Romane

Das kann uns keiner nehmen (Taschenbuch)

Das kann uns keiner nehmen

Das kann uns keiner nehmen

Das kann uns keiner nehmen

erschienen/erscheint bei:

erscheint am 4. März 2020
bei Hoffmann und Campe

304 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
Vier Karten im Vor- bzw. Nachsatz
ISBN: 978-3-455-00924-8
22,00€




Entstehungszeitraum: 02/03/2018 - 08/10/2019

Weitere Formate und Veröffentlichungen


Das kann uns keiner nehmen (Taschenbuch)
Das kann uns keiner nehmen (Taschenbuch)
Hoffmann und Campe
304 Seiten
12,90€
ISBN-10 : 3455009255
ISBN-13 : 978-3455009255

Hörbuch "Das kann uns keiner nehmen"
Das kann uns keiner nehmen

Copyright Hörbuch und Download: SAGA Egmont
(Lindhardt og Ringhof A/S, Kopenhagen)

Copyright physisches Hörbuch: Steinbach Sprechende Bücher, Frankfurt


Ungekürzte Lesung
Sprecher: Wolfram Koch
MP3, 580 Minuten, 423.72 MB
EAN 9788726441642
21,99€
Zu Thalia.de

E-Book "Das kann uns keiner nehmen"
Download:https://www.matthias-politycki.de/wp-content/uploads/das-kann-uns-keiner-nehmen.jpgDas kann uns keiner nehmen

erscheint im März 2020
bei Hoffmann und Campe


ISBN: 978-3-455-00926-2
16,99 (D), 16,99 (A), 21,00 (CH)

EPUB bei Hoffmann und Campe: http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/das-kann-uns-keiner-nehmen-ebook-12147/

Über das Buch

Am Gipfel des Kilimandscharo: Hans, ein so zurückhaltender wie weltoffener Hamburger, ist endlich da, wo er schon ein halbes Leben lang hinwollte. Hier, auf dem Dach von Afrika, will er endlich mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen. Doch am Grunde des Kraters steht bereits ein Zelt, und in diesem Zelt hockt der Tscharli, ein Ur-Bayer – respektlos, ohne Benimm und mit unerträglichen Ansichten. In der Nacht bricht ein Schneesturm herein und schweißt die beiden wider Willen zusammen. Es beginnt eine gemeinsame Reise, unglaublich rasant und authentisch erzählt, wie das nur Politycki kann, gespickt mit absurden und aberwitzigen Abenteuern. Als sich die beiden schließlich die Geschichte ihrer großen Liebe anvertrauen, erkennen sie, dass sie mit dem Leben noch eine Rechnung offen haben. Doch der Tod fährt in Afrika immer mit, und nur einer der beiden wird die Heimreise antreten.

Leseprobe

Wir sahen ihn schon vom Kraterrand aus, ein leuchtend roter Punkt zwischen den Zelten, genau dort, wo unser Pfad am Kraterboden enden würde.

Sieben Tage lang hatte ich den Moment ersehnt, da ich endlich allein sein würde mit diesem Berg. Sieben Tage, während es auf den Wanderwegen immer voller geworden war, je höher wir kamen. Im Barafu Camp, 1200 Meter unterm Gipfel, wo die meisten Aufstiegsrouten vor der letzten Etappe zusammenfinden, hatte größerer Trubel geherrscht als auf dem Markt in Arusha, und dann wurde auch noch eine Frau abtransportiert, die nicht einsehen wollte, daß sie die Höhenkrankheit hatte, und lieber hier oben sterben wollte als tausend Meter weiter unten überleben. Schließlich schnallte man sie auf eine Trage, noch lange hörten wir sie schimpfen und schreien.

„Der da unten ärgert sich gerade noch mehr als wir“, versuchte Hamza, den roten Punkt am Kraterboden herunterzuspielen, während er ihn durch sein Fernglas betrachtete. Drei der Zelte seien übrigens die unsern, setzte er das Glas wieder ab. Dann wies er auf zwei weitere Punkte, das seien Mudi und Dede, sie stellten gerade das Toilettenzelt auf. Beim gestrigen Abendessen hatte er ein letztes Mal versucht, auch Paolo und Ezekiel zu überreden, vergeblich, auf die paar zusätzlichen Dollars würden sie gern verzichten, in den Krater müßten wir ohne sie. Dort wohnten böse Geister, die verwandelten sich nachts in schlimme Schwefeldämpfe oder kämen im Eishagel und holten sich, wen immer sie wollten. Selbst die, die sie verschonten, schlügen sie mit Übelkeit und Wahn, einfach so, weil sie die Macht dazu hätten. Auf diesem Berg sei man nur Gast; wer mehr von ihm wolle als den Gipfel, der müsse auch mehr geben, nicht wenige das Leben.

Nur der Einbruch der Kälte hatte kurz für Ruhe gesorgt. Von einer Sekunde zur andern war’s so still im ganzen Camp, daß ich meinen Puls pochen hörte und den Schmerz im Kopf wieder wahrnahm, ein leichtes Ziehen unter der Schädeldecke. In Gedanken ging ich noch einmal die 25 Jahre ab, die ich gebraucht hatte um hierherzukommen, und nahm mir fest vor, nicht noch auf den letzten Metern einzuknicken. Schließlich hatte ich noch eine Rechnung mit diesem Berg offen und war entschlossen, sie morgen zu begleichen. Ab Mitternacht brachen die ersten auf, um den Gipfel vor Sonnenaufgang zu erreichen, und von da an hörte man immer wieder Getrappel, wenn die nächste Gruppe an unseren Zelten vorbeimarschierte, ein aufgeregtes Flüstern und Kichern. Wir ließen sie ziehen, heute hatten wir ja nur den Aufstieg zu bewältigen und nicht wie alle anderen – hoffentlich ausnahmslosalle anderen – auch die Hälfte des Abstiegs. Um halb drei fing Hamza im Zelt neben mir zu rascheln an, um vier liefen wir los. Unsre Träger schliefen noch, sie würden sich den Gipfel sparen und direkt zum Crater Camp gehen. Schon nach wenigen Minuten schalteten wir die Stirnlampen aus, der Mond leuchtete uns den Weg.

Als wir um kurz nach acht den Kraterrand bei Stella Point erreicht hatten, war mein Kopfweh verflogen. Unter uns, umbrabraun schweigend und ernst, absolut ernst, lag eine Hügellandschaft aus Asche, feierlich von einem Felsenkranz umzackt, dessen Innenseite mit Schnee geschmückt war. Weiß und strahlend auch die Gletscher am Kraterboden, mit ihren geriffelten Kanten hart von der Aschewüste abgegrenzt. Ja! dachte ich nur immer wieder, ja! Deshalb war ich gekommen.

Der restliche Weg auf dem Kraterrand bis dorthin, wo er sich, beständig sanft ansteigend, zum Gipfel wölbte, von braunroter Asche bedeckt, linker Hand von einem gewaltigen Gletscherfeld markiert, leicht verschwommen dahinter die Ewigkeit. Rechter Hand die schneebedeckten Kraterwände, am Fuß derselben verstreut ein paar Felsen oder Lavabrocken, weiter innen nurmehr Asche und Eis. Kein Vogel im Firmament, keine Fährte am Grund, kein Grashalm im Wind. Um zehn erreichten wir den Gipfel, und als die letzte Gruppe ihre Siegerfotos geschossen und den Rückweg angetreten hatte, waren wir endlich allein. Hamza riß sich die Kleider vom Oberkörper, kletterte auf das Gerüst, das den Gipfel anstelle eines Kreuzes markiert, und streckte die Arme in die Luft – so sollte ich ihn mit seinem Handy fotografieren. Nach zwanzig Minuten gingen wir auf dem Kraterrand weiter, und als wir die Stelle erreicht hatten, wo der Pfad abzweigt, hinab zum Crater Camp, sahen wir ihn.

„Weißt du, was der Unterschied ist zwischen dem und uns?“ wollte Hamza die Sache mit Humor nehmen.

„Will’s nicht wissen“, ließ ich mir sein Fernglas reichen, um den roten Punkt meinerseits in Augenschein zu nehmen, „und werde auch morgen nicht drüber lachen“.

Nun war da also ein Kerl im Krater, wo ich mir seit Jahren nichts anderes als leere Landschaft vorgestellt hatte, in der ich meine Vergangenheit begraben wollte. Daß der Berg auf seinen Trekkingrouten von Touristen überlaufen war, hatte ich immer gewußt – doch auch, daß so gut wie niemand davon im Krater übernachtet. So gut wie niemand! Nämlich heute offensichtlich ein Kerl in roter Jacke, der gekommen war, mir durch seine Gegenwart die Würde des Ortes zu zerstören, wo ich mir seit sieben Tagen, die ganze lange Lemosho-Route über, nichts anderes vorgestellt hatte als: wie ich dort unten Maras Namen ein letztes Mal flüstere oder schreie oder meinetwegen gegen die Kraterwände schleudre und dann ganz tief in der Asche beerdige. Je länger ich auf dem Berg unterwegs gewesen war, desto näher waren mir meine Erinnerungen gerückt und mit ihnen die Gefühle, die ich längst im Griff zu haben glaubte. Als ob der Berg all das freisetzte, was ich mit einiger Mühe beiseitegeschoben und irgendwann nicht mehr angerührt hatte, je höher wir kamen, desto heftiger – und in schier überwältigender Wucht während der letzten Minuten, nachdem auch das Gejohle am Gipfel überstanden und die ganz große Stille angebrochen war.

„Der Unterschied ist: Der da unten ist schon da. Wir könnten immer noch umkehren und absteigen.“

Das kam natürlich nicht in Frage. Im Fernglas beobachtete ich Mudi und Dede, wie sie die Heringe unsrer Zelte mit Felsbrocken sicherten. Dann traten zwei Männer aus einem der fremden Zelte, auf der Plane stand „Safari Porini“, wenig später noch einer aus einem anderen Zelt. Sie gingen zum Gletscher, der in der Mitte des Kraters lag, Hamza behauptete, sie würden ein Stück davon abschlagen, um es zu Teewasser zu schmelzen. Hinter dem Gletscher stieg die Aschelandschaft sanft zu einer Hügelkette an, dahinter verbarg sich der innere Krater. Gewiß war dort alles von derselben feinen Asche überzogen, die auch unseren Weg bedeckte.

„Vielleicht kriegt er ja noch die Höhenkrankheit“, meinte Hamza. Im Krater schlage das Klima ständig um, es herrsche kein guter Geist, Paolo und Ezekiel hätten recht. Er selbst sei zwar an die sechzig Mal auf dem Gipfel gewesen, aber erst ein einziges Mal im Krater und nur für eine knappe Stunde, weil sein Kunde schlagartig ganz schlechte Blutwerte hatte, sie hätten die Zelte sofort wieder abbauen müssen und absteigen.

„Der Kibo schläft nur“, sagte Hamza, „er entscheidet, wen er übernacht bei sich duldet, wen nicht, du kannst es nicht erzwingen.“

„Und er kann jeden Moment erwachen“, fügte er nach einer Weile an, da waren wir schon ein paar Serpentinenwindungen tiefer und mitten im Schnee.

*

„Lecko mio“, begrüßte mich der Kerl in der roten Jacke, der die ganze Zeit über am Ende des Pfades mit demonstrativ vor der Brust verschränkten Armen auf uns gewartet und also auch meinen Sturz mitbekommen hatte. In einer der Kehren war ein Schneebrett unter meinem Tritt abgerauscht und ich rücklings ein paar Meter mit ihm, zum Glück erst im unteren Drittel. Danach hatte ich eine Weile gebraucht, um mir den Schnee aus der Kleidung zu schlagen, zum Schluß wischte ich die Brillengläser trocken und wickelte mir das Tuch um den Kopf, das sich bei meiner Talfahrt gelöst hatte.

„Wie kommt ’n a so a Hornbrillenwürschtl wie du ausgerechnet hierher?“

Er schnaubte verächtlich aus, auch ihm hatte ein bißchen Gesellschaft gerade noch gefehlt. Daß ich einer der Deutschen war, die auf diesem Berg scharenweise unterwegs waren, hatte er offensichtlich erkannt oder unterstellte es jedenfalls, es machte die Sache nicht besser. Mein rechtes Auge war müde von der Anstrengung, ich schob mir die Brille in die Stirn und massierte die Augenhöhlen.

„Jetz hat’s eahm d’ Sprach verschlang.“

Er hatte halblange zerzauste Haare, einen buschigen Schnauzbart, der sich beidseits des Mundes bis zum Kieferknochen hinabzog, buschige Koteletten, die genauso tief reichten, alles in Silbergrau. Hals, Kinn, Wangen von Bartstoppeln übersät und jeder Menge Falten – ein Zausel, wettergegerbt, vielleicht Ende sechzig, der immer noch den Rocker geben wollte. Dafürwar er allerdings entschieden zu dünn, geradezu spiddelig, und auch zu blaß, noch nie hatte ich einen solch bleichen Menschen gesehen. Eine weiße Sportbrille mit orangerot verspiegelten Gläsern hatte er sich hoch in die Stirn geschoben, die Hände mittlerweile in die Hüften gestemmt, kein Zweifel, er empfand mich ebensosehr als Störenfried wie ich ihn. Als ich mich nach Hamza umsah, begrüßte der gerade die fremden Träger, der Reihe nach schlugen sie die Fäuste aneinander.

„Was hast ’n da für a Windel um dein’ Kopf gwickelt, ha? Oder sprichst du ned mit jedm?“

„Hans!“ streckte ich ihm meine Hand entgegen.

„I bin da Tscharli“, ergriff er die Hand und drückte kräftig zu, ließ nicht locker, im Gegenteil, erhöhte den Druck und rückte näher: „Da Windelhans bist’.“

Er lachte kurz auf, es klang hart und bitter, erst danach ließ er meine Hand los. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich die Träger noch immer mit Hamza verbrüderten. Nun kam ein weiterer Mann aus dem Zelt, gähnte, streckte sich, rieb sich die Augen, rief Hamza auf Suaheli einen Gruß zu, anscheinend ein Witz auf dessen Kosten, reihum Gelächter. Nachdem er Hamza nach allen Regeln der Kunst Faust auf Faust abgeschlagen, Handfläche auf Handfläche abgeklatscht, auf Brust und Schultern geboxt und die entsprechenden Schläge von Hamza empfangen hatte, kam er auf mich zu, gab mir ganz artig die Hand und stellte sich als John vor.

„Mountain doctor“, ergänzte der Kerl.

John grinste, blinzelte in die Sonne und zog sich seine Jacke aus. Auf dem T-Shirt, das er über einem Icebreaker-Unterhemd trug, stand „It’s now! Dr Never“.

„Bist du der Führer von Tscharli?“ fragte ich ihn auf Deutsch, John guckte erwartungsvoll freundlich durch mich hindurch. Bevor ich die Frage auf Englisch hinterherschieben konnte, blaffte mich der Kerl an: Er sei derTscharli! Und John also der Führer vomTscharli! Auch für einen Preußen wie mich, „host mi?“

„Yes, Mister Tscharli“, pflichtete John bei, „big boss.“

Ich sei kein Preuße, versetzte ich, sondern aus Hamburg.

Und er aus Miesbach, erwiderte der Kerl, da hätten wir ja was gemeinsam. Erneut lachte er auf, klopfte mir die Schulter, offensichtlich hatte er seine eigene Form von Humor.

Wieso er ausgerechnet heute hierhergekommen sei? konnte ich mir nicht verkneifen.

„Wei’s wuascht is!“ Der Kerl lachte nicht mehr. Er stierte mich drohend an, als erwarte er eine Replik, die er mit einem Faustschlag beantworten konnte. Als sie ausblieb, ließ er locker, grinste in die Runde. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er eine kleine Flasche Jägermeister aus der Jackentasche gezogen, einen Schluck genommen und ganz selbstverständlich an den Mountain doctor weitergereicht hätte. Aber er legte den Kopf nur leicht schief, kniff die Augen zusammen und musterte mich von oben bis unten. Schließlich gab er sich einen Ruck: „Komm, Windelhans, samma wieda guat. Mir kenna ja beide nix dafür.“

Zwölf Uhr mittags, Crater Camp, 5600m, null Grad, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Ich wollte nur noch eines, in mein Zelt verschwinden und verschwunden bleiben.

*

 

[…]

Pressestimmen

„Eine skurrile, wahnwitzige, oft politisch unkorrekte und zugleich herzergreifende Geschichte“
(Rheinische Post, 17/7/21)

„Die Geschichte ist so ungewöhnlich wie authentisch, fesselnd erzählt und verwebt Themen wie Rassismus, Politik, Freundschaft und Liebe sehr gekonnt.“
(Heike Kahl, Hofgeismarer Allgemeine, 14/6/2021)

„Von der ersten Seite an hat mich diese Geschichte fasziniert, gerade auch deshalb, weil der Autor so viele Details zu Land und Leuten erzählt.“
(Ursula Ehemann, wir. Heft 22, 2020/2)

„Der Roman ist souverän komponiert und mit hoher Präzision erzählt. Er beschreibt mal zuspitzend, mal ausladend, aber immer mit Zuneigung und einer feinen Selbstironie. Seine Sprache hält alle Widersprüche aus. Er beobachtet die afrikanische Szenerie mit einer Zurückhaltung, die sich nie anbiedert, vielmehr unterläuft er die ausgestreuten Klischees mit listigem Witz und verortet sie kritisch in einer europäischen Optik. Es ist genau das, was ein europäischer Autor leisten kann.“
(Beat Mazenauer, ELIT Literaturhaus Europa auf YouTube, 21/11/20; zur Rezension)

„Der erfolgreiche, jetzt 65-jährige Schriftsteller […] mischt Dichtung und Wahrheit, die Wirklichkeit erzählt er nicht nach, sondern formt sie um und erfindet sie neu.“
(Ralf Sziegoleit, Frankenpost, 30/10/20)

„So authentische Stimmen fängt ein ‚Weltreisender’ erst ein, wenn er ein Land ergründet, indem er aufrichtig mit den Leuten spricht.“
(Michael Thumser, Hochfranken-Feuilleton, 28/10/20; zum Artikel )

„Die Geschichte einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft, ein Roadmovie vor exotischer Kulisse, die Geschichte einer 25 Jahre zurückliegenden Reise, zwei Beziehungsgeschichten und eine Geschichte über den Sinn des Lebens und seine Endlichkeit auf gerade einmal 300 Seiten, geht das? Es geht. Zumindest, wenn der Autor Matthias Politycki heißt.“
(Schwäbische Post, 20/10/20)

„Wunderschönes Roadmovie“
(Ina Fischer, Recklinghäuser Zeitung, 1/10/20)

„Wenn Gewißheiten ins Wanken geraten, darum geht es in Polityckis Afrikaroman.“
(Imogena Doderer, ZIB/ORF 2, 31/8/20)

„Die fast zärtlich geschilderte seltsame Männerbeziehung trägt das Buch. Da ist auch viel faustische Wahrheitssuche in der Verkleidung des Abenteuerromans. Politycki lässt sich fast liebevoll auf afrikanische Landschaften, Märkte, Hotels, Bars und ihre Menschen ein, und das alles ist absolut präzise und uneitel geschrieben.“
(Christian Gampert, Büchermarkt/Deutschlandfunk, 19/8/20, zur Sendung)

„Ein Afrika- und Abenteuer- und Reiseroman mit ergreifenden Liebesgeschichten und Lebensrückblicken, grundiert vom Tod.“
(Frank Schmid, rbbKultur am Nachmittag/rbbKultur, 3/8/20, zur Sendung)

„Polityckis jüngster Roman ‚Das kann uns keiner nehmen‘ birgt ausreichend Stoff für eine intensive Unterhaltung, die Zeit und Raum vergessen lässt.“
(Margarete von Schwarzkopf, BÜCHER Magazin, 22/7/20)

„Es ist die anfangs heitere, zuweilen komische Beschreibung einer Reisebekanntschaft, die sich ins Dramatische steigert.“
(Leipziger Volkszeitung, 13/7/20)

„Ein nicht immer bequemes, nicht immer politisch korrektes, gelegentlich bizarres Bild von Afrika – vergnügt ist der Leser mit dabei. Abenteuerlicher wäre es nur noch, sich selbst auf den Weg zu machen.“
(Gerald Giesecke, Aspekte/ZDF, 10/7/20, zum Film)

