und Vertreibung, so gibt man uns zu verstehen, sollen wir öffentlich Stellung beziehen. Alles wichtige Themen, zu denen aber auch kein Mangel an Stellungnahmen herrscht.
PEN Deutschland hat eine klar definierte Aufgabe, und weil wir sie – nur sie – in den Mittelpunkt unsrer Arbeit stellen, sind wir beim Thema Meinungsfreiheit eine Instanz. Freilich sind und bleiben wir das nur um den Preis, daß wir uns immer wieder, nach innen wie nach außen, rechtfertigen müssen – nicht für irgendeine Meinungsäußerung, sondern dafür, daß wir uns zu diesem oder jenem Thema nicht geäußert haben. Aber als Verein Haltung zu zeigen, kann eben auch heißen, sich nicht zu äußern.
Dann seid ihr doch gar nicht sichtbar! läßt man uns wissen: Auch nicht bei denen, von deren Zuwendungen ihr als gemeinnütziger Verein lebt! Dann gibt es euch gar nicht!
Das stimmt leider auch. […]
