Leute von heute: Macher Matthias Politycki

Leute von heute: Macher Matthias PolityckiFragen: Susanne Wohlgemuth

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erstaunlich frei bearbeitet in: Journal München, Winter 2011 (26/10/11)

Entstehungszeitraum: 01/10/2011

Interview (Kompletter Text)

Sie wollen unter dem Motto „Die Welt auf Deutsch“ eine „Standortbestimmung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ vornehmen. Wo steht diese?

Deutsche Literatur gilt im Ausland oft als provinziell und langweilig. Auch heute noch, wie ich gerade wieder bei einer Lesereise in England erfahren durfte – als ob sich während der letzten Jahrzehnte bei uns gar nichts getan hätte! Dabei haben wir Mitte der Neunziger für eine „Neue Lesbarkeit“ gekämpft, eine Abkehr von der Nachkriegs- und Bewältigungsliteratur, die auf eine strenge Trennung zwischen E- und U-Kultur pochte. Und mit Erfolg; unsere Schriftstellergeneration – jede nachfolgende ohnehin – hat wieder mehr Leichtigkeit gewonnen, mehr erzählerischen Drive, mehr Lust am genuinen Drauflosfabulieren. Der Blick hat sich geweitet, die deutsche Literatur ist nicht mehr nur gesellschaftsrelevant, sondern welthaltig im umfassendsten Sinn des Wortes, es gibt eine erfrischende stilistische wie thematische Vielfalt. Dieser Reichtum erinnert mich an die 1920er-Jahre, die damalige Gegenwartsliteratur bot dem Leser ein verwirrend aufregendes Spektrum vom Spätimpressionismus über den Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit.

Möchten Sie vor allem diese Heterogenität spiegeln? Sie haben ja einerseits viele Poetry-Slammer eingeladen, anderseits einen stilistischen Filigrankünstler wie Martin Mosebach.

Jedes Jahr wird das „forum:autoren“ von einem anderen Schriftsteller kuratiert, es soll dessen persönliche Handschrift tragen. Die eingeladenen 50 Schriftsteller halte ich, so unterschiedlich sie auch mit Sprache umgehen, allesamt für wichtige Repräsentanten unsrer Gegenwartsliteratur. Allerdings mußte ich auch auf einige verzichten, weil sie nur ihr neues Buch bei uns vorstellen wollten; denn wir wünschen uns von unseren Gästen ja weit mehr als eine Lesung: Sie sollen drei Tage in der Stadt bleiben, in Schulen und an der Universität „Klartext“ reden und diskutieren, im allabendlichen „Salon der lebenden Schriftsteller“ für jeden ansprechbar sein, persönlich erlebbar. Dabei werden sie, jenseits der Rückzugsmöglichkeit in literarische Fiktion, für Positionen einstehen und im Verlauf der Woche sukzessive mit ihrer Haltung hinter ihren Büchern sichtbar werden.

Arnold Stadler und Urs Widmer sprechen über den „Tod und die Toten“, Feridun Zaimoglu und Wolfgang Schömel über „Die Tragik der Männer mit und ohne Frauen“. Sie rücken nicht Werke, sondern Autoren und Themenkomplexe ins Zentrum. Warum?

Ich möchte den Fokus wieder auf die Schriftsteller selbst richten, auf ihre ästhetische Position, ihre Weltsicht. Also auf das, was aus der Summe ihrer Bücher irgendwann einmal als Werk sichtbar werden wird, als dessen zugrundeliegende Struktur. Wir haben gerade heute eine große Sehnsucht nach Authentizität, nach Glaubwürdigkeit, nach Haltung – nach all dem, was ein Schriftsteller qua Person verkörpert. – Übrigens unterscheide ich zwischen Schriftsteller und Autor, wobei ich mir die beiden Begriffe natürlich willkürlich auseinanderdividiert habe: Autoren machen Bücher, oft lassen sie sich dazu von Lektoren oder Agenten überhaupt erst anregen. Mit diesen ihren Büchern bedienen sie den Markt nicht selten auf perfekte Weise, und dagegen ist auch überhaupt nichts zu sagen. Ein Schriftsteller hingegen ist getrieben von seinen Ideen, seinen Visionen, man wird ihn schwerlich zu diesem oder jenem Buch anregen bzw. überreden können, weil er ohnehin stets genug auf dem Zettel hat. Ein Schriftsteller ist ja kein schierer Plotist; entscheidend ist nicht, worüber er schreibt, sondern wie er schreibt.

Themen – das Lieblingssujet von Büchersendungen – sind zweitrangig in der Literatur?