„Was besonders begeistert, und das macht sicherlich den Stil von Politycki aus, ist dass er für solch einen gewaltigen Roman nur knapp an die 300 Seiten benötigt. Dabei sind die Romanfiguren und Erlebnisse so lebendig, dass sie einen fast aus dem Buch heraus anspringen. Hier ist ein wahrer Meister am Werk und es ist eine Freude Das kann uns keiner nehmen zu lesen.“
(Lynn Benda, Lieschenradieschen reist, 7/7/20, zum Blog)

„Politycki gelingt über 300 Seiten Roman eine gewaltige Vielfalt an Themen, Eindrücken und Landschaftsbeschreibungen, die den Leser in ferne Länder beamt, von wilden Abenteuern und der großen Liebe träumen lässt und keine Sekunde langweilt. Der Leser ist durch die humorvolle Erzählweise und den klaren, lesbaren Stil von Politycki von Anfang bis Ende gepackt.“
(Holger Kistenmachen, Unser Lübeck, 6/7/20, zur Rezension )

„Matthias Politycki gibt wichtige Denkanstöße zu den Fragen unserer Zeit. Drumherum hat er einen äußerst spannenden, unbequemen und verstörenden Roman geschrieben, in dem es aber nicht nur darum geht, unsere festgefügten Anschauungen zu hinterfragen, sondern auch um schmerzvolle persönliche Erinnerungsarbeit.“
(Katrin Krämer, Radio Bremen 2, 3/7/20)

„’Das kann uns keiner nehmen‘ erzählt uns von der tansanischen Bergwelt, von einer unkonventionellen Männerfreundschaft, von unglücklichen Beziehungen und von einem langsamen Tod. Das geht ans Eingemachte.“
(Peter Mohr, Stadtspiegel Bochum/Wattenscheid, Lokalkompass.de, 3/7/20, und Titel-Kulturmagazin.net, 20/7/20, zur Rezension)

„Matthias Polityckis persönlichstes Buch, mit tiefen Einblicken in die menschliche Seele, dicht erzählt in schönen Naturbeschreibungen und authentischen Begegnungen mit Land und Leuten.“
(Ralf Nestmeyer, Nürnberger Zeitung, 30/6/20)

„Ein virtuoser Abenteuerroman. Politycki at his best!“
(Literaturportal Bayern, 26/6/20)

„Chronik einer am Ende geglückten Selbstbefreiung aus allzu lange festsitzenden Denkfesseln. […] Fügt man die Schlagworte ‚Kilimandscharo’, ‚Blutvergiftung’ und ‚Aids’ hinzu, um die sein Roman in den entscheidenden Momenten kreist, so erhält die nunmehr dreizehnte Prosaarbeit des 1955 in Karlsruhe geborenen Erzählers augenblicklich jene faszinierende Mehrdimensionalität, die sie zu einer seiner zweifellos besten macht.“
(Peter Henning, Badener Tagblatt, Luzerner Zeitung und Aargauer Zeitung, 25/6/20, zur Rezension)

„Mit diesem Roman hält man grosses Lesevergnügen in den Händen.“
(Rahel Ilg, Weidenfelder Anzeiger, 24/6/20)

„Behutsam schildert Politycki, wie sich diese unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft allmählich zu einer Freundschaft wandelt und welche Chancen sich öffnen, wenn man nicht in seinen eigenen Vorurteilen stecken bleibt. Gleichzeitig räumt Matthias Politycki mit gängigen Afrika-Klischees auf […]. Ein Roman von einer grossen, menschlichen Tiefe – atmosphärisch und packend erzählt.“
(Luzia Stettler, 52 Beste Bücher/SRF2Kultur, 21/6/20, zur Seite der Sendung)

„Ein rasantes Abenteuer und die Geschichte einer verblüffenden Freundschaft – brillant erzählt und fesselnd von der ersten Seite an.“
(Cosima Jäckel, Evangelische Zeitung für Hamburg, Evangelische Zeitung Hannover, Evangelische Zeitung Schleswig-Holstein, Mecklenburgische & Pommersche Kirchenzeitung, 21/6/20)

„Es ist nachgerade der Sprachwitz, den Politycki in die pseudosuaheli-pidginbayrischen Dialoge der beiden Männer investiert, die Situations- und Typenkomik auch, die eine bunte, abwechslungsreiche, ja im besten Sinne unterhaltende Oberfläche des Romans schaffen und jene unbestreitbaren stilistischen Qualitäten dieses Schriftstellers erneut sichtbar werden lassen, die zurecht immer wieder gelobt wurden.“
(Markus Bundi, Wiener Zeitung, 20./21.6.2020)

„Sehr subtil und glaubwürdig, ohne je in den Kitsch abzurutschen […]. Gebannt bleibe ich dran, neugierig, wie dieser Afrikaroman weitergeht.“
(Luzia Stettler, 52 Beste Bücher kompakt/SRF1, 19/6/20, zur Seite der Sendung)

„Der großartige Stilist Matthias Politycki entführt seine Leser auf eine merkwürdige, faszinierende Reise zu sich selbst. Sehr zu empfehlen.“
(Karin Blank, Buchprofile/medienprofile, Heft 2 2020)

„Gut geschrieben, interessant und unterhaltend. Und bei all dem immer wieder das Gefühl von ‚Das ist Afrika’.“
(Angelika Weller-Sathis, Schwäbisches Tagblatt, 9/6/20)

„Eine Freundschaftsgeschichte […], ein Abenteuerroman, eine Reisebeschreibung, ein gesellschaftskritischer Roman, der sich mit den großen Problemen des afrikanischen Kontinents beschäftigt. Ihm [Politycki] ist wieder ein unterhaltsamer, nachdenklicher und höchst kurzweiliger Roman gelungen!“
(Andreas Wallentin, WDR 5 Bücher, 29/5/20)

„Ein wunderbares Buch, mit eben soviel Situationskomik wie Dramatik, das ich unbedingt jedem empfehlen möchte, für den die Berge die zweite Heimat sind und der nicht vor dem Abenteuer, das das Leben bereithält, zurückschreckt.“
(Sabine Bayer, Allgäuer Zeitung, 28/5/20)

„Es ist eine Mischung aus Tragik und Lebenslust, aus bajuwarischer Direktheit und hanseatischer Verzagtheit, die den Roman so spannend, tiefgründig und lesenswert macht.“
(MH, Kirchzeitung für das Erzbistum Köln, 2020)

„Politycki erzählt wie ein begnadeter Flaneur vom Zauber Afrikas. Er erzählt von großen Lieben, großen Verletzungen und anderen großen Fragen. Und nicht zuletzt erzählt er mit großer Sympathie von Herzenswärme, die alle Schluchten überwinden kann.“
(Stefan Gohlisch, Neue Presse, 25/5/20)

„Mutig als Reisender und als Schriftsteller“
(Peter Pisa, Kurier, 23/5/20)

„Grandiose Dialoge in bayerisch-englischem Pidgin-Mix, die zum Fremdschämen einladen und von Freiheit erzählen. Dieser Roman ist eine einzige Stolperfalle, die auch die eigenen Gewißheiten immer wieder ins Schlingern bringt und rasant auf ein existentielles Finale zusteuert.“
(Tina Schraml, Bücher Magazin, 22/5/20)

„Matthias Politycki führt keine postkolonialistische Debatte, sondern veranschaulicht literarisch die Tücken unserer eigenen Sicht auf Afrika, das durch oberflächliches Wohlwollen nicht verstehbar wird. […] Das kann uns keiner nehmen ist aber auch ein wunderbar erzähltes Buch, das einen großen Stilisten verrät. Es ist akkurat komponiert, souverän und mit sprachlich hoher Präzision erzählt. […] Politycki beobachtet genau und mit Respekt, nie anbiedernd, stets den europäischen Blick hervorhebend. Genau in diesem Sinn bietet der Roman ein gehäuftes Maß an Nachdenklichkeit.“
(Beat Mazenauer, literaturkritik.de, 18/5/20; zur Rezension)

„super gut“
(Gaby Kellner, Moosburger Zeitung, 14/5/20)

„Ein Buch, das bis zur letzten Zeile seinen Herzschlag erhöht“
(Peter König, Literatur im Gespräch/SR2, 13/5/20)

„Ein Buch voll großartiger Landschaftsbeschreibungen, aberwitzigen Erlebnissen und klugen Gedanken über Toleranz – und die große Liebe.“
(Annette Schroeder, Für Sie 12/2020, 13/5/20)

„Am Ende atmen wir tief aus und sehen dem Lauf der Dinge ein wenig geläuterter entgegen. Danke dafür, Matthias Politycki.“
(Jochen Marmit, Literatur im Gespräch/SR2, 13/5/20; zur Sendung)

 „Ein Roman zu Weiterempfehlen […]. Besonders den Tscharli aus Miesbach vergißt man nicht so schnell.“
(Rosemarie Vielreicher, Abendzeitung, 12/5/20)

„Eine wunderbar und amüsant zu lesende Mischung aus atemberaubenden Landschaftsbeschreibungen, skurrilen Abenteuern, schrägen Begegnungen und außergewöhnlichen Typen.“
(Claudia Wenzel, Wasserburger Stimme, 11/5/20)

„Warum legt man diesen Roman nicht aus der Hand? Weil er von einem renommierten Verfasser stammt? Das wäre unerheblich. Nein, er hat schon was, dieser Roman, in seiner sprachlichen Flapsigkeit, dem dann auch wieder Anrührenden dieser zweifachen Doppelleidensgeschichte.“
(Rüdiger Görner, Die Presse, 2/5/20)

 „Eine besondere Geschichte, besonders erzählt in einer besonderen Sprache, die dem Autor zu eigen ist. Sehr lesenswert – spannend, kritisch und berührend zugleich.“
(rott, Ruhr Nachrichten, 29/4/20)

„Ein überaus turbulenter Roadtrip […], der politische Stereotype ziemlich durcheinanderwirbelt, dabei sehr vielschichtig ist, aber auch sehr unterhaltsam. Also eine große Empfehlung für Afrika-Kenner und solche, die es werden wollen.“
(Dorothee Meyer-Kahrweg, hr2 Kultur, 28/4/20)

„Eine sehr tragische, sehr dramatische […], eine sehr anrührende Geschichte“
(Margarete von Schwarzkopf, Bücherplausch/Domradio.de, 24/4/20, Zur Sendung)

„Matthias Politycki ist mit seinem neuen Roman ein Kunststück gelungen – Ostafrika mit seinen Bewohnern und der Kilimandscharo geben die grandiose Kulisse dafür ab. Auf der Romanbühne geht es um Menschlichkeit, tragische Liebe, gegenseitiges Verständnis, das sich eben nur einstellt, wenn man über seinen eigenen kleinen Denkhorizont hinausblickt.“
(Andreas Trojan, Münchner Merkur, 22/4/20)

„Das Impulsive, Provozierende in Tscharlis Wesen kommt mit einer so wuchtigen Konsequenz zur Geltung, daß man diesen Menschen geradezu bildhaft vor sich sieht. Tscharli wächst mit seiner vordergründig rabiaten und in Wahrheit doch sensiblen Art nicht nur dem Erzähler, sondern auch dem Leser ans Herz. […] ein Glücksfall.“
(Johannes Bruggaier, Südkurier, 22/4/20)

„Seine Tiefgründigkeit und Spannung gewinnt der Roman aus dieser Polarität [zwischen den beiden Hauptfiguren], die bis zur letzten Seite überrascht.“
(General-Anzeiger, 18/4/20)

„Tage wie gelöscht, mit der Geschichte von Hans wartet Politycki bis fast zuletzt und als er sie aufrollt, klebe ich atemlos am Text. […] Polityckis Geschichte hat mich gefesselt, ich bin beiden Männern gerne nach und durch Afrika gefolgt. Durch ihre Lebensgeschichten, an Tagen, die zu besonderen werden, die man sein Lebtag nicht mehr vergisst.“
(Petra Kuhn, Petras Bücher-Apotheke, 18/4/20,Zur Rezension)

„Das Ganze ist so rasant, so erfrischend politisch unkorrekt und witzig erzählt, dass man beim Lesen garantiert vergisst, nur zu Hause auf seinem Lesesessel zu sitzen.“
(Julia Eisele, Die Bücher der Anderen/ZEIT Magazin-Newsletter, 17/4/20)

„Eine Abenteuergeschichte, die am Gipfel des Kilimandscharo beginnt und sich zum tragikomischen Roadtrip nach Sansibar entwickelt“
(Bernhard Blöchl, Süddeutsche Zeitung, 15/4/20)

„Der großartige Stilist Matthias Politycki entführt seine Leser auf eine merkwürdige, faszinierende Reise zu sich selbst. Sehr zu empfehlen.“
(Karin Blank, Borromäusverein, 13/4/20, Zur Rezension)

„Es gibt sie, diese Bücher, die man nach dem Lesen einfach nie wieder vergisst, weil sie so berühren. Lässt man sich auf diese Geschichte ein, kann man wahnsinnig viel für sich selbst mitnehmen – davon bin ich überzeugt. Danke, danke, danke an Herrn Politycki für diesen wundervollen Roman.“
(Sybille Schäfer, coyote diaries, 12/4/20, Zur Rezension)

„Eine Portion schräger Humor kann nicht schaden, um Gefallen an Matthias Polityckis neuem Roman ‚Das kann uns keiner nehmen’ zu finden. […] Ausgestattet mit einer großen Beobachtungsgabe, beweist Politycki ein feines Gespür für das Zwischenmenschliche […].“
(Tina Ellinger, Altmühl-Bote, 11/4/20)

„Ein Afrika- und Abenteuer- und Reiseroman mit ergreifenden Liebesgeschichten und Lebensrückblicken, und alles grundiert vom Tod“
(Frank Schmid, rbbKultur, 8/4/20, zur Sendung)

„Ein so schillernd schöner wie herzzerfetzend trauriger Roman […], der bis zum letzten Satz mit Überraschungen aufwarten kann. Ein wunderbares Buch für alle, deren Fernweh zurzeit zu Hause angekettet ist.“
(Hellmuth Opitz, Bielefelder, 7/4/20)

„Das kann uns keiner nehmen bietet eine intensive Story, die, je länger man dabei bleibt, immer mehr fesselt. Über allem liegt eine Tragikomik, die ich sehr genossen habe und deshalb kann ich das Buch auch definitiv weiterempfehlen!“
(Nina Winter, live breath words, 6/4/20, Zur vollständigen Rezension)

„Der packend erzählte und durchgängig unterhaltsame Roman beeindruckt durch starke Naturbeschreibungen, atmosphärische Dichte und farbige menschliche Charaktere.“
(Ronald Schneider, Rheinische Post/NRW, 5/4/20)

„Eine Reisegeschichte voller bizarrer und wunderbar absurder Abenteuer, wie nur Matthias Politycki sie erzählen kann.“
(Ulrich Baron, Buchjournal, 3/4/20, zum Buchjournal)

„Wenn einem alles zuviel wird, versenke man sich in diesen unglaublich rasanten und authentisch erzählten Abenteuerroman.“
(Joachim Wrensch, Braunschweiger Zeitung, 1/4/20)

„Ein Roman, der die unendlich traurige und brutale Wirklichkeit Afrikas und zur gleichen Zeit auch die große Lebensfreude und Leichtigkeit zeigt.“
(Julia Brabeck, Rheinische Post, 1/4/20)

„Politycki kann schreiben, hat ein extrem gutes Gespür für Zeitabläufe und Tempo, er ist stilistisch eloquent und sehr wandlungsfähig […]. Alles in allem ist ‚Das kann uns keiner nehmen‘ ein rasanter, peppiger und gut lesbarer Roman […]“
(Roland Freisitzer, Sandammeer – Literaturzeitschrift im Internet, 3/2020, zur Zeitschrift)

„Das alles ist mit praller Erzählkraft dargestellt und mit einer gehörigen Portion Lebenswitz. Besser kann hoch- und tiefsinnige Unterhaltungsliteratur nicht sein.“
(Andreas Trojan, Diwan/Bayern 2, 29/3/20, Zur vollständigen Besprechung)

„Mitreißend geschrieben und eindringlich erzählt, hat man sich im Afrika des Autors wiedergefunden.“
(Iris Heider, Buchzeigerin, 23/3/20; Zur Website)

„Für diese gewaltige Vielfalt an Themen, Eindrücken, Landschaftsbeschreibungen braucht Politycki keine 300 Seiten. Dazu erzählt er in einem schnurrigen, klaren und hervorragend lesbaren Stil, der einen von Beginn an packt.“
(Carsten Heidböhmer, stern.de, 19/3/20, Zum vollständigen Artikel)

„Ergreifend, politisch durchaus unkorrekt (oder eben gerade nicht) fährt dieses Buch mit dem ‚Tscharli’ ganz sicher einen der besten, bayrischsten und nervigsten Romantypen des literarischen Frühjahrs auf.“
(Maike Schiller, Zugabe/Hamburger Abendblatt, 19/3/20)

„Ein fulminanter Roman“
(Walter Buckl, Donaukurier, 18/3/20)

„In einer lebendigen Sprache und mit viel Witz erzählt – es ist die reinste Freude!“
(Kristian Thees, SWR 3-Lesezirkel, 14/3/20;  Zur Sendung)

„Eine überraschende, sehr komische und zugleich sehr ernste Geschichte“
(Uwe Wittstock, Focus 12/20, 14/3/20)

„Biografisch inspirierte, absurd komische Reise ins Herz Afrikas und die männliche Seele.“
(HörZu Nr. 12, 13/3/20)

„Der Schriftsteller Matthias Politycki hat sich diesen packenden Plot famos ausgedacht und bestens bewältigt. Auf den dreihundert Buchseiten entwickelt sich in afrikanisch-exotischer Kulisse […] großes Kino, das tatsächlich nach einer adäquaten Verfilmung zu rufen scheint.“
(Bettina Ruczyninski, Sächsische Zeitung, 13/3/20)

„Ein unglaublich rasantes Roadmovie, das einen als Leser […] atemlos zurückläßt. […] Die Mehrgleisigkeit der Handlung, die meisterhaften dramaturgischen Brechungen und die schnelle Taktung des Buches machen ‚Das kann uns keiner nehmen’ zu einem wirklichen Meisterwerk. […] Einem allerdings, das so richtig knallt.“
(Daniel Killy, Redaktionsnetzwerk Deutschland, 10/3/20, Zum vollständigen Artikel)

„Matthias Politycki hat den Dreh mit der Erzählökonomie vollkommen raus, er sagt nie zu viel und versteht sich auf – na ja, Cliffhanger. […] Daß niemand, ob er will oder nicht, jemanden wie Tscharli wieder vergißt, versteht sich ganz von allein.“
(Jana Volkmann, Der Freitag, 5/3/20)

„Ein atmosphärisch dichtes Buch […] über die befreiende, ja, erlösende Kraft des Erzählens, der literarischen Beichte. Ein packender Deutschland-Roman – erzählt vor afrikanischer Kulisse.“
(Peter Henning, Der Spiegel, 4/3/20, Zum vollständigen Artikel)

„Es ist literarisch ein ganz großer Wurf. Besonders in dem Moment, in dem das gesamte Buch zu kippen beginnt. In dem Moment, in dem Tscharlie und Hans ihre Geheimnisse lüften. […] Mit jeder Faser des Herzens schlägt man sich als Leser auf ihre Seite, man folgt atemlos ihren Erzählungen aus einem früheren Leben und man kann keine Pausen mehr einlegen beim Lesen. […] Emotionaler geht es nicht.“
(Arndt Stroscher, AstroLibrium, 4/3/20, AstroLibrium)

„Wieder ist man gefesselt von der Beobachtungsgabe des Autors. […] Das wird im typischen Politycki-Sound erzählt und ist, ganz bestimmt, ein ebenso großes wie an entscheidenden Stellen nachdenklich machendes Lesevergnügen.“
(Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 4/3/20)

„Eine intensive Story, die, je länger man dabei bleibt, immer mehr fesselt.“
(Fred Ape, Leselust, 4/3/20, http://schreiblust-leselust.de)

„ein afrikanischer Jakobsweg“
(Daniel Kaiser, Kulturjournal/NDR90,3, 3/3/20, NDR Kulturjournal)

„Ein Roman, der ganz sicher einer der erstaunlichsten in diesem ganzen Jahr sein wird […], eine vergnügliche Lektüre, ein tragikomischer Trip […], eine große Comédie humaine.“
(Thomas Andre, Hamburger Abendblatt, 3/3/2020)

„ein ganz brandaktuelles Thema“
(Frühcafé, Hamburg1, 3/3/2020, Hamburg1 Frühcafé)

„[Die] treffende Autopsie der Psyche des westlichen Wohlstandsbürgers und seiner mitunter verquasten Weltsicht, seiner Weltverweigerung. […] Und so erweist sich Polityckis Roman zu guter Letzt als Parabel über die Frage der Moderne schlechthin: Wer bin ich – und wenn ja, wo?“
(Alexander Grau, Cicero, März 2020)

„Dieses Buch ist definitiv ein Jahres-Highlight. […] Ich war davon unfaßbar berührt, wirklich unfaßbar. […] Ein phänomenal gutes Buch.“
(Sybille Schäfer, LESEMONAT MÄRZ 2020 coyote diaries, 12/4/20, zum Film, ab 27:10)

„[…] eine große Komödie. Matthias Politycki erzählt sie in seinem neuen Roman in einem mitreißenden Sound und schlägt mit seinen Helden dabei immer neue Kapriolen. Fast beiläufig rockt dieser Roman aber auch ein zentrales gesellschaftspolitisches Thema unserer Zeit.“
(Jürgen Abel, Literatur in Hamburg, März 2020)

„Das kann uns keiner nehmen“ ist Matthias Polityckis Version von ‚Schnee am Kilimandscharo‘: ein anrührendes Denkmal für einen todkranken bajuwarischen Kraftkerl“
(Martin Halter, Badische Zeitung, 10/1/2020)

„ein furioser Reise- und Freundschaftsroman, der komisch ist und tragisch“
(Thomas Andre, Hamburger Abendblatt, 9/1/2020)

Bilder, wie sie nicht im Buche stehen

Sterben in Afrika

Sterben in Afrika

Um ein Haar hätte dieses Buch nie geschrieben werden können. Genausowenig wie alle anderen davor. Denn vor fast 26 Jahren wurde ich während einer Reise in Zentralafrika krank; wäre ich am 21. Dezember 1993 nicht ausgeflogen und, kaum in München gelandet, sofort in den OP-Saal gebracht worden, ich wäre gestorben.

