Mein Abschied von Deutschland

Mein Abschied von DeutschlandWovon ich rede, wenn ich von Freiheit rede

erschienen/erscheint bei:

Erscheint bei Hoffmann und Campe am 2. März 2022
80S.

144 Seiten
ISBN 978-3-455-01439-6i
€ 16,– [D] | € 16,50 [A]



Entstehungszeitraum: 05/09/2021 - 06/12/2021

Über das Buch

Im Frühjahr 2021 hatte Matthias Politycki genug vom deutschen Debattensumpf und zog nach Wien. In Mein Abschied von Deutschland. Wovon ich rede, wenn ich von Freiheit rede begründet er seine Entscheidung und verteidigt eine über Jahrhunderte gewachsene Sprache gegenüber all jenen, die sie für ideologische Zwecke zu instrumentalisieren suchen.

Bis zur Verhängung des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 war Matthias Politycki einen Großteil des Jahres unterwegs, auch um immer wieder Abstand zu den deutschen Befindlichkeiten zu gewinnen. Ein Jahr später, im Frühjahr 2021, war es mit Reisen allein nicht mehr getan. Der Essay, in dem er seinen Umzug begründete – veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung –, zog ein überwältigendes Echo nach sich, so dass er sich herausgefordert fühlte, die Umstände seines Weggangs noch einmal neu zu reflektieren: Als klassischer Linker steht Politycki für eine (fast) unbegrenzte Freiheit der Meinung, der Phantasie und der Literatur, die er in Deutschland zunehmend eingeschränkt sieht. In seinem Buch untersucht er die Auswirkungen aktueller Geschlechter- und Identitätspolitik; er zeigt, wie die Sprache Gefahr läuft, ihre Vielfalt und Unschuld zu verlieren, und wie eine grassierende Gegenaufklärung das Ende unserer Debattenkultur herbeiführt und uns zu entmündigen droht.

Mein Abschied von Deutschland ist das Bekenntnis eines überzeugten Demokraten und Stilisten zugleich und ein leidenschaftliches Plädoyer für wildes Denken über weltanschauliche Gräben hinweg.

Inhalt

Freiheit | Realsatire | Querendes Getier | Dazwischen | „Bleib erschütterbar und widersteh“ | Umbegreifung der Begriffe | Framing | Gegenaufklärung | Zivilgesellschaft | Medienhygiene | Reduktion des Arbeitsmaterials: Wörter | Reduktion des Arbeitsmaterials: Stoffe | Zensur, rückwirkend | Zensur, vorbeugend | Die neue Rolle des Schriftstellers | Sattelzeit | Beschädigung des Arbeitsmaterials: Grammatik | Sichtbarmachung | Gendern als zivilgesellschaftlicher Ungehorsam | Wovon ich rede, wenn ich von Sprache rede | Finale Neurose | Das Alte Europa | Wien

Leseprobe

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen so gründlich zu betreiben, bis alle schlechte Laune haben. Das war schon immer so, oder jedenfalls immer mal wieder. Trotzdem war ich mein Leben lang auf eine, heute würde man vielleicht sagen: postnationale Weise gern ein Deutscher und habe mich in Deutschland zu Hause gefühlt.

Doch vor einem Jahr war das Maß dann voll. Als einer, der von der Freiheit des Gedankens und der Schönheit der Sprache als seinen täglichen Grundnahrungsmitteln lebt, hatte ich genug von kuratierter Wortwahl und vorstrukturierten Haltungsketten, wollte nicht länger zusehen, wie sich die Debattenräume Tag für Tag verengten. Und zog nach Wien. Ich wollte eine Grenze zwischen mir und all dem wissen, was mir die Freude am öffentlichen Gespräch und schließlich die am Schreiben verdorben hatte.

Wien ist freilich nicht aus der Welt, die Debatten, die ich eigentlich hatte verlassen wollen, holten mich wieder ein. Wenn es nach den Broschüren gehen sollte, die von den städtischen Behörden für ihre Mitarbeiter herausgegeben werden, will man hier sogar die Schafe gendern – als „tierische MitarbeiterInnen“ –, offenbar um keine Hammel zu diskriminieren. Auf Nachfrage läßt der Bürgermeister jedoch über sein Büro versichern, daß ihm diese Broschüre nicht geläufig sei. Nicht etwa „nicht bekannt“! Sondern halt „nicht geläufig“. Das ist Wien. Dieselben Themen wie in Berlin, aber kräftig abgemildert durch einen komödiantischen Einschlag und durch kultivierte Renitenz an der entscheidenden Stelle. Und ansonsten übrigens auch durch den alles beherrschenden Konjunktiv, eine Kulturerrungenschaft des gesamten deutschsprachigen Südens, die weit über das rein Sprachliche hinausgeht und manches erträglicher macht, was man in der Unerbittlichkeit indikativischer Verlautbarungen kaum auszuhalten glaubt.

Schon seit einigen Jahren fühlte ich mich in Deutschland nicht mehr wohl. Zunächst war es nichts weiter als ab und an ein plötzliches Unbehagen, und weil ich einen Großteil meiner Zeit in Asien, Afrika oder sonstwo verbrachte, vergaß ich es schnell. Nach meiner Rückkehr stellte es sich jedoch verläßlich wieder ein. Irgendwann war es dauerhaft präsent, kein vorübergehendes Unbehagen mehr, sondern schleichende Bedrückung. Erst mit Verhängung des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020, der mich in deutschem Alltag, deutscher Befindlichkeit und deutschen Diskursen festsetzte, wurde mir klar, was mir seit Jahren abhanden gekommen war: die beruhigend selbstverständliche Gewißheit, in einem der freiesten Länder zu wohnen, in das ich von jedweder Ecke der Welt immer gern zurückgekehrt war.

Kann es sein, fragte ich mich, daß die grenzenlose Freiheit, wie wir sie noch in den Debatten der Neunzigerjahre genossen, verloren gegangen ist? […]