Ob jemand wie Angelika Klüssendorf von einer schwierigen Kindheit in der DDR erzählt oder ein Poetry Slammer wie Bas Böttcher Momentaufnahmen des Alltags seiner Generation zeigt, ist mir beides gleichermaßen recht, sofern mich der Rhythmus packt, die Sprache stimmt. Im übrigen haben wir sehr wohl ein Thema beim diesjährigen Literaturfest: der Zustand, die Probleme und Hoffnungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – wo steht sie, wohin geht sie? In den klassischen Feuilletons ist der Raum für derartige Grundsatzüberlegungen knapper und der Ton rauher geworden; der Zeitgeist zwingt uns allen seinen Rhythmus auf, er treibt uns zu schnelleren und härteren Stellungnahmen. Vielleicht können wir mit den zahlreichen Debattenformaten des forum:autoren, an denen immerhin 77 Schriftsteller und Kritiker teilnehmen werden, eine neue Gesprächskultur anregen.

„Ästhetik“, haben sie einmal erklärt, „ist mehr als Geschmack. Ästhetik beruht auf Kriterien.“ Was wären für Sie geeignete Kriterien, sich der Gegenwartsliteratur anzunähern?

Diese zu finden, ist Aufgabe der Kritiker. Worum es mir grosso modo geht: Nach dem Krieg war die deutsche Literaturkritik von einer post-adornitische Theorie beherrscht, dazu kamen Versatzstücke des Geniekults, der beispielsweise Lyriker bevorzugt als „Seher“ verehren wollte. Die meisten Kriterien, die, davon ausgehend, ein paar Jahrzehnte bei der Bewertung von Literatur angewandt wurden, greifen mittlerweile ins Leere. Heutzutage messen wir dem Handwerklichen wieder eine andere Bedeutung zu, haben vor allem eine andere Sprache gefunden. Ironie, Leichtigkeit, die blattgoldene Oberfläche eines Textes spielt dabei eine entscheidende Rolle. In ebenjener Oberfläche wurzeln ja seine Tiefenstrukturen; um sie angemessen zu erkennen, bräuchten wir freilich eine neue Sichtweise auf „Oberflächen“. Das wäre freilich nur ein Aspekt unter vielen, den es neu zu bedenken gälte; angesichts der Vielfältigkeit unsrer Gegenwartsliteratur kann jede theoretische Annäherung erst mal nur deskriptiv, eklektisch und tastend sein. Mit dem Dauerrekurs auf Thomas Mann oder sonst einen „modernen Klassiker“ wird man ihr nicht gerecht.

Sie binden gezielt die Literaturwissenschaftler ein. In der Reihe „Klartext“ findet an der LMU eine Debatte über die Gegenwartsliteratur statt. Lange Zeit hat ja die Germanistik zur Gegenwartsliteratur eher Abstand gehalten.

Ich habe in München studiert, ein paar Semester auch unterrichtet, ich kenne die Abwehrhaltungen. Als Schriftsteller habe ich dann freilich die Erfahrung gemacht: Gerade Literaturwissenschaftler sind oft unsere klügsten Gesprächspartner. Angesichts der Atemlosigkeit des Kulturbetriebs brauchen wir sie heute mehr denn je, bei ihnen ist das bedächtig langsame Rezipieren von Texten ja Programm. Darum ist mir die tägliche „Klartext“-Debatte ein Herzensanliegen. Jeder Schriftsteller hat dafür ein fünfminütiges Statement vorbereitet; wer drankommt, entscheidet das Los: eine Art Theorie-Slam mit Zufallsgenerator.

Fünf-Minuten-Statements mit Stoppuhr. Widerspricht das nicht Ihrem Wunsch nach Entschleunigung? Sind wir da nicht wieder mitten in der lustigen Eventhäppchenkultur?

Die Statements sollen ja nur der Anstoß sein für all die substanziellen Gespräche, die sich anschließen – auf dem Podium, im Publikum, im „Salon der lebenden Schriftsteller“, wo immer.

Auf der Liste Ihrer Gäste finden sich auffallend viele Lyriker.

Für mich ist die Lyrik immer noch die Königsdisziplin der Literatur, ein Gedicht die unmittelbarste Verständigungsform mit Lesern bzw. Zuhörern. Es kommt dabei halt sehr auf die Gedichte an! Es gibt deren auch heute genug, die sofort unter die Haut gehen, weil sie ihre Komplexität in scheinbar einfache Verse zu kleiden wissen. Übrigens sind sie viel schwerer zu schreiben als man meinen mag, Einfachheit ist die höchste Form der Komplexität. Die Lyriker, die wir dazu eingeladen haben, decken ein sehr weites Feld ab, das Spektrum reicht von F.W. Bernstein bis zu Ulrike Almut Sandig. Ich bin sicher, daß sie uns unmittelbar berühren und mitreißen werden.