Es hat lange gedauert, bis ich dieses für mich so einschneidende Ereignis im Rahmen eines Romans, also en détail, verarbeitet habe. Und ohne meinen Freund Jörg Platiel hätte ich es auch jetzt nicht getan. Es begab sich nämlich, 2. März 2018, daß wir ihn nach der gemeinsamen Besteigung des Kilimandscharo ins Krankenhaus von Moshi bringen mußten. Weil ich wußte, was in einem afrikanischen Krankenhaus auf den Patienten zukommen kann, begleitete ich ihn. Ich wollte aufpassen, daß ihm erspart blieb, was ich einst erlebt und was mich fast das Leben gekostet hatte.

Die wenigen Stunden, die ich an seiner Seite im Krankenhaus verbrachte, wurden für mich eine Reise in die Vergangenheit: Die Erinnerung an meinen eigenen Krankenhausaufenthalt setzte so mächtig ein, daß ich gar nicht anders konnte, als davon zu erzählen.

Merkwürdigerweise ist die Erfahrung eines Nahtods gar nicht so dramatisch – jedenfalls erinnere ich mich eher an eine Art Gleichgültigkeit. Erst 26 Jahre später, im Krankenhaus von Moshi, wurde mir bewußt, wie dramatisch die Situation war und wie unbarmherzig das Schicksal voranschreitet, wenn es einmal Tritt gefaßt hat. Je länger ich davon erzählte, desto mehr Bilder stiegen vor meinem inneren Auge auf, desto mehr hörte und roch und fühlte ich wieder, was ich so lange tief in mir verstaut hatte. Als ich endlich mit meiner Geschichte fertig war, blickte mich Jörg fest an und sagte: Das habe er so noch nie von mir gehört, ob ich das nicht endlich mal aufschreiben wolle?

Tatsächlich fing ich noch auf der Reise an, Notizen zu machen, und inzwischen ist der Roman geschrieben. Natürlich ist der Ich-Erzähler eines Romans ein anderer als derjenige, der den Roman zu Papier gebracht hat. Dennoch hätte ich wesentliche Teile davon nicht erzählen können, wenn ich 1993 nicht selber eine Reise unternommen hätte, die mich zunächst durch Afrika und dann ein Stück weit aus dem Leben hinaus in eine andere Welt führte. Gott sei Dank ist alles gut gegangen. Ich bin wieder ganz genesen, und auch mein Freund Jörg hat die Reise des Jahres 2018 unbeschadet überstanden. Wenn ich aber etwas beim Reisen gelernt habe, dann immer wieder aufs neue, dass nichts so wichtig ist wie gute Freunde. Ein Leben ohne Freunde ist ein Irrtum, und das gilt im übrigen für alle meine Freunde – ihnen wie auch den unzähligen anderen, die an meinen Romanen und Erzählungen Anteil nahmen, Anregungen gaben oder ganze Szenen und Handlungssequenzen beisteuerten, einfach dadurch, daß sie mich da oder dort eine Zeitlang durchs Leben begleiteten und dieses sagten, jenes taten, ihnen allen verdanke ich viel. Am meisten verdanke ich natürlich meiner Freundin, die mir damals das Leben gerettet hat und längst meine Frau ist, jeder neue Tag erinnert mich daran.

Videos

„Geisterlesung“, coronahalber, im Literaturhaus Hannover am 26.5.2020: Aufzeichnung des Gesprächs mit Margarete von Schwarzkopf (samt kurzer Textproben), 1:08:59

https://www.literaturhaus-hannover.de/
Technische Umsetzung: Lagom Veranstaltungstechnik http://www.lagom-veranstaltungstechnik.de



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Der Trailer zum Buch – Das Gespräch zwischen Matthias Politycki und Tim Jung, verlegerischer Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe, fand am 6. Februar 2020 statt.
Kamera & Postproduktion: Alexander Tempel, http://www.alexander-tempel.de
© Buch: Hoffmann und Campe, Hamburg 2020.
© Film: AT & MP

Gespräch mit Michael Hohmann in der Frankfurter Romanfabrik, 26.5.2020, und dazu ein paar kurze Textpassagen; Mitschnitt des Live-Streams auf dem Coronakanal der Romanfabrik  (1:07:24)


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In 180 Tagen um die Welt (Taschenbuchausgabe)

Herr der Hörner (Taschenbuchausgabe)

Ein Mann von vierzig Jahren (Taschenbuchausgabe)

Samarkand Samarkand (Taschenbuchausgabe)

Samarkand Samarkand


»Dieses bildmächtige Epos ist
Abenteuerroman, Liebesroman
und Untergangsroman zugleich,
es erzählt von der Konfrontation
mit der Fremde, in der die großen
existenziellen Fragen neu gestellt
werden.«

Samarkand Samarkand

Samarkand Samarkand

erschienen/erscheint bei:

Hoffmann und Campe Verlag, 16. August 2013

400 Seiten, gebunden
€ 22,99
ISBN 978-3-455-40443-2


Entstehungszeitraum: 30/05/1987 - 23/01/2013

Weitere Formate und Veröffentlichungen


Samarkand Samarkand (Taschenbuchausgabe)
Samarkand Samarkand (Taschenbuchausgabe)

erschienen/erscheint bei:
Goldmann, 16. März 2015


Broschur, ca. 397 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-48142-2
ca. € 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,90* (* empf. VK-Preis)

E-Book "Samarkand Samarkand"
Samarkand Samarkand

Als E-Book erschienen am 16.8.2013 bei Hoffmann und Campe
Dateigröße: 2,1 MB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 400 Seiten
€ 17,99



Kindle-Edition bei amazon.de: http://www.amazon.de
EPUB bei buecher.de: http://www.buecher.de
iTunes: https://itunes.apple.com

Über das Buch

Er hat keinen geringeren Auftrag, als die zivilisierte Welt vor dem endgültigen Untergang zu retten: Alexander Kauf­ner, ehemaliger Gebirgsjäger und Grenz­gänger, reist bis ins zentral­asia­tische Samarkand, um dort als Agent des Westens eine geheimnis­volle Kultstätte zu finden, von der ein jahrhundertealter Zauber auszugehen scheint. Doch können Erfolge in einem Krieg, der seit Jahren tobt, können Sieg oder Niederlage tatsächlich von einem Haufen heiliger Knochen abhängen? Zusammen mit seinem Bergführer Odina, der ihm durch den Ehrenkodex seines Stammes verpflichtet ist, und beschützt durch das wunderliche Mädchen Shochi, das über die unheimliche Gabe verfügt, die Zukunft träumen zu können, durchwandert Kaufner die gewaltige Bergwelt Zentralasiens. Schritt für Schritt gerät er dabei tiefer ins Herz einer Finsternis, beherrscht vom „Gesetz der Berge“, das keine Indizienbeweise kennt. Und gerät dabei zusehends in einen Wettlauf auf Leben und Tod, nicht zuletzt gegen sich selbst.
Samarkand Samarkand ist literarischer Abenteuerroman, Liebes- und Untergangsroman zugleich. Geschichtenprall und bildmächtig erzählt er von Freundschaft und Selbstüberwindung, von Opferbereitschaft und der Konfrontation mit der Fremde, in der die großen existentiellen Fragen neu gestellt werden.

Leseprobe

Als die Dämmerung einsetzte und die Deutschen zu rennen anfingen, auf daß sie noch rechtzeitig nach Hause kamen, rief der Muezzin vom Turm der St. Jo­han­nis-Kirche zum Gebet. Wie immer antworteten die Russen von der anderen Alsterseite mit Maschinengewehrsalven, kurz darauf mit russischem Hardrock. Sie hatten die Minarette der Blauen Moschee, in der sie ihr Hauptquartier eingerichtet, mit solch gewaltigen Boxen bestückt, daß die Musik über der zugefrorenen Alster stand, ohne zu verzerren. Vom Gesang des Muezzins war nichts mehr zu hören, stattdessen das Gedröhn der Geschütze, die nun von türkischer Seite abgefeuert wurden. Auch wenn keine einzige Rakete in den Himmel steigen würde, sobald um Mitternacht das ’27er-Jahr anbrach, gehörig knallen würde es, das stand fest. Dazu hatte es in den letzten Tagen zu viele Provokationen gegeben, die Selbstmordanschläge rund um Weihnachten im russisch kontrollierten Ostteil, die Rachefeldzüge der Todesschwadronen durch den Westteil. Ohnehin wurde nach Einbruch der Dunkelheit auf jeden geschossen, den Milizen, Jugendbanden oder Scharfschützen entdecken konnten. An den Demarkationslinien der geteilten Stadt rüstete man selbst heute zum Häuserkampf, Straßen und Plätze leergefegt. Nur auf der Krugkoppelbrücke, wo nachts immer der Deutschenstrich war, herrschte bis zum Morgengrauen Waffenstillstand, Freischärler wie reguläre Soldaten kamen von beiden Seiten. Kaufner war öfters dort gewesen, solange er noch eine Hoffnung gehabt und gesucht hatte, sogar bis zum Anbruch der Ausgangssperre gesucht hatte, obwohl er sich damit beim Heimweg in Lebensgefahr gebracht. Überall Straßensperren, Kontrollpunkte, glücklicherweise kannte er fast alle, die auf Dächern, in Hauseingängen, hinter Barrikaden oder Müllcontainern ihr Terrain bewachten. Der Krieg war zum Alltag geworden, man hätte sich damit arrangieren können, wenn man es gekonnt hätte. So ging es nun schon seit eineinhalb Jahren; wenn nicht bald einmal jemand aufstand und ein Ende machte, würde es immer so weitergehen.

 

Erstes Buch
Der Atem des Kirgisen

Überm Gegenhang kreisten die Adler. Doch das wäre noch kein Hinweis gewesen, in diesen Gebirgen kreisten sie immer. Selbst daß der Esel zunehmend scheute, endgültig bockte, als er die Hängebrücke erreichte, erlebte Kaufner nicht das erste Mal. Die Brücken hatten ihm selber schon manches abgefordert; diese hier – am Ende der Schlucht, wo der Weg eine Spitzkehre machte – bestand bloß aus zwei straff gespannten Stahlseilen, übers talwärts schießende Wasser gespannt, und einigen Brettern, die in loser Folge quer darüberlagen.
Niemals zuvor hatte Kaufner solch wütende Wasser gesehen wie in diesen gottverlaßnen Tadschikengebirgen. Auch heute hatte er sie brüllen hören, lange bevor die Schlucht erreicht war, ein gleichmäßig dunkles Donnern. Spätestens mit Eintritt in die Schlucht wäre es ihm früher bang geworden, bang vor dem schieren Element, wie’s voller Haß hinabstürzte, weil die Berge in diesem Land viel zu steil aneinandergefügt und die Schluchten viel zu eng waren, die Felsbrocken viel zu groß, die sich an ihrem Grund verkeilt. Kaufner, mit seinen 58 Jahren ohnehin einer, den so schnell nichts mehr schrecken konnte, hatte sich daran gewöhnt, er kannte diese Art Sturzbäche seit Monaten, die Brücken, die sofort zu schwingen begannen, wenn man sie betrat.
Der Esel bockte nahezu bei jeder dieser Brücken, bei Bächen und Flüssen nicht minder, wenn er hinein sollte, um einen Übergang zu suchen. Eiskalt waren die Wasser und brutal, man brauchte kein Esel zu sein, um davor Respekt zu haben. Odina schlug ihn mit dem Stock, dann mit der flachen Hand, beschwor ihn, „Paa-tschup!“, beschimpfte ihn, „Jech!“, umfaßte ihn plötzlich mit festem Griff von hinten, drückte sich an ihn, preßte ihn mit den Hüften ein paar Zentimeter voran, ließ ab, wischte sich die Stirn. Verrutschte das Gepäck, „Tschee!“, zog die Gurte fester, „Schusch!“, immer auf den Esel einredend.
Kaufner, der zu dem Jungen aufgeschlossen hatte, nützte die Gelegenheit, den Rucksack abzuwerfen. Verfluchter Weg! Der kaum mehr war als eine Abfolge an Wegmarken im Fels, ein Schäferpfad, von vertrockneten Schafsköteln markiert und vertrockneten Gräsern und Disteln. Seit Stunden waren sie die Schlucht bergauf geklettert, auf Tadschikisch hieß sie angeblich Das Tal, in dem nichts ist, nicht mal zu Mittag hatten sie ordentlich gerastet, weil … es anders nicht ging, hier oben konnte jeden Tag der Winter einbrechen, sie hatten keine Zeit zu verlieren. Wenn nur der Berg nicht so steil gewesen wäre, an dem sie sich hinaufarbeiten mußten, immer mit einem Bein überm Abgrund, tief unten das graue Band des Baches. Bloß nicht jetzt noch in die Tiefe sehen. Schau auf die Staubfahne, wie sie übern Gegenhang zieht. Schau auf den Kobrafelsen, den ihr gerade passiert habt. Der Junge hat recht, er ähnelt tatsächlich einem Kobrakopf. Und jetzt schaff dir den Staub aus dem Schlund.
Als Kaufner sich anschickte, seinen Hals freizuräuspern, sah er Odina und den Esel, zu völliger Reglosigkeit erstarrt, dem Hineinlauschen in die Bergwelt ergeben. Kaufner vergaß das Kratzen im Hals. Doch zu vernehmen war nur die anhaltende Wut des Wassers, wie es sich die Klamm hinabstürzte. Kaufner kniff die Augen zusammen, plötzlich wurde ihm alles wichtig in dieser eintönig öden Felslandschaft, sah auf die gegenüberliegende Wand, in der, vereinzelt von verdorrten Stauden markiert, der Pfad weiterlief, bald an Höhe gewinnend. Das Tal, in dem nichts ist
Bis Odina plötzlich ein kaum vernehmbares „Der Kirgise!“ aufzischen ließ, mit der halb erhobenen Hand jedweden Mucks Kaufners untersagend, sich nach endlosen Sekunden mit einem kaum gehauchten „Allah …“ aus der Anspannung lösend. Im nächsten Moment hatte er das Halfter des Esels gepackt, zerrte ihn weg von der Brücke. Schob drückte zog ihn den Pfad zurück und dann steil hangaufwärts, hinter den Kobrafelsen, wo er ihn sogleich zu Boden warf, „Nechtarat chot-chot“. Kaufner, der kaum hinterhergekommen und in der Eile des abduckenden Zusammenrückens dann noch fast unters Gepäck geraten, konnte ihm mit Mühe „Der Kirgise?“ zuflüstern, „Meinst du den Januzak, von dem du öfter –?“
Odina, nun blitzte selbst ihm einmal die Angst aus den Augen. Er bedeutete Kaufner, nein, befahl ihm mit einem Blick zu schweigen. Kaufner hatte Zeit, die Graffiti zu betrachten, die in arabischer, kyrillischer, lateinischer Schrift in die umliegenden Felsen eingemeißelt waren. Bis es auch er endlich hören konnte, da pfiff sich einer ein Liedchen, während er irgendwo auf der anderen Seite der Schlucht den Weg bergab kam.
Aber der war doch noch weit weg? Warum beflüsterte Odina denn jetzt schon den Esel, „Chche!“, drückte ihn erneut zu Boden? Kaufner hockte, lauschte, starrte. Verfluchte Schlucht! So schmal, daß für ein vernünftiges Versteck einfach kein Platz war. Mochte man auch nurmehr fünfzig Kilometer von Samarkand entfernt sein, so würde doch das, was gleich passieren mußte, nicht in tausend Jahren dort unten bekannt werden.
Verfluchter Berg! Bereits Tage zuvor war von den Ausreitungen zu hören gewesen. Wäre das Serafschantal nicht über Nacht von den Tadschiken abgeriegelt worden, Odina und er hätten sich den Weg über die grüne Grenze sparen können. Angeblich hatten die Usbeken angefangen, in Wirklichkeit waren wahrscheinlich ein paar betrunkene Tadschiken auf ihren Pick-ups ins nächstgelegene Usbekendorf gefahren und hatten auf jeden gefeuert, dessen Augen ihnen nicht rund genug aussahen. Verdammter Arierwahn! Ausgerechnet hier, in diesem vergeßnen Weltwinkel, wurde’s nach ein paar Wodkas stets stramm völkisch, und als Deutscher war man zwangsläufig mit von der Partie, von jedem dahergelaufenen Bauern gleich als Bruder vereinnahmt – wenn Kaufner das geahnt hätte, als er den Auftrag angenommen! Junge arbeitslose Tadschiken, denen der Reichtum, der angebliche Reichtum usbekischer Händler seit je ein Dorn im Auge war, und ihretwegen mußte er jetzt … Aber egal, die Einzelheiten würde man drüben erfahren.
Immerhin hatte der Junge einen Ausweg gewußt, quer übers Turkestangebirge und durch eines der wenigen Schlupflöcher zwischen beiden Staaten – „Hundert Prozent sicher, Herr, die Schmuggler benützen ihn auch“ –, deren Grenzverlauf ansonsten mit Bodenminen gesichert war. Immerhin hatten sie das Mausoleum, von dem er seit Tagen gesprochen, gestern abend erreicht; bevor sie heute aufgebrochen waren, hatte Kaufner noch einen Blick in die Krypta geworfen, während Odina draußen sein Taschentuch zerrissen und eine der Hälften in die Zweige des Wunschbaums geknüpft hatte, wo bereits allerhand bunte Fetzen im Wind –
Daß er sich sich nur so vergessen hatte können! Kaufner fuhr auf, lugte hinterm Felsen hervor. Und hätte sich beinah verschluckt vor Schreck. So nah schon? Wie kommt der denn so schnell den Berg runter? Gut, daß der Abgrund noch zwischen uns ist. Schad, daß er sich so vermummt hat. Bis auf den Sehschlitz in helle Tücher eingewickelt, genauso, wie er immer beschrieben wird. Und hüpft über die Felsen! Als wär’ er bei sich zu Hause.
Alle im Gebirge hatten diesen wiegenden Gang, alle, die hier aufgewachsen oder im Lauf der Jahre gelernt hatten, die Kraft der Berge Schritt für Schritt zu ihrer eigenen zu machen. Bereits am Gang konnte man erkennen, ob man sich auf eine gefährliche Begegnung einzurichten hatte oder ob ein Anfänger unterwegs war, der viel Staub aufwirbelte und mit sich selbst und seinem Durst beschäftigt war. Der Kirgise gehörte zu denen, die über den Fels gingen, als wär’s ein flauschiger Teppich, schon allein dadurch bestätigte er die Gerüchte, die über ihn kursierten.
Kaufner hatte einiges über die gehört, die durchs Gebirge streiften wie er, auch vom Gesetz der Berge, das keine Indizienbeweise kennt. Der Kirgise, angeblich war er Albino und mußte sich vor der Sonne verhüllen, angeblich war sein Gesicht entstellt und er mußte sich deshalb verhüllen, angeblich führte er noch nicht mal einen Kampfnamen, angeblich war er keiner von denen, die aus Überzeugung hierherkamen, sondern Söldner der Russen, der Chinesen, des Kalifen, angeblich war er unverwundbar, verrückt, schnitt Zeichen ins Gesicht seiner Opfer, trank ihr Blut, solange es noch warm war, angeblich direkt aus der geöffneten Ader, Januzak, der Kirgise.
Schon hatte er, immerfort pfeifend, die Hängebrücke passiert, jetzt war er wirklich nur noch wenige Meter vom Kobrafelsen entfernt. Odina drückte dem Esel mit beiden Händen die Nüstern zu. Kaufner hörte ganz von selber auf zu atmen.
Dann war der Kirgise vorbei. Auch von hinten eine überraschend schmale, ja, schmächtige Person. Beinah zierlich, man hätte ihn für eine Frau halten können. Odina lockerte seinen Griff, Kaufner atmete etwas übertrieben tief ein. Spürte prompt wieder den Staub in der Luftröhre, der Reiz wurde stärker, je heftiger er ihn unterdrückte, wurde unerträglich. Er mühte sich, wenigstens so viel wie möglich nach innen zu husten, eine Art Implosion. Aber laut genug, daß der Kirgise, er war ja gerade erst zehn oder zwanzig Schritt entfernt, auf der Stelle umkehrte und vor ihnen aufwuchs.
Odina rappelte sich empor, preßte die Handflächen aneinander, neigte den Kopf, fast berührte er mit seinem Kinn die Fingerspitzen. Dabei hatte der Kirgise nicht mal eine Waffe in der Hand.
Allerdings eine unangenehm hohe Stimme, als er das Schweigen schließlich mit ein paar scharfen Silben zerschnitt. Odina setzte, allein vom Ton seiner Ausführungen zu urteilen, setzte zu einer Rechtfertigung an, die sich wortreich um Wohlklang mühte; doch weshalb mußte er sich überhaupt entschuldigen? Eine Weile ging es zwischen den beiden hin und her, vielleicht auf Kirgisisch, dann trat Januzak auf Kaufner zu, der sich die ganze Zeit über im Abseits gehalten hatte. Trat unangenehm nah heran und fixierte ihn von unten. Von seinem Gesicht sah man kaum mehr als die zwei schwarzen Augäpfel, beständig ruckend, mit der Zeit verfestigten sie sich zu einem leblosen Blick aus schmal geschlitzten Augen, so vollkommen leer wie der eines Menschen, der allzuviel gesehen hatte, um an einem Kaufner noch Bedeutendes entdecken zu können. Kaufner schlug den Blick zu Boden.
Der Kirgise, so schmal er auch war, stand breitbeinig bebend. Nachdem er den Fremden, der ihn um Haupteslänge überragte und aussah wie einer, der für den Westen hier herumstreunte, nachdem er ihn lang genug fixiert hatte, fauchte er etwas in seiner Sprache, man verstand ihn nicht und verstand ihn allzu gut. Dann holte er sich geräuschvoll den Schleim aus dem Hals, aus der Nase, kaute ihn zurecht, zog sich den Mundschutz ruckartig nach unten – ein dünner weißer Spitzbart, zum Zopf geflochten, wurde kurz sichtbar – und spuckte ihn in die rechte Hand. Präsentierte ihn, ein glasiges Glitzern, im offnen Handteller wie ein kostbar Gut, schnaubte Kaufner einige weitere Worte zu, in klarem Befehlston nun, und als der nicht begriff, fuhr er ihm mit der Linken in den Haarschopf und riß ihn mit erschreckender Kraft nach unten, in seine Hand hinein, wo es für Kaufner dunkel wurde, naß und ekelhaft.
Jedenfalls im Rückblick. Momentan war er dermaßen verdattert, daß er sich willenlos auch wieder emporziehen ließ. Der Kirgise, sein Opfer weiterhin an den Haaren stramm fixierend, besah sich die Rechte, entdeckte darin beträchtliche Reste des Schleimbatzens, äußerte seine Empörung durch ein Bellen, das Kaufner mühelos verstand, schon führte er dessen Kopf erneut nach unten, ganz langsam diesmal, damit Kaufner Gelegenheit zum Nachdenken bekam. Und erst nach einer Sekunde Pause, die er ihm in unmittelbarer Nähe der Handfläche gönnte, ließ er ihn wieder in der Rechten verschwinden, drehte seinen Kopf ein paar Mal nach links und nach rechts, ließ ihm Zeit.
Kaufner durfte froh sein, daß ihn der Kirgise nicht solcherart ersticken wollte; als er ihn diesmal aus seiner Spucke entlassen und nach oben gezogen hatte, preßte Kaufner zwar Augen und Lippen zusammen, hatte den Schleim aber artig geschluckt. Januzak grunzte auf, ließ sofort los.
In tiefer Schande stand Kaufner, Augen und Mund weiterhin geschlossen. Stand in sprachloses Entsetzen gekleidet da, ansonsten völlig nackt, so fühlte es sich an. Hörte, wie der Kirgise einige abschließende Ermahnungen an Odina richtete und sich davonmachte; erst als ihn der Junge sanft rüttelte, schlug er die Augen auf. Sah Januzak hinterher, der pfeifend seiner Wege ging, als wär’ nichts gewesen, gar nichts. Mit jedem Schritt seines Peinigers verwandelte sich die Demütigung in tiefen – noch tieferen – tiefsten Haß. Den Rest des Tages würde Kaufner damit beschäftigt sein, sich den Mund zu spülen, die Lippen zu wischen. Obwohl er natürlich wußte, daß er sich von seinem Makel so nicht würde reinwaschen können.
Kaufner, hartgesotten als Paßgänger der Gebirgsjäger, nicht zimperlich dann auch als Botengänger der Freien Festen: hier und heute, vier-, fünftausend Kilometer und eineinhalb Jahre von seinen Auftraggebern entfernt, hatte er zum ersten Mal derb einstecken müssen. Hatte es ihm sein Führungsoffizier nicht vorausgesagt? Kaufner, da unten werden Sie begreifen, warum wir trotzdem untergehen. Wenn Sie ihre Grenzen nicht überschreiten, sind Sie der Falsche für uns, dann kommen Sie nie wieder runter von diesen Bergen. Oh, Kaufner war der Richtige, sie würden noch Augen machen. Erst recht, wenn er dann nebenbei auch – Kaufners Entschluß stand fest, ehe er ihn klaren Kopfes denken konnte –, erst recht, wenn er den Kirgisen so lange durch die Berge gejagt haben würde, bis er Rache an ihm genommen und sich von seinem Makel reingewaschen hatte.
Im Moment, da er sich nun endlich regte und kräftig ausspuckte, stand er freilich nach wie vor am Kobrafelsen, Odina schüttelte ihn:
„Du warst bereits tot, Herr, hundert Prozent tot! Er hat dich nur aus Gnade noch mal ins Leben entkommen lassen.“
„Tot?“ würgte Kaufner, wollte sich übergeben, spuckte aber bloß ein weiteres Mal aus.
„Er hat dich verschont, du warst ihm den Griff nicht wert, mit dem er dich hätte erdrosseln können. Du trägst das Mal noch nicht.“
„Welches Mal?“
„Das Mal derer …“, Odina tat so, als suche er nach passenden Vokabeln, offensichtlich wollte er darüber nichts Genaueres sagen: „Januzak weiß, daß du dasselbe suchst wie er. Aber er hat dir auch angesehen, daß du nichts –, daß du ein Anfänger bist.“
„Er sucht dasselbe?“ schluckte Kaufner den Rest an Ekel herunter: „Woher weißt du überhaupt, was wir, ich meine, was ich, was er –“
„Jeder weiß es, Herr. Ihr sucht alle dasselbe.“

*

Und wieder die Hängebrücke, diesmal scheute der Esel nicht. Kaufner hingegen, seit einigen Jahren nicht mehr ganz schwindelfrei, nun auch noch zwischen Zorn, Abscheu, Argwohn hin und her gerissen, auf seine Weise schon, anstelle der Bretter sah er nur Zwischenräume. Schließlich wollte er’s auf allen Vieren versuchen, doch da kam der Junge zurück und reichte ihm die Hand, zog ihn hinüber, die Welt schwankte beträchtlich.
Bis zum Einbruch der Dämmerung ging Odina mit dem Esel vor ihm her, wie immer weit schneller, als es für Kaufner zuträglich, dessen aktive Teilnahme an Kletter-, Durchschlage- und sonstigen Geländeübungen Jahrzehnte hinter ihm lag. Er begann, seinen Haß Schritt für Schritt auf Odina zu richten, ja, bald schien’s ihm, daß der Junge an allem, was vorgefallen, die Schuld trug. Hatte er ihn nicht permanent in die Irre geführt, wo’s anscheinend erst hier, im Turkestanrücken, richtig zur Sache ging? Oder warum sonst wäre der Kirgise überhaupt aufgetaucht, einer der berühmtesten, der berüchtigtsten unter den Paßgängern, so einer wußte doch am ehesten, wo zu finden war, was … angeblich alle suchten. Aber nein, Odina hatte ihn ins Serafschan-, ins Hissor-, ins Fan-Gebirge geführt, über 5000 m hohe Pässe und gletscherbedeckte Gipfel, am liebsten wäre er wahrscheinlich mit Kaufner bis in den Pamir gewandert, ins Wakhantal womöglich, woher er stammte, und von dort gleich in den Hindukusch und nach Afghanistan hinüber, so weit wie möglich weg von Samarkand, ins Sichere. Odina! Einen ganzen Sommer lang, so schien es plötzlich, hatte er ihn an der Nase herumgeführt.
Und auf all seinen scheinheilig gewählten Um- und Ab- und Irrwegen war er in diesem Gang vor Kaufner hergeschlendert und -geschlappt, dem wiegenden Gang, solang es flach blieb, immer eine Spur zu langsam, als wolle er damit provozieren, und dann in plötzlichem Tempo, sobald es bergan ging, als wolle er nun erst recht provozieren. Wie Kaufner sie schon immer gehaßt hatte, die Schlappen, in denen der Junge leicht über die Geröllfelder glitt, wo er selber trotz seiner Wanderschuhe viel zu oft den Tritt verlor, abrutschte, sich um ein Haar den Knöchel verstauchte. Wie er sie heute noch haßte, Odinas nackte Hacken in diesen Schlappen! Und wie er’s auch haßte, wenn Odina beim Gehen eines seiner Lieder sang, er, der in den Bauernhäusern der Täler wie den Schäferhütten der Hochebenen ein gefeierter Sänger war, mit seinen 18 oder 19 Jahren bereits eine Berühmtheit, wenigstens im tadschikischen Teil des Gebirges. Nein, Kaufner hatte Odinas Gesang, jetzt gestand er’s sich mit Inbrunst ein, hatte ihn nie gemocht, die monoton hin und her schwingenden, sich endlos wiederholenden Melodien. Und erst recht nicht, wenn sie plötzlich abrissen und Odina umdrehte, um seinem Herrn – wie er ihn trotz aller Ermahnungen nannte – an einer schwierigen Stelle im Fels die Hand entgegenzustrecken: Alles in Ordnung, Herr? Eines Tages würde er ihn abknallen, während er da so scheinheilig vor ihm herging, ohne Vorankündigung würde er ihn einfach übern Haufen schießen, nicht mal einen Grund würde er ihm zuvor nennen, er hatte’s nicht anders verdient.
Was hast du da gerade gedacht? Meinst du nicht vielmehr den Kirgisen? Ohne den Jungen wärst du in diesen Bergen schon ein paar Mal gestorben. Er hat alle Freundschaft verdient, die du geben kannst, reiß dich zusammen.
Dennoch beobachtete ihn Kaufner voll Mißmut und Mißtrauen, wie er, weit voraus, an einem verkohlten Baum innehielt, sich verneigte, wieder aufrichtete, wie er seine Unterarme anwinkelte und die Handteller zum Himmel hin öffnete, in dieser Stellung verharrte. Der Pfad hatte sich nach einer Weile fast rechtwinklig von der Schlucht abgewandt, in beträchtlicher Höhe bereits, und dann am unteren Rand eines Geröllfelds entlanggeführt. Nun stand da, allein auf weiter Flur, ein vom Blitz gespaltener Baum. In seinen schwarz schillernden Ästen hingen ein paar Stoffetzen; die wenigen, die diesen Weg gingen, ließen ihre Sorgen und Wünsche anscheinend auch hier, am magischen Ort, zurück. Kaufner schloß zu Odina auf, sah ihn wie einen Verräter scheel an, schwieg. Odina strich sich mit beiden Händen langsam der Länge nach übers Gesicht, damit war das Gebet beendet, und blickte übers Geröllfeld, das in trostloser Endlosigkeit rechter Hand hangaufwärts führte. Als ob es dort etwas zu entdecken gegeben hätte. Selbst der Esel stand ratlos. Nachdem der Junge die verbliebene Hälfte seines Taschentuchs an einen Zweig geknotet hatte, kein Wort mit seinem Herrn wechselnd, er schien die Feindseligkeit zu bemerken, die mit einem Mal zwischen ihnen lag, nachdem der Junge den Esel mit einem kurzen „A-chrrr“ angeherrscht hatte, ging es weiter.
Und sogleich, im gewohnten Abstand hinterherfolgend, gab sich Kaufner wieder seinen wüst hin und her schießenden Spekulationen hin, zunächst über Januzak und wie er ihn zur Strecke bringen würde. Dann über Odina, als ob er durch den heutigen Zwischenfall in völlig anderes Licht geraten, als ob alles, was Kaufner je mit ihm erlebt, neu zu überdenken wäre.
„Führ mich zu den Gräbern“, hatte er ihm gesagt, da sie sich am vereinbarten Tag getroffen, mehr nicht.
„Zu allen, Herr?“
Welch eine merkwürdige Replik. Warum hatte Odina denn nicht gefragt, zu welchen? Zum ersten Mal seit seiner Ankunft war Kaufner dermaßen direkt geworden, nunja, es war ihm herausgerutscht, in Zukunft würde er vorsichtiger sein. An der ausweichenden Nachfrage des Jungen hatte er sofort gespürt, daß er ein stillschweigendes Tabu gebrochen. Immerhin hatte er, auch das fiel ihm nun wieder ein, immerhin hatte er einen Teil seines forsch erteilten Auftrags schnell zurückgenommen:
„Zu allen, die du für wichtig hältst“, das war doch sicher in Odinas Sinn gewesen, „wo immer sie liegen mögen.“
Der Junge hatte gelächelt, genickt. Erst jetzt, Monate später, begriff Kaufner die Szene, begriff sie in ihrer ganzen Abgründigkeit. Ohne weitere Worte zu wechseln, waren sie losgezogen, an Gräbern hatte es im Gebirge nicht gemangelt. In keinem der Gebirge, die sie durchstreift. Natürlich hatte Kaufner nie mit dem Jungen darüber gesprochen, welches Grab er suchte und warum. Hatte mit niemandem darüber gesprochen. Trotzdem mußte der Junge geahnt haben, ach was, er hatte ganz genau gewußt, um welches Grab es Kaufner ging. Und gerade deshalb alles darangesetzt, nicht hierher, in den Turkestanrücken zu geraten, wo es höchstwahrscheinlich lag. Vielleicht war auch ihm der Weg dorthin verboten, wer weiß, sonst hätte Januzak sicher anders reagiert. Dies Grab war ja wohl das bestgehütete Versteck in der gesamten islamischen Welt, wenn man den Informationen von Kaufners Führungsoffizier Glauben schenken durfte. Die letzten Hoffnungen des Westens hingen daran, es zu finden. Wahrscheinlich war der Kirgise gar kein Paßgänger, sondern, im Gegenteil, gehörte zu denjenigen, die das Grab bewachten?
Ruhig, Kaufner, ruhig. Und eins nach dem andern.
Odina mochte vielleicht ahnen, was Kaufner suchte. Aber warum er es tat und was er zu tun gedachte, sobald er es gefunden, das konnte der Junge nicht wissen. Oder doch? Was wußte so einer überhaupt? Ein dahergelaufener Tadschikenjunge aus dem Pamir, der jede Arbeit annahm, um seine Familie zu ernähren. Ein verläßlicher Gefährte, gewiß, selbst im Blankeis und mitten im Fluß. Das mußte man ihm lassen. Einer, der besser Russisch konnte als Kaufner, obwohl der’s in der Schule gelernt hatte und der Junge sicher nicht. Mußte man ihm gleichfalls lassen. Und dann hatte er auch noch diesen Blick, diesen Odina-Blick mit großen braunen Augen, dem man nichts Böses zutrauen konnte. Bis heute. Nicht mal sein eignes Geburtsjahr wußte er, was wollte so einer schon wissen? Wie einfältig er im Hamam gestanden und sich gedehnt hatte, im … Wann genau war das gewesen?

*

Irgendwann während der Neujahrsnacht 26/27 war es auch im Hamburger Schanzenviertel richtig losgegangen. Zunächst mit ein paar Mitternachtsraketen der Mutigsten, die es gewagt hatten, die Ausgangssperre zu mißachten. Bald mit den Schwarzvermummten, die von überall her zusammengeströmt waren, mit Sprechchören und aufmarschierenden Polizeibataillons, eine Weile hätte man es fast für eine Demonstration halten können, wie man sie noch von den Anfangstagen des Krieges kannte. Kaufner hatte von seinem Balkon aus zusehen können, wie da und dort auf der Straße Feuer entfacht und Bier getrunken wurde, als handele es sich lediglich um ein ungenehmigtes Straßenfest, wie dann aber immer öfter mit Flaschen geworfen und die Polizei verhöhnt wurde. Gegen Morgen hatten die Schwarzvermummten plötzlich das Feuer eröffnet. Und gleich mit schweren Waffen, hatten mit Panzerfäusten der Reihe nach die Mannschaftswagen der Polizei in die Luft gejagt, wie’s normale Demonstranten nie vermocht hätten. Tagelang hatte Kaufner seine Wohnung nicht mehr verlassen können, bis Straßenzug um Straßenzug von der Obrigkeit zurückerobert worden. Als schließlich das gesamte Schanzenviertel in Flammen gestanden und auch er zwangsevakuiert worden war, da, ja, da erst hatte er sich endgültig entschlossen. Und schon im April desselben Jahres, ja, im April ’27 bist du hier angekommen. Den ersten Sommer über hast du geglaubt, du würdest es ohne schaffen. Ging aber nicht ohne. Im Winter hast du dann jemanden gesucht, der mit dir geht, und im Januar, war’s im Januar? Ja, kommt hin, vor einem Dreivierteljahr.
Da war Odina also erst 17 oder 18 gewesen, ein Knabe. Wie ein Strichjunge stand er unter all den andern, nackt, und machte seine Dehnübungen, so arglos, daß es geradezu ekelhaft war. Wenn Talib nicht seine Massage unterbrochen, wenn er nicht zu Kaufner gekommen und gemeint hätte, der sei genau der Richtige für ihn, nach so einem hätte er sich doch erkundigt, Kaufner hätte den Jungen niemals angesprochen. Und dann servierte Talib auch gleich noch Tee, ein vierschrötiger Riese, permanent verkatert und entsprechend wortkarg, heute hingegen redselig wie kein zweiter. Schon saß Kaufner mit ihm und dem Jungen in einer Nische, es war schummrig wie immer, dampfte und pladderte wie immer. Trotzdem war alles anders als sonst. Und das nur der Gesellschaft eines Tadschikenjungen wegen, der sich gerade mal halbherzig mit seinem Handtuch bedeckt. Hatten die anderen nicht zu ihnen gestarrt, gegrinst gar? Ob Talib vielleicht mit ihnen unter einer Decke steckte?
Zumindest mit Odina, im Rückblick war sich Kaufner jetzt fast sicher. Talib war’s ja auch gewesen, der permanent für den Jungen geredet hatte. Gut, als ehemaliger Ringer hatte er hier sowieso das Sagen, fast jeden hatte er bereits in der Mangel gehabt, 10.000 Som pro Massage, danach war man froh, überlebt zu haben. Einem wie Talib würde keiner widersprechen. In Kaufners Erinnerung nahm er die Züge des Kirgisen an oder vielmehr umgekehrt, schließlich hatten beide die gleichen schwarzen Schlitzaugen. Seltsamerweise war Kaufner damals nur die Peinlichkeit der Szene klar gewesen, nicht im entferntesten die Durchtriebenheit, mit der sich Talib darauf beschränkte, die Schönheit der umliegenden Gebirge zu rühmen und daß man als Fremder selbstredend einen erfahrenen Bergführer brauche, um nicht an diesem oder jenem berühmten Felsen vorbeizulaufen. Mit wachsender Unlust erinnerte er sich, wie ihm Talib, immer mal wieder sein nasses Handtuch auf den Betonsockel klatschend, die Vorzüge des Jungen gerühmt. Und auch geradewegs die Summe genannt hatte, die für einen ganzen Sommer in Odinas Begleitung zu zahlen war – woher wollte er die wissen, wenn er derartige Vermittlungsgespräche nicht öfter geführt hatte? Das Bakschisch für ihn selber kam dann noch obendrauf, und an Feilschen war bei ihm nicht zu denken.
Hatte der eine oder andre der Männer nicht verstohlen gelacht? Schon im Judenviertel von Samarkand hatte sich Kaufner verraten, als er sich mit aller Diskretion nach einem erkundigt, der mit ihm in die Berge gehen könne; und obendrein zum Gespött gemacht, als ihm einer gefunden, unter der nackten Glühlampe einer Nebennische, am Männerbadetag im Januar.
Nur merkwürdig, daß ihm darüber erst nach einem Dreivierteljahr ein Licht aufging.
„Er wird dir alles zeigen“, hatte Talib mit einem Funkeln in den Augen versprochen, das Kaufner am liebsten gar nicht gesehen hätte. Ein abgekartetes Spiel, warum sonst wäre Odina, den Kaufner zuvor kein einziges Mal hier gesehen, überhaupt aufgetaucht? Es reichte offenbar aus, einen Eseltreiber zu suchen, schon wußte jeder Bescheid.
Erst im Rückblick kam Kaufner jetzt auf die Idee, Talib könne für irgendwen arbeiten, vielleicht gar für die Deutschländer oder irgendeine der Freien Festen, die sich noch hielten. Immerhin war der Westen, zumindest auf dem Papier, mit Usbekistan verbündet. Möglicherweise arbeiteten sie also für dieselbe Sache, war Talib sogar daran interessiert, daß Kaufner das Grab finden würde? Wie sonst hätte er reden können, als ob er bestens im Bilde war über Kaufners Absichten, nämlich ohne sie etwa direkt an- oder gar auszusprechen? Als hätte man von Hamburg aus gleich auch Masseur und Eseltreiber vor Ort für Kaufner angeworben.
Dann holte Talib die Wodkaflasche, es wurde ernst. Kaufner hatte ihn öfter beobachtet, wenn er seine Nebengeschäfte betrieb (wiewohl man das, was er verhökerte, ansonsten nie zu Gesicht bekam), von einem glänzenden Schweißfilm bedeckt, mit seinem nassen Handtuch durch die Luft schnalzend oder auf den Bauch seines Gesprächspartners. Wer weiß, in wessen Dienste er den Jungen schon verschachert hatte und zu welchem Zweck; Kaufner saß da und hörte so gleichmütig zu, wie er’s vermochte. Auch der Junge saß vor allem da, zeigte mit keiner Miene, was er etwa von Talib dachte.
Von seiner Sorte gebe’s viele, pries ihn der Masseur, sie kämen von weither, weil sie in ihren Tälern keine Arbeit mehr fänden. Doch keiner sei unter ihnen, der Odina gleichkomme. „Er wird seinen Mund halten und im Herbst verschwinden, wenn er dich sicher wieder hier abgeliefert hat, bei mir.“
Talib beugte sich vertraulich näher, man roch, daß er dem Wässerchen bereits kräftig zugesprochen hatte, sogar sein Schweiß stank nach Alkohol: „Und im übrigen nimmt er kein Opium und ist auch nicht infiziert.“
Talibs dröhnendes Gelächter, in diesen unterirdischen Gewölben nicht ohne Effekt, der Speck auf seinen Bauchmuskeln zitterte.
„Warum sollte ich ausgerechnet dich nehmen?“ hatte Kaufner eine einzige Frage direkt an den Jungen gestellt. Und ehe sich Talib dazwischendrängen konnte, hatte der geantwortet:
Weil er vom Stamme der Wakhis sei, den Wächtern der Seidenstraße seit Jahrhunderten. „Was immer wir tun, Herr, unser Rücken bleibt dabei gerade.“
Schon wollte ihm Talib obenhin das Wort abschneiden: Nunja, Odinas Stamm habe selbst für Bewohner des Pamirs einen extrem strengen Ehrenkodex … Aber der Junge ließ sich nicht beirren und, weiterhin direkt an Kaufner gewandt, fuhr ganz ruhig fort:
„Wenn dich einer von uns in die Berge führt, bist du sein Gast. Stößt dir was zu, glaub mir, muß er’s sühnen, indem er sich das Gleiche zufügt.“
Eine bessere Lebensversicherung konnte es im Gebirge nicht geben. Womit der Handel geschlossen war.

*

Und dann hat er sich ja tatsächlich als ein erfahrner Eseltreiber erwiesen, der Junge. Als Berggänger sowieso. Nein, so einer arbeitet nicht gleichzeitig für die Gegenseite. Ein Bergführer kann kein Schlitzohr sein.
Oder doch?
Wenn er seine Familie anders nicht ernähren kann?
Für die Chinesen zumindest arbeitet er nicht. Die haßt er, die haben schon die Bergwerke in seinem Land unter Kontrolle, die Tunnel, die Hauptstraßen, die haben alles bestens vorbereitet. Für den Kalifen? Für den Wahren Weg, das Fundament oder sonst irgendwelche Kämpfer des Heiligen Kampfes? Aber der Gottesstaat interessiert die Tadschiken ja nicht. Die wollen am liebsten für jedes Tal ’nen eignen Fürsten. Für die Panslawische Allianz? Egal, der Junge weiß nicht, woher du kommst, er weiß nicht, wohin du gehst. Nie hat er nach deinen wahren Absichten gefragt.
Mehrfach mußte sich Kaufner ermahnen, sich nicht länger in die Tasche zu lügen. Schießlich war’s seit ein paar Stunden heraus, daß Odina gar nicht hätte fragen müssen, daß er auch so gewußt, welches Grab Kaufner suchte, und also direkt zum Tal, in dem nichts ist mit ihm hätte aufbrechen können. Aufbrechen müssen. Kaufner hatte zu handeln. Der Kirgise mochte ihn gedemütigt haben – im Moment war er keine unmittelbare Bedrohung mehr, Kaufner verbot sich jeden weiteren Gedanken an ihn, vorerst. Odina hingegen, er mochte ihn mit seinen Worten gerettet haben – war vielleicht eine noch größere Bedrohung als Januzak.
Und nur auf Sichtweite entfernt. Der Weg war recht einfach und blieb es. Rechter Hand erhob sich der Bergrücken, an dem sie entlanggingen, linker Hand kam immer mehr der Ebene zum Vorschein, in die sie morgen hinabsteigen würden: Usbekistan. Dicke Wolken gingen tief darüber hin, es blitzte da und dort; dicht daneben war der Himmel hellblau, das Sonnenlicht fiel in breiten Streifen herab. Wäre man besserer Stimmung gewesen, man hätte es als malerisch empfinden können.
Wie immer, wenn Kaufner am Lagerplatz eintraf, den der Junge für die Nacht bestimmt, war der Esel bereits entladen und hatte sich, nach Futter suchend, davongemacht. Der Junge war dabei, Kaufners Zelt aufzubauen; als nächstes würde er das Abendessen kochen. Erst wenn alles erledigt war, was zu seinen Pflichten gehörte, würde er neben dem Feuer die Satteldecke und darüber seinen zerschlissenen Schlafsack ausbreiten. Doch während Kaufner normalerweise erst einmal sein Gepäck ins Zelt schaffte und die Dinge für den nächsten Tag richtete, kam er heute abend direkt auf Odina zu und baute sich vor ihm auf:
„Warum hast du mich so lang in die Irre geführt?“
„Weil ich wollte, daß du weiterlebst“, kam die Antwort überraschend schnell: „Wäre ich gleich mit dir hierher gekommen –“ Der Junge hatte offensichtlich nicht den Anflug eines schlechten Gewissens. Oder er spielte seine Rolle sehr gut: „Herr, in diesem Gebirge gibt es keine Wanderer. Wer hier unterwegs ist, der ist Schmuggler oder einer vom Heiligen Kampf oder – einer von euch.“ „Aber auf keinen Fall ein Anfänger wie du! Die würden ja sofort –“
„Willst du mich beleidigen? Ich bin doch kein Anfänger!“ Kaufner verspürte große Lust, Odina eine Ohrfeige zu versetzen, besann sich allerdings: „Welches Zeichen meinst du eigentlich, an dem sich die Fortgeschrittnen erkennen oder wie ihr sie nennt?“
Odina verzurrte in aller Ruhe das Zelt, schlug einen Hering ein. Sortierte Äste und Zweige, die er am letzten Rastplatz gesammelt und in seinem Rucksack verstaut, arrangierte sie, die kleinsten davon zu einem Häufchen zusammenschiebend, über dem sich die dickeren Äste kreuzten. In wenigen Minuten würde er ein Feuer gemacht haben, darauf zunächst Tee, dann einen Topf voll Nudeln. Die Antwort auf Kaufners Frage blieb er schuldig, sagte stattdessen schließlich:
„Einem Januzak begegnet man nur einmal. Er ist alt oder jung, keiner weiß es. Aber er kann den Hals eines Menschen mit einer einzigen Hand zudrücken. Und er tut es auch.“
„Sag mal, du hast ja noch mehr Angst vor ihm gehabt als ich?“
Odinas Antwort blieb erneut aus. War’s nur sein Stolz, der ihm verbot, zuzugeben, daß er am Kobrafelsen gezittert hatte? Seine Angst konnte nicht gespielt gewesen sein, mit Januzak steckte er gewiß nicht unter einer Decke.
„Das Gesetz der Berge …“, hob der Junge schließlich gereizt an, indem er ein Streichholz entfachte, „es hätte unser letzter Tag sein können.“
„Unser beider?“ stichelte Kaufner, Odina sprang von seinen sorgsam angeordneten Zweigen auf, das brennende Zündholz zwischen den Fingern, sagte indes nichts. Man hörte die Berge atmen. Der Himmel war dunkelgrau, in wenigen Minuten würde’s Nacht sein.
„Ich kenne euer ‚Gesetz der Berge’“, ließ Kaufner nicht ab, Odina zu bedrängen, „was ich davon halte, weißt du. Was hat es denn zu plötzlichen Begegnungen mit Kirgisen zu sagen?“
Kaufners abschätziger Tonfall verfehlte seine Wirkung nicht, ungeachtet des brennenden Streicholzes warf sich Odina in die Brust: „Wir gehen mit unserm Herrn, und wenn wir ihn nicht sicher durchs Gebirge bringen, gehen wir mit ihm auch in den Tod. So will es das Gesetz.“
„Das verlangt es tatsächlich?“ Einen Atemzug lang war Kaufner verblüfft. Im nächsten fragte er sich, ob Odina vielleicht ein wenig verrückt war. Wie laut er auf ihn einredete! Während er gestikulierte, verlöschte das Zündholz, er hatte sich gewiß die Finger verbrannt:
„Herr, ich bin aus dem Pamir! Wir haben viel höhere Gebirge als hier, unsere Ehre gilt uns viel mehr als unser Leben. Aber das versteht ihr nicht.“
Mit „ihr“ meinte er „ihr aus dem Westen“, soviel war im Verlauf der gemeinsamen Wanderungen klargeworden, wobei der Westen für Odina schon in Samarkand begann, eine verweichlichte Stadt in seinen Augen mit verweichlichten Bewohnern, Schergen wechselnder Herren, unzuverlässig, verächtlich.
„Sieh mal einer an, das verstehen wir nicht“, Kaufner verschränkte die Arme vor der Brust: „Du willst mir also sagen: Wenn mich Januzak getötet hätte, hätte er danach auch dich –?“
„Nein, das hätte er nicht, er kennt das Gesetz.“ Odina zögerte, tat so, als fände er keinen passenden Begriff auf Russisch.
„Du hättest es selber tun müssen?“ gab sich Kaufner mit einem Mal verständnisvoll, um das Lauernde in seiner Frage zu überspielen: „Das Gesetz der Berge?“
„Und keiner von uns, der es jemals mißachtet hätte.“
Jetzt erst besann sich Odina des Zündholzes, warf es verärgert zu Boden. Ohne einen Blick auf seine Finger zu werfen, wandte er sich dem zu, was es vor Einbruch der Dunkelheit zu erledigen gab. Während des Essens richtete er überraschenderweise noch einmal das Wort an Kaufner, lenkte dessen Augenmerk nach Westen, in die Ebene, die sich zwischen den Ausläufern des Turkestangebirges auftat:
Was am Horizont so leuchte, sei Samarkand. Der Abglanz von Samarkand. Wenn man sich beeile, werde man die Stadtgrenzen morgen nacht erreichen; sofern man erst mal „unten“ sei, ließe sich ja auch im Dunkeln weitergehen. Im übrigen: Die Grenze liege längst hinter ihnen. Der restliche Weg ein Kinderspiel. Im Grunde könne man die Augen schließen, man finde ganz von selber hinab, alle Wege führten nach Samarkand.
Es sollte eine ganze Nacht dauern, bis Kaufner begriffen hatte, warum Odina das überhaupt noch gesagt hatte.

*

Alle Wege führen nach Samarkand, so ähnlich hatte es Kaufner schon gehört, als er vor eineinhalb Jahren in Taschkent angekommen war. „Deutsch?“ hatte ihn der Fahrer des Sammeltaxis vor dem Flughafen gezielt angesprochen. Um dann, kaum waren sie auf der Autobahn, hartnäckig Neuigkeiten von der Westfront zu erfragen, wie er sie nannte, ob es Deutschland überhaupt noch gebe? Nun, das sollte ein Witz sein, immerhin kämpften die Deutschländer weiterhin an sämtlichen Frontabschnitten, der Taxifahrer war vom usbekischen Staatsfernsehen bestens informiert. Genau genommen wollte er seine Einschätzung der Lage selber geben, angetrieben durch immer neue rhetorische Fragen an seinen deutschen Fahrgast. Die drei Männer auf der Rückbank waren damit beschäftigt, Taschen und Tüten festzuhalten, die nicht mehr in den Kofferraum gepaßt hatten. Einmal überholten sie einen galoppierenden Reiter, ein andermal kam ihnen ein Moskwitsch als Geisterfahrer entgegen: Dort, wo ansonsten die Rückbank war, war ein Kalb, es streckte den Kopf aus dem Seitenfenster heraus.
Der Fahrer konzentrierte sich darauf, den Freien Westen zu verhöhnen. Nämlich das, was davon in Mitteleuropa übrig war, genau genommen waren’s ja nur noch die Deutschländer, die ihn mit einer Inbrunst verteidigten, als hätten sie ihn selber aufgebaut oder zumindest schon immer dort gelebt. Deutschländer! Keine Rede mehr von ausländischen Mitbürgern, Einwanderern der vierten oder fünften Generation; seitdem der Krieg offen ausgebrochen, waren die Türken und mit ihnen gleich alle anderen, woher immer sie gekommen waren und obwohl sie sich ursprünglich gar nicht als Deutschländer bezeichnet hatten, endgültig zu den besseren Deutschen geworden. Zu Deutschen nämlich, die Deutschland zu verteidigen überhaupt noch für notwendig befanden und dazu auch in der Lage waren. Gerade in diesen Wochen wieder, da der Freie Westen an sämtlichen Abschnitten der Front, eine Art Frühjahrsoffensive, von der Panslawischen Allianz unter Feuer genommen worden. Überall dort, wo bloß die bunt zusammengewürfelten Truppen der Bundeswehr lagen, hatte es Durchbrüche gegeben; die Deutschländer hingegen, obwohl Milizenverbände, hatten sogar den russischen Eliteeinheiten standgehalten, widerwillig zollte ihnen der Taxifahrer Respekt. Er unterbrach seine Darlegungen nur, wenn er sich einer der Straßensperren näherte. Kaum war der Kontrollpunkt passiert, streifte er den Gurt wieder ab, gab Gas und wollte wissen, ob’s wahr sei, daß die deutsche Regierung …
Es war wahr, Kaufner konnte es bestätigen. Vor wenigen Tagen hatte sie offiziell Hilfe von der Türkei angefordert, es war lediglich eine Frage der Zeit, bis reguläre türkische Truppen einmarschieren würden. Zum Wohle Deutschlands, versicherte Kaufner, höchstoffiziell herbeigerufen von Bundeskanzler Yalçin.
Ob die Türken auch gegen ihre Glaubensbrüder in Stellung gehen würden, die in Frankreich vorrückten? Der Taxifahrer traute es ihnen zu, traute ihnen alles zu. Der Faust Gottes allerdings nicht minder, angeblich war Paris bereits gefallen, der Kalif habe Europa von der iberischen Halbinsel bis zur Seine befreit. Befreit! Der Taxifahrer machte kein Hehl daraus, daß ihm das gefiel, er war Usbeke, also kein Freund der Türken: Die hätten sich seit eh und je als Herrenrasse aufgeführt unter den Turkvölkern, keiner diesseits der Roten Wüste wolle mit ihnen gemeine Sache machen.
Paris gefallen? Kaufner schreckte möglichst unauffällig zusammen, das hatte man in der Tagesschau so nicht gemeldet. Sicher?
Sicher! Der Taxifahrer beteuerte, Gott sei groß, er zeigte auf seine Gebetskette, die am Rückspiegel baumelte, und gab weiterhin Vollgas, vielleicht sein höchstpersönlicher Beitrag, auf daß man einem sicheren Sieg entgegenfuhr.
Es wurde immer komplizierter. Bald würde man gar nicht mehr wissen, wer genau wo gegen wen kämpfte. Weil ihn der Taxifahrer in seiner Siegessicherheit ärgerte – was bildete er sich ein, Usbekistan war doch mit dem Westen verbündet! Und nicht etwa mit dem Kalifen! –, eröffnete ihm Kaufner, daß der Angriff der Russen mittlerweile an allen Abschnitten der Front zurückgeschlagen und auch in Hamburg wieder die alte Demarkationslinie an der Alster erreicht worden. Das nämlich war der letzte Stand der Kriegshandlungen gewesen, bevor er sich in sein neues Einsatzgebiet abgesetzt hatte. Der Taxifahrer hielt zum ersten Mal den Mund, offensichtlich hatte man die Nachricht hier gar nicht gebracht. Er schüttete sich aus einem Tütchen grünes Pulver unter die Zunge und war fortan beschäftigt, es genußvoll einzuspeicheln. Erst als die letzte Straßensperre am Stadtrand von Samarkand nahte, öffnete er, noch bei voller Fahrt, die Tür spaltbreit, und spuckte mehrfach aus.
Kaufner lag im Schlafsack und fühlte, wie die Kälte der Nacht durch die Zeltplane hereinkam. Bis zum Morgengrauen hatte er Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, seine Erinnerungen neu zu sortieren. Am nächsten Morgen würde er einige Entschlüsse gefaßt haben müssen. Was Odina betraf, was die eigene Mission in den Bergen betraf und ob er sie überhaupt fortführen konnte. Wenn der Junge die ganze Zeit gegen ihn gearbeitet hatte, indem er für ihn zu arbeiten vorgab, vielleicht hatten es andere, mit denen es Kaufner seit seiner Ankunft zu tun bekommen, ebenso gehalten?
Nach ein paar Stunden Fahrt war er am Rande der Altstadt von Samarkand gestanden, nach einem kurzen Fußmarsch auch schon mitten darin, vor dem prachtvoll mit Schnitzerei versehenen Flügeltor eines Gebäudes, das ihm als Kontaktadresse genannt worden. Seltsam, ausgerechnet hierher hatte man ihn geschickt, in ein von reichen Russen, Arabern, Chinesen, Pakistanern gut besuchtes Bed & Breakfast namens Atlas Guesthouse. Der besseren Tarnung halber? Dann aber stellte sich heraus, daß es von einer tadschikischen Familie geführt wurde, im Herzen einer usbekischen Stadt! Wenn das nicht von Bedeutung war – Tadschikistan sympathisierte ja mit Großrußland. Die Tadschiken in Usbekistan hingegen offensichtlich mit dem Westen. Anscheinend waren sie hier, was die Usbeken in Tadschikistan waren, eine kleine feine Oberschicht, denen es sichtlich besser ging als der restlichen Bevölkerung.
Natürlich war es Shochi gewesen, die ihm einen der Türflügel aufgestemmt und ihn dann mit einem kaum gehauchten „Allah …“ in Empfang genommen hatte. Von Kopf bis Fuß war sie in verschieden gelbstichige, weiße, sandfarbene Tücher eingewickelt:
„Ich hab’ von Ihnen geträumt. Deshalb weiß ich ja, daß Sie heute kommen. Sie sind spät dran.“
Kaufner verschlug’s die Sprache. Er hatte sich einige Monate auf seinen Einsatz vorbereitet; von einem jungen Mädchen erwartet zu werden, wäre ihm aber im Traum nicht eingefallen.
Warum er so spät dran sei, insistierte Shochi, er hätte doch vor Stunden eintreffen müssen. Nun habe sie’s endlich gespürt, daß er angekommen, gerade habe sie ihm entgegengehen wollen.
Dies alles auf Russisch, sehr schnell, sehr ungeduldig, selbstbewußt.
„War ich denn für heute angekündigt?“
Kaufner war noch immer völlig überrumpelt. Er versuchte abzuschätzen, ob seine kleine Empfangsdame, vielleicht die Tochter des Hauses, etwa von ihrem Vater eingeweiht worden und also auf die Parole wartete. Man sah von ihr nur die Augen, ein strahlendes Blau, schwer zu durchdringen, ja, unmöglich, ihnen bis auf den Grund zu schauen.
„Wo steckt denn …“ wollte er sie loswerden, doch Shochi ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen:
Sie sei schon dreizehn, er könne auch mit ihr über alles reden, sie wisse Bescheid.
Nein, ihr Vater hatte nicht mit ihr gesprochen. Was der überhaupt wußte, es war auch später nie aus ihm herauszukriegen gewesen. Shochi hatte geträumt, mehrfach geträumt, daß Kaufner an diesem Tag kommen würde, jedenfalls behauptete sie es. Allerdings hatte sie den Traum für sich behalten, Kaufner dürfe niemandem davon erzählen, sonst … sonst gebe es wieder Ärger.
Kaufner wollte verschwörerhaft nicken und die Sache damit abtun. Als sie sich aber danach erkundigte, ob die drei Männer auf der Rückbank des Taxis „wirklich nett“ gewesen seien, starrte er sie für einen Moment fassungslos an. War’s denn möglich, selbst solche Details zu träumen? Sein erster Tag im neuen Einsatzgebiet, und ein junges Mädchen brachte ihn bereits aus dem Konzept. Nichtsdestoweniger stand er unter Zugzwang. Er mußte sich seinen Kontaktleuten zu erkennen geben, sonst würden sie ihn für einen Touristen halten. Kaufner entschied sich, die Parole beiläufig in seine Worte einfließen zu lassen, man würde ja sehen, ob Shochi sie erkannte und mit der richtigen Replik darauf reagierte:
Nun gut, vielleicht habe er sich verspätet, als Deutscher könne er ja nicht über Moskau fliegen. „Aber zum Glück führen fast alle Wege nach … Samarkand.“
Shochi mußte die winzige Pause in seinen Worten bemerkt haben, sie zögerte mit einer Antwort. Dann entschied sie sich, den neuen Gast zu ihrem Vater zu führen, damit ihm offiziell ein Empfang bereitet und der Paß abgenommen werden konnte. Federnden Schrittes ging sie vor ihm durch den Hof, eine schwankend schwebende Tuchsäule, unter einem blühenden Baum hindurch und vorbei an Dutzenden von Blumentöpfen, einem leeren Springbrunnen. Bevor sie die Tür zum Büro ihres Vaters aufstieß und dabei ihre Schlappen abstreifte, blickte sie Kaufner noch einmal an:
„Samarkand ist ja schließlich nicht bloß für Touristen interessant.“
Kaufner hatte die in der Luft hängende Losung schon wieder vergessen, nun stand er da, wie vor den Kopf geschlagen. Samarkand Samarkand … Konnte Shochi etwa auch die Parole geträumt haben? (…)

Pressestimmen

„sicherlich eines der besten deutschen Bücher der vergangenen zehn Jahre“
(Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 4/3/20)

„Mit Kaufner taucht der Leser in eine Lebenswelt ein, die der Autor aus eigenen Reisen kennt und deren Menschenschlag und Kultur er eindringlich beschreibt. Ein Buch, düster und geheimnisvoll wie die Berge, in denen die Hauptfigur sich zu verlieren droht.“
(Walter Brunhuber, Buchprofile, April 2014)

„verdammt atmosphärisch und einfach wunderbar geschrieben“
(Kristian Thees, Der gar nicht böse Lesezirkel/SWR3, 28/3/14)

„eine faszinierend düstere Dystopie (…), mit narrativer Rasanz erzählt“
(Walter Buckl, Donau-Kurier, 27/3/14)

„In ‚Samarkand Samarkand‘ entfaltet sie [die Faszination für die Welt hinter den bekannten Horizonten] eine exotische Spannung, deren Knistern bis in die Sprache hinein zu spüren ist. […] Detailscharf zeichnet der Roman eine Welt, die im Schein der präzisen Beschreibung irreal wird. Es geht ums Ganze, doch worin besteht dieses Ganze? Die Vorstellung einer möglichen Zukunft evoziert ein komplexes Gewirr von Ahnungen und Ängsten, die für Politycki eine zentrale Frage aufwerfen. Wie bewahren wir das aufgeklärte Fundament der europäischen Kultur? Darum geht es in diesem Buch, nicht um Leitkultur und Nostalgie.“
(Beat Mazenauer, http://www.literaturkritik.de, 26/2/14)

„ein dicht gewebter Text, in dem die Grenzen zwischen (fingierter) Wirklichkeit und (wirklichem) Mythos aufgehoben sind und die Prosa der Verhältnisse und die Poesie des Herzens mächtig durcheinanderwirbeln“
(Werner Jung, Junge Welt, 12/2/14)

„Es ist ein verstörendes Szenario, weil es, von heutigen Gegebenheiten ausgehend, denkbar scheint. Politycki zeichnet ein opulentes Landschafts- und Sittengemälde. (…) Aber „Samarkand Samarkand„ ist weit mehr als ein guter Abenteuerroman. Es ist ein Roman, der sich im Kern um die Gültigkeit von Werten dreht.“
(draußen!, Februar 2014)

„Eine Mischung aus Fantasy und Politikroman mit vielen Bezügen zur Gegenwart, Geschichte, zum wilden Bergleben an der Seidenstraße und mit einer anrührenden Liebesgeschichte.“
(Rüdiger Sareika, Der evangelische Buchberater, 1/2014)

„Im Mittelpunkt steht der Schauplatz. Um ihn kreist der Text.“
(Michael Stadler, Salzburger Nachrichten, 30/1/14)

„Matthias Politycki, einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart, bewährt sich einmal mehr als Erzähler und als politisch-philosophischer Analytiker.“
(Felix Schneider, 52 beste Bücher/Schweizer Radio und Fernsehen SRF 2 Kultur, 19. u. 25.1.2014)

„Ein Buch, düster und geheimnisvoll wie die Berge, in denen die Hauptfigur sich zu verlieren droht.“
(Walter Brunhuber, Borromäusverein, 2013, Zur Rezension)

„ein Abenteuerroman, an dem womöglich auch Karl May seine Freude gehabt hätte“
(Rosemarie Tuchelt, Doppelkopf/hr-2, 30/12/13)

„Ein praller Abenteuerroman aus der gewaltigen Bergwelt Zentralasiens“
(Johannes Preßl, bn Bibliotheksnachrichten, 4/2013)

„Matthias Politycki hat einen grandiosen Abenteuerroman vorgelegt mit Naturbeschreibungen, die ihresgleichen suchen. Er ist buchstäblich bis zur letzten Zeile spannend, dazu (…) entwirft er eine (…) Zukunft, die, so überraschend sie möglicherweise zunächst daherkommt, glaubhaft erscheint, was vor allem an der überwältigenden Sprache liegt. Sie entwickelt einen enormen Sog und nimmt den Leser unweigerlich mit, wohin auch immer.“
(Michael G. Fritz, Dredner Neueste Nachrichten, 27/12/13)

„Der Weltreisende und große Geschichtenerzähler Matthias Politycki entwirft in seinem Roman „Samarkand Samarkand‘ eine finstere Zukunft. (…) Intensiv, wortgewaltig, provokativ und bedrückend gut.“
(Renate Pinzke, Hamburger Morgenpost, 19/12/13)

„Ein abenteuerlich politischer Zukunftsroman.“
(Helmuth Schönauer, Lesen in Tirol, 13/12/13)

„Mag es noch so abenteuerlich rätselhaft in dem Roman zugehen – nach der atemberaubenden Lektüre wissen wir entscheidend mehr, nicht nur über das Geschehen in fernen Weltgegenden, sondern auch über das Dasein überhaupt und die zahlreichen Geheimnisse unter den Schädeldecken.“
(Heinz Neidel, Nürnberger Nachrichten, 30/11/13)

„Polityckis Roman ist eine mitreißende Abenteuergeschichte, und es ist unzweifelhaft, daß sie nicht als eine Schreckensvision, sondern als eine in die nähere Zukunft verlängerte Darstellung der Gegenwart gedacht ist. Die Konflikte, die uns umtreiben, hat Politycki verdichtet und weitergedichtet.“
(Christoph Schröder, Buchjournal 6/2013)

„Aus der atmosphärischen Dichte des Textes spricht die selbst erlebte Realität.“
(Heiko Rehmann, Reutlinger General-Anzeiger, 28/11/13)

„Dieses Buch ist: ein Abenteuerroman, ein Reiseroman, ein Politkrimi, ein Zukunfts- und Kriegsszenarium, eine große märchen- und sagenumwobene Gegenwartserzählung.“
(Sabine Neubert, Neues Deutschland, 23/11/13)

„Das Gebirgigste, Steinigste, Wildeste, Kühnste und Gefährlichste, was es an deutscher Romanliteratur derzeit zu lesen gibt“
(Hajo Steinert, Büchermarkt/Deutschlandfunk, 15/11/13)

„ein […] fulminanter Roman […], für dessen Konstruktion, Anlage und Ausführung scheinbar veraltete Begriffe hervorzuholen sind: die Pranke des Autors, der allwissende Erzähler, der Roman als Breitwandgemälde. […] [Politycki] schreibt so geschmeidig, so rhetorisch geschliffen, so wortmächtig, so atmosphärisch beschwörend wie kaum ein anderer deutschsprachiger Autor seiner Generation.“
(Alexaner Kluy, Album/DER STANDARD, 2./3.11.2013, http://derstandard.at)

„Der Titel verspricht einen Zauber, den die Geschichte vollumfänglich einlöst.“
(Anne Rüffer, Lieblingsbücher/emotion, 1/11/13)

„Ein Buch wie eine Expedition in (…) die Tiefe der menschlichen Psyche.“
(InStyle, November 2013)

„eine packende Odyssee durch fremde Welten“
(Zuhause Wohnen, Heft 11/November 2013)

„ein literarisches Spiel mit den Ängsten unserer Zeit“
(ZiB 2/ORF-Fernsehen, 31/10/13)

„etwas anderes als die üblichen ich-verliebten Romanszenarios, die uns erzählen, wie schwer es ist, jung zu sein“
(Klaus Walther, Freie Presse, 25/10/13)

„Es ist gut, daß wir in der Gegenwartsliteratur auch einen literarischen Draufgänger haben, der sich mit halben Sachen nicht abgibt. Und der vor allem eines kann: schreiben. Gut schreiben.“
(Hajo Steinert, Tagesanzeiger, 21/10/13)

„Als Beschreibung europäischer Grenzerfahrungen zwischen dem ‚Leeren Berg‘ und dem ‚Tal, in dem nichts ist‘ kann er [der Roman] es jederzeit mit ähnlichen Projekten von Michael Roes bis Christoph Ransmayr aufnehmen.“
(Martin Halter, Badische Zeitung, 19/10/13)

„Man erlebt als Leser an sich selbst die Umwertung der Werte (…) – im Verbund mit einer geradezu morgenländischen Fabulierlust“
(Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 15/10/13)

„ein Abenteuerroman des Geistes“
(Denis Scheck, ARD-Bühne, 12/10/13)

„Schließen Sie die Augen, sagen Sie zwei Mal ‚Samarkand Samarkand‘ beim Lesen dazwischen – so kann man diese Stille und diesen Wahnsinn des Buches wirklich genießen.“
(Ernst A. Grandits, 3sat, 11/10/13)

„In Samarkand Samarkand geht es um existenzielle Fragen. Es geht um das Leben. Ein wahrer Monolith unter all den lauwarmen Unterhaltungsromanen, die den Buchmarkt überschwemmen.“
(Carsten Heidböhmer, http://www.stern.de, 9/10/13)

„ein Abenteuerroman im besten Sinn, der (…) beweist, daß die Reisen im Kopf oft die besten sind“
(Gabie Hafner, http://www.muenchner-kirchennachrichten.de, 7/10/13)

„Die Geschichte, utopisch und abenteuerlich, bannt den Leser, zieht ihn hinein und macht jede Unterbrechung der Lektüre schwer. (…) Doch das Buch ist nicht nur Abenteuerroman und Dystopie, sondern hat viele poetische Momente.“
(Regine Krieger, Handelsblatt, 4./5./6.10.2013)

„Die Faszination für jene Welt hinter den bekannten Horizonten (…) verleiht ‚Samarkand Samarkand’ eine ganz eigene Spannung, deren Knistern bis in die Sätze hinein zu spüren ist. (…) ‚Samarkand Samarkand’ entfaltet eine suggestive Wirkung, in der alles in ein funkelndes, grelles Irrlicht getaucht wird, schwebend zwischen Himmel und Erde, zwischen Auftrag und Sinnlosigkeit. In dieser Vision einer Zukunft (…) spiegelt Matthias Politycki die existentiellen Ängste der europäischen Kultur und Zivilisation.“
(Beat Mazenauer, http://www.readme.cc, Okt. 2013)

„Solitär herausragend in diesem Herbst (…) Wer sich auf diese Reise einläßt, den erwartet garantiert kein Pauschalurlaub oder eine Studiosus-Tour, sondern eine hochspannende Expedition, von der man mit reicher Beute in unser Jammertal zurückkehrt.“
(Jens Sparschuh, Der Tagesspiegel, 29/9/13)

„Eine düstere Zukunftsvision, farbig und poetisch geschildert.“
(Neue Presse, 28/9/13)

„Politycki erzählt eine opulente Geschichte, voll mit skurrilen Figuren (…). Über die Vielseitigkeit dieses Autors kann man nur staunen.“
(Martina Sulner, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 27/9/13)

„Das Buch entlässt den Leser mit dem Gefühl, eine utopische und doch durchaus vorstellbare Schreckensvision für die vor uns liegenden Jahrzehnte durchlebt zu haben. Die aber keine Angst macht vor dem Unbekannten, sondern auf tröstlich-entschlossene Weise Mut.“
(Christine Adam, Osnabrücker Zeitung, 17/9/13)

„eine episch breit angelegte Mischung aus Untergangs- und Abenteuerroman und eine mystisch düstere, blutige Zukunftsvision (…), in archaisch kraftvoller, lebenspraller und bilderreicher Sprache erzählt“
(Dagmar Härter, ekz-Bibliotheksservice, August 2013)

„Matthias Polityckis Roman ist keineswegs eine übertriebene Zuspitzung – dazu muss man sich lediglich Bilder aus Syrien oder dem Irak vor Augen halten. Politycki hat bloß die Zeichen der Zeit in die Zukunft übertragen.“
(Kulturzeit/3sat, 12/9/13)

„Ein beängstigendes, aber auch ein phanstastisches Szenario. Der Kampf der Kulturen wird mit dieser Fiktion real.“
(Kulturplatz/Schweizer Fernsehen 1, 11/9/13)

„ein grandioses Schreckensszenario, das bis nach Asien greift (…) – und über eine Zukunft, die vielleicht schon längst begonnen hat.“
(Annerose Kirchner, Ostthüringer Zeitung, 7/9/13)

„Was für ein aufregender Stoff!“
(Ralf Sziegoleit, Frankenpost, 6/9/13)

„Man merkt auch diesem (in mancherlei Hinsicht) starken Stück Literatur an, dass ihr Autor – wie schon für den „Herrn der Hörner“ – ausgiebig vor Ort war und die Atmosphäre, die geschichtsträchtigen Geheimnisse, die Schönheiten und die (vergangenen und möglichen künftigen) Schrecken geradezu verinnerlicht hat. Und der zudem über eine Sprache verfügt, die es vermag, diese Schönheit, aber auch die Komplexität und Zerrissenheit wiederzugeben.“
(Maike Schiller, Hamburger Abendblatt, 5/9/13)

„Dieser Roman (bietet dem) Leser keinerlei weltanschauliche Gewissheiten, stiftet eher Unruhe. Die einzige Verlässlichkeit liegt – wie immer bei Politycki – in seiner durchrhythmisierten Sprache, seiner ausgefeilten Stilistik. Hinzu tritt dieses Mal noch ein dramaturgischer Mumm, den man in der deutschen Gegenwartsliteratur sonst vergeblich sucht. Politycki wagt etwas – und gewinnt auf der ganzen Linie.“
(Hellmuth Opitz, http://fixpoetry.com, 4/9/13)

„Ja, Samarkand Samarkand ist ein Abenteuerroman, spannend, wie es sich gehört. Aber keiner, der schnell gelesen und schnell vergessen wird. Die düstere Prognose sich ausbreitender Bürgerkriege ist zu realitätsnah.“
(Gabi Rüth, Scala/WDR 5, 3/9/13)

„ein finsteres Poem, ein Abenteuerroman mit religiös-philosophischer Stimulanz (…). Matthias Politycki gewährt einen tiefen, einen geradezu magischen Blick in eine andere Zeit, in ein anderes Denken, auch ein gänzlich anderes Wertesystem. (…) Der Roman liest sich wie ein regelrechtes Menetekel.“
(Andreas Thiemann, WAZ, 3/9/13)

„Märchenhaft liest sich dieser Roman, er steckt voller Geschichten und Geheimnisse.“
(Heide Soltau, NDR Info, 3/9/13)

„Leseabenteuer!“
(Buch des Monats/Bielefelder, September 2013)

„Samarkand Samarkand ist so etwas wie ein Karl-May-Roman aus den Schluchten hinter dem Balkan (…), eine wortgewaltige, orientalisch bunte Reise- und Abenteuererzählung, die bis zum Herzen der Finsternis vordringt.“
(Martin Halter, FAZ, 23/08/13)

„Die karge, packende Wanderung (…) – ein Faszinosum“
(tz münchen, 21/8/13)

„Eine Sprache, die einen reinsaugt, und ein Thema, das einen reinsaugt: Das ist auf jeden Fall ein Buch, das man so schnell nicht mehr vergißt.“
(Julia Westlake, Bücherjournal/NDR, 21/8/13, http://www.ndr.de)

„Im Gebirge gehen (…) und ein Ziel zu verfolgen – mit dieser Schilderung ist Matthias Politycki etwas ganz Außerordentliches geglückt. Ohne Almengrün, ohne Firnglitzern, ohne Gipfelsturm, ohne Kletter-Heldentum bleibt der Autor mit höchster schriftstellerischer Tapferkeit der Kargheit der endlosen Bergrücken treu – und macht sie für seine Leser zu einem Faszinosum: Steingrau kann von orientalischer Üppigkeit sein.“
(Simone Dattenberger, Münchner Merkur, 21/8/13)

„Bei aller Konkretion und Detailfülle, mit der Politycki die Bergwelt (…), die Atmosphäre in Samarkand, die Timur-Legenden und die (…) prächtigen Bauwerke Usbekistans bedenkt, belässt er die Erlebnisse und Gedanken Kaufners gekonnt im Mehrdeutigen, Befremdenden und Unbestimmten und lässt so seine Leser die fundamentale Unsicherheit seines Protagonisten und überhaupt der Welt im Jahre 2026/7 spüren.“
(Iris Buchheim, Diwan/Bayern 2, 17/8/13)

„Die Bedrohungen, von denen die Rede ist, sind täglich Bestandteil der Nachrichten. Im Buch rücken sie näher, werden Teil des Alltags. Manchmal braucht ein Roman ein Vierteljahrhundert, bis er ausgereift ist.“
(Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 17/8/13)

„Der neue Roman des Autors ist eine düstere Zukunftsvision, die gleichzeitig intelligente Unterhaltung bietet, den Kopf des Lesers nicht unterfordert und einiges an schwarzem Humor bereithält.“
(Bettina Ruczynski, Sächsische Zeitung, 17.8.2013)

„ein Stück magischer Realismus an der Seidenstraße. Und ein starkes Stück, nicht nur literarisch. (…) Am Ende ist Kaufner allein. Aber der Leser bleibt bei ihm.“
(Gerald Giesecke, Aspekte/ZDF, 16/8/13, http://www.zdf.de)

„ein äußerst ungewöhnlicher, sehr eigenwilliger, im besten Sinne seltsamer Roman“
(Frank Schmid, RBB-Kulturradio, 16/8/13)

„ein Abenteuerroman und eine düstere Zukunftsvision, eine Liebes- und Leidensgeschichte, politische Warnung und poetische Naturbeschreibung zugleich. Geschrieben in einem Deutsch, so schön, wie es nur wenige beherrschen gegenwärtig.“
(Jobst-Ulrich Brand, Focus 33/12.8.2013)

Videos


„Alle Geschichten kommen aus Samarkand.“
Trailer zum Buch



aspekte / ZDF, 16.08.2013
Wir danken aspekte / ZDF für diesen Film!
http://www.aspekte.zdf.de
© Gerald Gieseke für aspekte / ZDF

StadtLandLeute

Photos © Eric Segers, Gerald G. Giesecke, Alexander Kaufner, Shochida Khabibullaeva u.a.


Landkarten

Tamerlans Gelächter

Als ich am 10. August 1987 zum ersten Mal in der Samarkander Altstadt stand, brodelte es dermaßen unorientalisch unbunt um mich herum, daß abseits der touristisch relevanten Bauwerke von einem Zauber der Seidenstraße nichts, gar nichts zu spüren war. Hingegen davon, daß „das alles hier“ demnächst in die Luft oder zumindest den russischen Kolonialherren gewaltig um die Ohren fliegen würde – es war die Zeit kurz vor Glasnost und Perestroika, schon 1991 sollte Usbekistan mit zahlreichen anderen Sozialistischen Sowjetrepubliken wieder seine Unabhängigkeit erlangen. Ich kann es nur mit meiner damaligen Naivität entschuldigen, daß ich die explosive Stimmung in der Stadt gewaltig überinterpretierte (eine friedliche Loslösung von Rußland nicht mal ansatzweise erwägend) und die Antizipation des Schreckens nicht anders zu fassen wußte denn als maßlos übertriebenen Gedanken: Hier wird er losgehen, der Dritte Weltkrieg.
Er tat es bekanntlich nicht. An Kriegen und kriegerisch sich zuspitzenden Krisensituationen rund um Samarkand war seither jedoch kein Mangel; und wer würde ernsthaft erwarten, daß die Region in den nächsten Jahren zur Ruhe kommen könnte? Die tatsächliche Entwicklung der Weltgeschichte zu antizipieren ist nicht das Sujet der Literatur; Konflikte zu erahnen, lang bevor sie ausbrechen, schon eher – konkrete Rahmenbedingungen spielen dabei allenfalls eine stimulierende Rolle. Die impulsive Überzeugung, daß ich in Usbekistan quasi an der Demarkationslinie zweier sich neu formierender Weltmächte stand (inzwischen sind mit der NATO und China sämtliche „Global Player“ vor Ort), setzte meine Phantasie jedenfalls gewaltig in Bewegung. Und das zu einem Zeitpunkt, da ich mich gerade fünf Jahre lang mit einem Roman herumgeschlagen hatte, in dem es um „nichts weiter“ als die Farbe der Vokale ging!
Doch auch Timur alias Tamerlan, vielleicht der größte Barbar unter den Welteroberern, von dem ich anläßlich meiner Reise zum ersten Mal mehr als den Namen vernommen hatte, beschäftigte mich ungemein: Sein gegen Ende des 14. Jahrhunderts errichtetes Reich ging nach seinem Tod rasch unter, so war es in jedem Reiseführer nachzulesen. Warum auch immer, ich nahm es wortwörtlich, zumindest was seine Hauptstadt Samarkand betraf, das damalige, das eigentliche Samarkand; in meiner Vorstellung lag es seither unter einem Berg begraben. Und er selbst, Timur, wartete darin wie in einer Art zentralasiatischem Kyffhäuser auf den Tag, da er – nicht etwa als Friedenskaiser wie Barbarossa, sondern als Kriegskaiser sein Weltreich wieder errichten würde.
Wahrscheinlich war es ebenjene Urangst vor den Mongolen, den Hunnen, den Tataren – damals wußte ich die verschiedenen „Horden“ noch nicht zu unterscheiden –, daß ich gar nicht anders konnte, als an Stoff und Thema so lange dranzubleiben, bis ich mich davon durch Niederschrift befreit haben würde. Denn obwohl dies so schnell nicht gelingen wollte, war ich mir seltsam sicher, daß es irgendwann klappen würde, klappen mußte; und so zurückhaltend ich ansonsten meine literarischen Pläne preisgab, so bereitwillig schwadronierte ich von „Samarkand Samarkand“, wenn das Gespräch auch nur einen halbwegs geeigneten Vorwand dazu lieferte. Als ob ich all die mißglückten Versuche, den Stoff zu Papier zu bringen, durch mündliches Erzählen kompensieren wollte. Oder als ob ich mich dadurch zum Durchhalten zwingen wollte, um die endgültige Niederlage nicht irgendwann ebenso öffentlich reihum einräumen zu müssen. Bald hatte ich „Samarkand Samarkand“ auch gegenüber Lektoren oder Verlegern erwähnt, ja, den einen oder anderen Verlagsvertrag darüber abgeschlossen. Und dabei Vorschüsse eingestrichen, die ich dann mit anderen Büchern abgelten mußte. Je unschreibbarer der Roman wurde, desto beredter wußte ich ihn ersatzweise zu erzählen.
Zu schreiben versuchte ich ihn gleichwohl und immer wieder. Auch im Jahr 2000, als ich mit diesem Projekt zu Hoffmann und Campe kam, war ich wild entschlossen. Damit vor der nun endgültig anstehenden Niederschrift nichts mehr dazwischenkommen konnte, das die Inspiration möglicherweise von Samarkand hätte abziehen können, beschlossen wir, meine Frau und ich, unseren Urlaub in einem Land zu machen, das mich damals noch nicht sonderlich interessierte: Kuba. Bis zum vorletzten Tag ging der Plan blendend auf, dann … mußte ich dem Verlag beichten, daß es wieder einmal nichts werden würde mit „Samarkand Samarkand“.
Am 23. Januar 2013, gut 25 Jahre nach der ersten Notiz dazu, konnte ich endlich das fertige Manuskript an den Verlag schicken. Von der Ursprungsidee erhalten hat sich auf den ersten Blick erstaunlich wenig, jedenfalls wenn man vom Stoff her denkt. Und dennoch war das, was in der jetzigen Version eher am Rande verhandelt wird, stets das treibende Motiv. Illustriert wird das recht gut durch ein Photo, das ich erst spät – ich glaube: im August 2009 –in Samarkand entdeckte, prompt die ganze Nacht nicht schlafen konnte und es tagsdrauf erwarb.

Es ist von Max Penson (1893-1959) und zeigt einen namentlich nicht überlieferten Bewohner des Sowjetreiches, den der berühmteste Photograph Usbekistans ca. 1920-40 vor die Kamera bekam. Für mich war es freilich kein anderer als Timur, der da porträtiert worden, und ist es noch heute: derjenige im Berge, der seiner Wiederauferstehung entgegenlebt und -lacht oder auch -schreit, so genau ist das auf dem Bild ja nicht zu entscheiden. Das Photo stand seither auf meinem Schreibtisch, und als ich mich zum Jahreswechsel 2011/12 ein letztes Mal hinsetzte, um den Roman zu Papier zu bringen, schrieb ich gewissermaßen die ganze Zeit darauf zu. Vielleicht ist die Sache nur deshalb geglückt, weil in dieser Photographie der „Urschrecken“ meiner ursprünglichen Phantasien zum Ausdruck gebracht war und mich mit jedem Blick, den ich während des Schreibens darauf warf … jedenfalls nicht zur Ruhe kommen ließ. Als mir der Stoff Mitte 2012 erneut über den Kopf zu wachsen drohte, setzte ich anstelle der geplanten weiteren Bücher das Photo selbst, nämlich als abschließendes „Fünftes Buch: Tamerlans Gelächter“ – zugleich Schmerzensschrei, Triumphgeheul, ausbrechender Wahnsinn. Auf diese Weise konnte ich mich damit abfinden, daß ich das meiste auch diesmal gar nicht erzählt hatte; zum Glück, wie man mir versicherte – und wenige Tage, bevor das Manuskript tatsächlich in Satz ging, auch noch das Photo abhandelte und damit das „komplette“ Fünfte Buch.
Wie überraschend schnell diese 25 Jahre dann plötzlich zu Ende waren! Und nun? Es fühlt sich etwas merkwürdig an, fast so, als hätte ich mich im Verlauf der Zeit daran gewöhnt, dies ungeschriebene Buch mit mir herumzuschleppen und nie wieder loszuwerden; und als würde ich nun, da ich den Stoff tatsächlich und endgültig loslassen muß, bereits den Phantomschmerz spüren, der mich vielleicht die nächsten 25 Jahre begleiten wird.


»Matthias Politycki hat ein
überbordend entdeckungsfreudiges
und lustbetontes Verhältnis zur Welt.
Ein wirklich allmächtiger Erzähler.«

Hajo Steinert

Weiberroman (Neuauflage)

In 180 Tagen um die Welt

In 180 Tagen um die Welt

In 180 Tagen um die WeltDas Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl

erschienen/erscheint bei:

marebuchverlag, 3/08

384 S., gebunden, 184 farb. Abb.en, Karte, €24,90
ISBN 978-3-86648-080-3


Entstehungszeitraum: 12/09/2005 - 30/10/2007

Übersetzungen

englisch (englisch/english) 

Weitere Formate und Veröffentlichungen


In 180 Tagen um die Welt (Taschenbuchausgabe)
In 180 Tagen um die Welt (Taschenbuchausgabe)

November 2009, Goldmann


Klappenbroschur
392 Seiten
190 farbige Abbildungen
€ 12,00 [D] | € 12,40 [A] | CHF 22,90 (UVP)
ISBN: 978-3-442-47113-3

Bestellen bei amazon.de

Bestellen bei buecherknecht.de


Hörbuch "Das Schiff"
Das Schiff

Verlag Antje Kunstmann (Hörkunst Kunstmann), Erstverkaufstag 5.3.2008

Deutscher Hörbuchpreis

Nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2009


Laufzeit ca. 150 Minuten mit Musik
2 CDs: ca. Euro 19,90 (D) | 20,40 (A) | SFr 36,50
ISBN 978-3-88897-493-9
Ein Hörstück von Wolfgang Stockmann.
Logbuchtexte und Erzähler: Matthias Politycki.
In Zusammenarbeit mit Hapag-Lloyd Kreuzfahrten,
Crewmitgliedern und Passagieren der Europa während der
Weltreise 2006/2007
Bestellen bei Amazon.de
Zum Download bei audible.de

Über das Buch

„Fonsä, Veit, Wolfi, Zenz! Wenn ich’s nicht mit eignen Augen gesehen hätte, ich würde’s schier selber nicht glauben.“ Wer eine Reise auf dem besten aller Kreuzfahrtschiffe macht, der hat etwas zu erzählen; wer sie als einfacher Finanzbeamter aus dem bayerischen Oberviechtach antritt, den ein Lottogewinn an Bord geführt hat, der kommt aus dem Staunen so schnell nicht mehr heraus: Johann Gottlieb Fichtl, von seiner Tippgemeinschaft mit Motivkrawatten und einem „Aldi-Smoking“ aus dem Fundus des Bürgermeisteramtes für seine Reise ausgestattet, macht sich auf, die Welt im allgemeinen und – vom Penthousedeck bis hinunter in die Pumpensümpfe – die der Europa im besonderen zu erkunden.
In 184 Shortcuts berichtet er vom aberwitzigen Fünf-Sterne-Plus-Alltag an Bord und seinen nicht minder (aber-)witzigen Erlebnissen an Land: von Kapitänsdinner, Kaviar-Gala und Äquatortaufe, von der Meise, die im Haarnest einer Weltreisenden lebt, den Kielschweinen, die heimlich unter Deck gemästet werden (um dann beim „Bayerischen Frühschoppen“ mit allem Pomp verwurstet und verbraten zu werden), von der regelmäßigen Verklappung der Bordkunst, die in den Bojenbemalkursen des Bojenbemalkursleiters entsteht, von der Einnordung des Kapitänsstuhls in Tasmanien, einem unglaublichen Sprung von der Sydney Harbour Bridge und jenem legendären Konzert der Siebzehn Tenöre, bei dem das goldne Ohr des Klavierstimmers davonfliegt.
Die Reisegesellschaft entpuppt sich dabei mehr und mehr als spätdekadentes Kuriositätenkabinett, das auf einem schwimmenden Zauberberg unserer Zeit dem Rausch der Intrigen und Gerüchte frönt – und dabei grandios an Leben und Tod und all dem existentiellen Ernst vorbei feiert, dem auch die Europa auf ihrer Fahrt durch die sieben Weltmeere nicht entkommt. Dieser Fichtl aus Oberviechtach aber, der an Bord bald zu „einem Großen, einem ganz Großen“ hochgetuschelt wird, findet am Ende der Reise den Ort seiner Bestimmung: Für ihn hat das Abenteuer gerade erst begonnen.
Mit In 180 Tagen um die Welt hat Matthias Politycki den Schelmenroman des beginnenden 21. Jahrhunderts geschrieben: Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl ist eine kühne Tour de farce, auf der Politycki die Idiosynkrasien unserer Gesellschaft mit satirischer Brillanz in ihre Bestandteile zerlegt. Und für den Leser zu einer ganz und gar phantastischen Reise neu zusammensetzt.

Inhaltsverzeichnis


05.11.2006 Hamburg

06.11.2006 Istanbul / Türkei

07.11.2006 Trabzon / Türkei

08.11.2006 Sotschi / Russland

09.11.2006 Jalta / Ukraine

10.11.2006 Odessa / Ukraine

11.11.2006 Odessa / Ukraine

12.11.2006 Nesebur / Bulgarien

13.11.2006 Canakkale / Türkei

14.11.2006

15.11.2006 Marmaris / Türkei

16.11.2006 Rhodos / Griechenland

17.11.2006 Agios Nicolaos (Kreta) / Griechenland

18.11.2006

19.11.2006 Limassol / Zypern

20.11.2006

21.11.2006 Benghazi / Libyen

22.11.2006 Benghazi / Libyen

23.11.2006 Tripolis / Libyen

24.11.2006 Sousse / Tunesien

25.11.2006 Cagliari / Sardinien

26.11.2006 Mahon / Menorca

27.11.2006

28.11.2006 Cadiz / Spanien

29.11.2006

30.11.2006 Funchal / Madeira

01.12.2006

02.12.2006 Ponta Delgada / Sao Miguel / Azoren

03.12.2006 Horta/Faial / Azoren

04.12.2006

05.12.2006

06.12.2006

07.12.2006

08.12.2006 Hamilton / Bermudas

09.12.2006 St. George / Bermudas

10.12.2006

11.12.2006 Savannah / Georgia

12.12.2006 Savannah / Georgia

13.12.2006 Jacksonville / Florida

14.12.2006 Fort Lauderdale / Florida

15.12.2006 Nassau / Bahamas

16.12.2006 Cockburn Town / S. Salvador / Bahamas

17.12.2006

18.12.2006 Ocho Rios / Jamaika

19.12.2006 George Town / Grand Cayman

20.12.2006

21.12.2006 Key West / Florida

22.12.2006 Fort Lauderdale / Florida

23.12.2006

24.12.2006 Grand Turk / Turk and Caicos

25.12.2006 Cayo Levante / Dom.Rep.

26.12.2006 San Juan / Puerto Rico

27.12.2006 Gustavia / St. Barthélémy

28.12.2006 Basseterre / St. Kitts

29.12.2006 Virgin Gorda / Brit.Jungferninseln

30.12.2006 Santo Domingo / Dom. Republik

31.12.2006

01.01.2007 Montego Bay / Jamaika

02.01.2007 Cayman Brac / Cayman Islands

03.01.2007

04.01.2007 Progreso / Mexiko

05.01.2007 Progreso / Mexiko

06.01.2007 Progreso / Mexiko

07.01.2007 Playa del Carmen / Mexiko

08.01.2007 Belize City / Belize

09.01.2007 Puerto Cortez / Honduras

10.01.2007

11.01.2007 Puerto Limon / Costa Rica

12.01.2007 Cristobal (Colon) / Panama

13.01.2007 Balboa (Panama City)

14.01.2007 Puntarenas / Costa Rica

15.01.2007 San Juan del Sur / Nicaragua

16.01.2007 Acajutla / El Salvador

17.01.2007 Puerto Quetzal / Guatemala

18.01.2007

19.01.2007 Acapulco / Mexiko

20.01.2007

21.01.2007 Puerto Vallarta / Mexiko

22.01.2007

23.01.2007

24.01.2007

25.01.2007

26.01.2007

27.01.2007

28.01.2007 Taiohae / Nuku Hiva

29.01.2007 Atuona / Hiva Oa

30.01.2007

31.01.2007 Rangiroa / Tuamotu

01.02.2007 Bora Bora / Gesellschaftsinseln

02.02.2007 Moorea / Gesellschaftsinseln

03.02.2007 Papeete / Tahiti

04.02.2007

05.02.2007 Rarotonga / Cook Islands

06.02.2007 Aitutaki / Cook Islands

07.02.2007

08.02.2007

09.02.2007 Neiafu Vava’u / Tonga

10.02.2007 Nuku’alofa / Tonga

11.02.2007

12.02.2007

13.02.2007 Bay of Islands / Neuseeland

14.02.2007 Auckland / Neuseeland

15.02.2007 Tauranga / Neuseeland

16.02.2007 Gisborne / Neuseeland

17.02.2007 Lyttelton / Neuseeland

18.02.2007

19.02.2007 Lyttelton / Neuseeland

20.02.2007 Wellington / Neuseeland

21.02.2007

22.02.2007 Milford Sound / Neuseeland

23.02.2007

24.02.2007

25.02.2007 Sydney / Australien

26.02.2007 Sydney / Australien

27.02.2007 Eden / Australien

28.02.2007

01.03.2007 Hobart / Tasmanien

02.03.2007 Launceston / Tasmanien

03.03.2007 Cowes/Phillip Island / Australien

04.03.2007 Melbourne / Australien

05.03.2007 Adelaide / Australien

06.03.2007

07.03.2007 Kingscote / Kangaroo Isl. / Australien

08.03.2007

09.03.2007

10.03.2007 Albany / Australien

11.03.2007 Fremantle / Australien

12.03.2007 Fremantle / Australien

13.03.2007 Geraldton / Australien

14.03.2007

15.03.2007 Monkey Mia/Shark Bay / Australien

16.03.2007

17.03.2007 Broome / Australien

18.03.2007

19.03.2007 Lombok / Lembar

20.03.2007

21.03.2007 Semarang / Java / Indonesien

22.03.2007 Jakarta / Java / Indonesien

23.03.2007

24.03.2007 Singapur

25.03.2007 Singapur

26.03.2007

27.03.2007 Phuket / Thailand

28.03.2007 Port Blair / Andamanen / Indien

29.03.2007

30.03.2007

31.03.2007

01.04.2007 Cochin / Indien

02.04.2007

03.04.2007 Mumbai (Bombay) / Indien

04.04.2007

05.04.2007

06.04.2007 Dubai / Ver. Arab. Emirate

07.04.2007 Dubai / Ver. Arab. Emirate

08.04.2007 Bandar Abbas / Iran

09.04.2007 Fujairah / Ver. Arab. Emirate

10.04.2007 Muscat / Oman

11.04.2007

12.04.2007 Salalah / Oman

13.04.2007

14.04.2007 Aden / Jemen

15.04.2007 Hodeidah / Jemen

16.04.2007

17.04.2007

18.04.2007 Aqaba / Jordanien

19.04.2007 Sharm el Sheik / Ägypten

20.04.2007 Hurghada / Ägypten

21.04.2007

22.04.2007 Port Said / Ägypten

23.04.2007 Limassol / Zypern

24.04.2007 Paphos / Zypern

25.04.2007 Antalya / Türkei

26.04.2007 Antalya / Türkei

27.04.2007

28.04.2007 Nauplia / Peloponnes / Griechenland

29.04.2007 Volos / Griechenland

30.04.2007 Delos / Myconos / Griechenland

01.05.2007 Agios Nikolaos / Kreta

02.05.2007

03.05.2007 Catania / Sizilen / Italien

04.05.2007 Capri / Italien

05.05.2007 Olbia / Sardinien / Italien

06.05.2007 Livorno / Florenz / Italien

07.05.2007 Hamburg

Leseprobe

113. Tag (25.2.07): Sydney/Australien, Ankunft 7:00

Ein erster Blick: aufs Opernhaus
Das Wetter um 6:00: 21,5° C, 90%, SSW 4-5, bedeckt; 328 sm

Der fliegende Dieter. Endlich mal wieder eine richtige Stadt, die schönste Ex-Strafkolonie der Welt! Schon bei der Einfahrt; erst recht von unserm Liegeplatz aus, genau gegenüber der Oper! Schräg hinter uns spannt sich, eine 500m breite Stahlkonstruktion, 134m hoch, die Sydney Harbour Bridge wahrzeichenhaft zum andern Ufer. Knut Edler von Hofmann: Liegegebühr pro Tag hier 100.000 €! Wohingegen wir von den Behörden mancher lateinamerikanischen Häfen sogar bezahlt werden, wenn wir anlegen. Wir nicken einander nur zu, mögen andre heute in die Blue Mountains fahren, wir bleiben hier, unter dieser gewaltigen Brücke. Das heißt … Nach kurzer Abstimmung beschließen wir, den „You will never forget the Climb of your Life“ zu machen, für 189 Australdollar. Sicherheitseinweisung, Alkoholtest, Frau Riebenstein, die seit Istanbul keinen Champagnerempfang ausgelassen hat, wird heimgeschickt. Neueinkleidung mit Overalls durch den „Tour Guide“, Eingurten, Halfter-Anlegen, entschlossen beißen wir auf unsre Trensen. Am Metalldetektor wird Herr Laufkötter ausgesondert, nach dem „Climb Simulator“ Herr Gubick kreidebleich, läßt sich noch schnell eine Windel bringen. Entschuldigend: „Falls ich mir vor lauter Freude in die Hose mache!“ Ein letzter Blick auf den Monitor: Die Windgeschwindigkeit auf der Brücke 24,8 km/h, Luftfeuchtigkeit 100%. Nach einer Dreiviertelstunde Vorbereitung endlich raus und rauf in die genieteten Stahlträger; am ersten Gitterrost, durch den man tief unter uns die Hafenfähren sieht, bricht Frau Laufkötter in Tränen aus und muß zurückgeführt werden. Nach eineinhalb Stunden am höchsten Punkt, zwischen den beiden Flaggenmasten: „Enjoy the view“, unsre Hütte leuchtend weiß am Kai schräg unter uns, angenehme leichte Brise. Wostock mißbraucht den Moment für einen Urschrei; Herr Gubick übergibt sich; Professor Billhardt zettelt eine Diskussion darüber an, ob Sydney wirklich die schönste Stadt der Welt sei (oder doch Kapstadt, Hongkong, Münster); ich: glaube meinen Augen nicht zu trauen – unter uns, auf dem Kai, das ist doch Lena, und neben ihr Konsul Walder? Nur Herr Drescher vollkommen gelöst, beiläufig spannt er seinen MS-EUROPA-Schirm auf, den er durch sämtliche Kontrollen gebracht hat, fragt mit seinem verschmitzten Lächeln, ob uns die Geschichte vom fliegenden Dieter bekannt sei, versteht unsre Antworten natürlich nicht, wünscht uns „noch einen wunderschönen Nachmittag“, klinkt sich vom Sicherungsseil los, schwingt sich übers Geländer. Wie er so davonschwebt, mit einem Arm am Schirm hängend, mit dem andern winkend, scheint er ein glücklicher Mensch zu sein. Dreht eine Runde über unsrer Hütte, landet auf dem Lido-Deck, wahrscheinlich direkt auf einem Barhocker an der Waffelbar. Frau Lührmann: „Ob er das auch mit einem normalen Schirm geschafft hätte?“

Hörproben

Pressestimmen

„Einer der schönsten Schelmenromane unserer Zeit. (…) Was an Tischen, Tafeln und Tresen passiert? Unfassbar, skurril, schrill und irgendwie bemitleidenswert. Aber immer höchst amüsant“

(Elke Schlinsog, Radio Bremen, 1/12/10)

„Lauter schräge Beobachtungen vor und hinter den Kulissen, so dicht ins Seemannsgarn seiner [Polityckis] bestrickenden Fantasie gesponnen, dass man bald Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr auseinander hält.“

(Birgit Eckes, Bergischen Landeszeitung, 14/10/10)

„Politycki bildet in seinem Bericht nicht nur die unterschiedlichen Charaktere und Stimmungen an Bord ab, sondern erweckt beim Leser auch stets das Gefühl, selbst auf einer Seereise zu sein. Mehr Unterhaltung kann man von einem solchen Buch nicht erwarten: Polityckis ‚In 180 Tagen um die Welt‘ ist unsere uneingeschränkte Lese-Empfehlung für die Ferienzeit!“

(belletristiktipps.de, 31/1/10)

„Die Geburt des Schelmenromans aus dem Geist des Pauschalurlaubs!“

(Armin Kratzert, Lesezeichen/BR, 2/8/09)

„Das Gegenteil von wahr ist nicht immer gelogen sondern im besten Fall gute Literatur.“

(Sylvia Floetemeyer, Südkurier, 20/4/09)

„ein sprachlich ebenso exzellentes wie einfühlsames und von psychologischer Finesse sowie gleichnishafter Tiefgründigkeit erfülltes Werk“
(Johannes Zoller, Neue Westfälische, 28/3/08)

„Absolut unterhaltsam und allen Beständen sehr zu empfehlen.“
(Josef Schnurrer, Borromäusverein, 2008, Zur Rezension)

„hält unserer Gesellschaft mit satirischer Brillanz den Spiegel vor“

(Brigitte Young Miss, www.bym.de, 1/12/08)

„angenehm bissig“

(Elmar Schilling, Ahlener Zeitung, 30/11/08)

„Umwerfend komisch, mit dem richtigen Schuß schwarzen Humors, liest sich Matthias Polityckis neuer Schelmenroman ‚In 180 Tagen um die Welt‘.“

(Monika Sotern, Schwäbische Zeitung, 20/11/08)

„Mit Meisterhand webt Politycki Seemannsgarn, verwebt es aber zugleich mit einem kritischen Blick auf die ‚wirklichen‘ Probleme der vornehmlich deutschen High Society. (…) Jeden Tag beschränkt er seine Niederschrift auf zwei Seiten – eine Kürze, (…) der die unglaubliche Dichte dieses Werks zu verdanken ist.“

(Bea Lederer, Passauer Neue Presse, 19/11/08)

„’In 180 Tagen um die Welt‘ heißt das Buch, mit dem Matthias Politycki in diesem Jahr die Herzen der Kritiker gekapert hat. Presse, Rundfunk, Fernsehen – überall ertönten die gleichen Stimmen: Hier begegnet ein Glücksfall in Buchform. Da schrieb jemand über die Menschen an Bord eines Traumschiffs und heraus kam eine atemberaubend amüsante Satire über unsere Gesellschaft.“

(Jörg Büsche, Südkurier, 15/11/08)

„ein außergewöhnlicher Roman (…). Dabei halten sich phantasievolle Dichtung und manch wahre Begebenheit die Waage. Und allmählich bildet sich eine ganz eigene Wahrheit aus diesem Konglomerat.“

(Martina Kramer, Fränkische Landeszeitung, 13/11/08)

„(eine) brillante Satire (…), wunderbar skurril (…), ironisierend, aber nie gemein oder abwertend“

(Rheinpfalz, 3/11/08)

„von erlesener Komik“

(Jens Sparschuh, Tagesspiegel, 19/10/08)

„schrullige Kreuzfahrer in ihrem extravaganten Parallel-Universum (…), bei dem man Fakt und Fiktion kaum mehr auseinanderhalten kann“

(Andrea Herdegen, Frankenpost, 24/9/08)

„vergnüglich und informativ“

(Erwin Riess, Die Presse, 6/9/08)

„Nie war Seemannsgarn so amüsant.“

(Juliane Sattler, Hessen-Nassauische Zeitung, 12/8/08)

„ein wortmächtiger und bilderreicher Schelmenroman, eine Weltchronik voller normaler Verrücktheiten“

(Hessische Allgemeine, 9/8/08)

„ein herrlich komischer Roman“

(Südwest-Aktiv, 4/8/08)

„ein ganz tolles Buch“

(Inka Schneider, DAS!/NDR, 4/8/08)

„Ein wunderbar unterhaltsames Buch, das sich auch für einen Urlaub mit Kindern eignet, weil es in 184 Kurzkapitel eingeteilt ist und damit auch in kleinen Häppchen zu lesen ist.“

(Wolfgang Bölli, Esslinger Zeitung, 29/7/08)

„ein perfekter Reisebegleiter für den Sommerurlaub“

(Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 30, 25/7/08)

„ein Roman wie, wir zitieren aus dem Menü, eine süße Tahitivanillecreme im Knusperbeißholz“

(Gerald Giesecke, ZDFdokukanal, 12/7/08)

„das perfekte Modell der globalisierten Welt an sich (…), ein von beißender Ironie bestimmtes Sittengemälde“

(Bernhard Setzwein, Der Neue Tag, 10/7/08)

„eine kunterbunte Melange aus wahren Fakten und fein gesponnenem Seemannsgarn“

(Uli Hauck, Bücherlese/SR 2 KulturRadio, 5/7/08)

„Nehmen Sie dieses Buch mit in den Urlaub – Sie lachen sich kaputt! (…) Herrlich zu lesen.“

(Elke Heidenreich, Lesen!/ZDF, 4/7/08)

„Die Verführung, sich einige von den Wortkreationen des Autors anzueignen und sie bei der einen oder anderen Gelegenheit als eigene einfließen zu lassen, gar ganze Episoden zum besten zu geben, bleibt bis zur letzten Seite groß. (…) Sowohl brüllend komisch (geschrieben), gleichzeitig jedoch mit großer innerer Distanz. Das macht die Lektüre nicht nur zu einer kurzweiligen Unterhaltung, sondern nachdenkenswert. Ein bewundernswerter Balanceakt!“

(Irene Pietsch, missler, Juni 2008)

„Macht Lust auf Urlaub“

(Lenz, Juni 2008)

„Amüsantes Logbuch, das genüßliche Sozialphobien rechtfertigt.“

(Pia Heinemann, Welt am Sonntag, 22/6/08)

„Es ist ein großer Spaß, die Romane von Verne [In 80 Tagen um die Welt] und Politycki nebeneinander zu lesen. Vielleicht werden die Literaturwissenschaftler irgendwann einmal von den ‚intertextuellen Bezügen‘ zwischen beiden Büchern schwärmen, für den Leser sind die vielen kleinen Parallelen und gezielten Kontraste heute schon der Quell eines großen Vergnügens. (…) Politycki ist ein Meister der gefundenen oder auch erfundenen Anekdote. Sein nur durchs Glück im Spiel unter die happy few geratener Finanzbeamter Johann Gottlieb Fichtl bestaunt als ein zeitgenössischer Simplicissimus die Rituale der Reichen und der Superreichen – doch beschreibt er sie nicht mit Neid oder Zorn, sondern eher mit einer wilden Freude am Abwegigen und Kuriosen. Wer will, kann Fichtls Logbuch mit seinen täglichen Einträgen auch als eine Sammlung von Kolumnen lesen. Und wie alle guten Kolumnisten hat Matthias Politycki jede einzelne seiner Arbeiten mit zahllosen Einfällen, Pointen und Wortspielereien sowie mit Querverweisen auf frühere Einfälle, Pointen und Wortspielereien hochgradig angereichert. Derart dichte Texte eignen sich allerdings nicht gut dazu, in hohem Tempo gleich dutzendweise gelesen zu werden. Man sollte sie lieber in Ruhe und in wohl bemessenen Häppchen genießen wie sehr gehaltvolle Speisen.“

(Uwe Wittstock, Die Welt, 21/6/08)

„ein witziges, hintergründiges Schiffstagebuch“

(Sabine Schmidt, Bücher, Juni/Juli 2008)

„amüsant satirisch“

(Doris Schlimnath, dpa, 9.6.08)

„ein wunderbares Buch“

(Volker Albers, Hamburger Abendblatt, 22.5.08)

„eine unnachahmliche Satire auf den aberwitzigen 5-Sterne-plus-Alltag an Bord und die nicht minder (aber-)witzigen Erlebnisse an Land (…), die man als Parabel lesen wie auch als Training für ähnliche Reisen nehmen kann.“

(Christian v. Zittwitz, Focus, Nr. 19/19.5.08)

„gewitzt überzeichnet“

(GEOSaison, Mai 2008)

„Allegorie einer versnobten, entrückten Oberschicht“

(Jörg Scheller, Stuttgarter Nachrichten, 9.5.08)

„beste Unterhaltung“

(Frank Schorneck, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 7.5.08)

„fabelhaft humorvoll erzählt (…), 184 verrückte, witzige, unglaubliche Tage auf See (…), durchsetzt von umwerfenden Bildern, bei denen sich der Leser von den regelmäßig sich einstellenden Lachanfällen erholen kann. (…) Ein kleiner Verdacht drängt sich freilich auf: So lustig, so urkomisch und unterhaltsam ist in den seltensten Fällen reine Phantasie.“

(Landsberger Tagblatt, 5.5.08)

„Witzig!“

(Freundin, 7.5.08)

„das Welttheater der Affekte – und immer in der ersten Reihe sitzen (…): eine wunderbare Schelmengeschichte“

(Silke Behl, Dichter am Meer/RadioBremen, 4.5.08)

„Matthias Polityckis Buch sei jedem Kreuzfahrttouristen ans Herz gelegt, der über das Vermögen der Selbstironie verfügt und sich jenseits bloßen Wellness-Eskapismus‘ ein wenig für den Mikrokosmos der Luxusschifferei und die Auswüchse dieser mondänen Weltfluchten interessiert.“

(Bernd Blaschke, Glanz und Elend. Magazin für Literatur und Zeitkritik. www.glanzundelend.de, 5/08)

„ein schier unerschöpfliches Repertoire an Phantasie und hintergründigem Humor (…), ein satirischer Schelmenroman, der die Welt auf dem Schiff als Spiegel der Gesellschaft brillant darstellt.“

(Michael G. Fritz, Dresdner Neueste Nachrichten, 6.5.08)

„ein skurriles Cruise-Universum samt Kreuzfahrergarn und überdrehtem Personal“

(Abenteuer & Reisen, 5/08)

„eine ganz große Gesellschaftssatire, die die dekadente Oberschicht mit beißendem Humor analysiert“

(Daniela Veugelers, Grenzland-Nachrichten, 1.5.08)

„ein großes Panoptikum an Figuren, das dank realer Vorbilder sehr lebendig ausfällt“

(Angela Wilms-Adrians, Rheinische Post, 1.5.08)

„ein Satiriker von Rang“

(Claus Röck, NDR Kultur/Sonntagsstudio, 27.4.08)

„Ein vergnüglicher Einblick in den absurden Mikrokosmos Kreuzfahrtschiff!“

(Deutsche Welle, dw-world.de)

„fantastisches Amüsement“

(Rheinische Post, 25.4.08)

„ein bissiges Buch (…), die unglaubliche Reise auf einem total verrückten Dampfer (…), ein tiefer Einblick in den Mikrokosmos an Bord. (…) Selten haben in einem Reisebuch die Themen Ortswechsel und Ironie so unterhaltsam zueinandergefunden. Matthias Politycki erweist sich als virtuos übertreibender Chronist und Sprachhumorist.“

(Till Bartels, stern.de, 24.4.08)

„so verrückt und komisch, daß man schon reflexartig zum Lachen verdonnert wird“

(Matthis Dierkes, Westfälische Rundschau, 22.4.08)

„Die Gesellschaft bzw. die ‚Kreuzfahrtfamilie‘ der ‚Hütte‘, so nennnen die Passagiere den Luxusliner MS Europa, kommt daher wie ein Riesencampingplatz mit Kaviar, Hummer, Pool und prominenten Gästen (…) – ein Feuerwerk an Satire“

(www.buecherschaetze.de, 17.4.08)

„Wenn einer eine Reise macht, kann er also viel Seemannsgarn erzählen – und der Witz dieses Romans besteht auch darin, nie zu wissen, wann man von ihm umsponnen wird. (…) Politycki ist ein Satiriker, dessen Humor nichts entkommt.“

(Harald Ruppert, Südkurier, 18.4.08)

„Mit feinem Humor erzählt“

(NDR 1 Online, 16.4.08)

„Komik und Anspruch“

(Neue Presse, 16.4.08)

„Was Ernst, was Satire, was Wirklichkeit, was Phantasie, weiß bald keiner mehr. Sicher ist nur, daß Matthias Politycki seinen Freifahrtschein weidlich genutzt hat: Ihm, der sich in Fichtls Logbuch als ‚Schiffsschreiber Ingo Jonatzki‘ auch selbst auf die Schippe nimmt, ist eine humorvolle Weltbeschreibung und amüsante Gesellschaftssatire gelungen. Er führt ferne Länder im Zeitalter globaler Gleichmacherei ebenso vor wie eine soziale Schicht, die man als dekadent verurteilen und um ihren Müßiggang beneiden kann – und die in den Augen mancher Ausländer vielleicht für ganz Deutschland steht.“

(Peter Köhler, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 15.4.08)

„eine großartige Satire“

(Christoph Schröder, Journal Frankfurt, 9/08, 18.4.08)

„Ganz nebenbei erweist sich sein (M.P.s) Buch als augenzwinkernde Reminiszenz an den alten Topos des Narrenschiffs, der auf Sebastian Brant zurückgeht (…). Indem Politycki das Genre konsequent ins Slapstickhafte, Burleske hineinschraubt, entlarvt er den Mythos Kreuzfahrt als absurdes Relikt eines bürgerlichen Pseudo-Feudalismus.“

(Alexander Altmann, Nürnberger Nachrichten, 14.4.08)

„ein bissiger, von der Kritik gefeierter Roman (…), ein Leuchtfeuer der Pointen“

(Alexander Mayer, MDR Figaro/Figaro am Vormittag, 12.4.08)

„ein begnadeter Satiriker (…), Politycki verfügt über Witz und eine feine Beobachtungsgabe“

(Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.4.08)

„eine Farce à la Monty Python (…), Slapstick und Kalauer à la ‚Marx Brothers auf See’“

(Lutz Bunk, Deutschlandradio Kultur/Radiofeuilleton, 10.4.08)

„ein Roman über den Mikrokosmos Schiff (…), prallvoll mit komischen Beobachtungen“

(Jürgen Köhler-Götze, Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide, 8.4.08)

„Ein Reisebericht wäre sicherlich nicht annähernd so kurzweilig.“

(Beke Heeren-Pradt, Wiesbadener Kurier/Wiesbadener Tagblatt, 5.4.08)

„Man lacht Tränen und ahnt: Das hat der Mann garantiert nicht alles erfunden.“

(Für Sie, Heft 8/April 2008)

„Insiderberichte aus der Küßchen-hier-Küßchen-da-Gesellschaft, die so gut erfunden sind, daß man sie glatt für wahr halten könnte“

(Bielefelder, April 2008)

„ein satirischer Roman, der die Leser mit einem täglichen Pointen-Taifun fordert und mit wunderbaren Sprachschöpfungen amüsante Einsichten ins – wohlgemerkt fiktive – Bordleben bietet.“

(Martina Scherf, Süddeutsche Zeitung, 2.4.08)

„eine saukomische Kreuzfahrt-Groteske (…). Auch eingefleischte Landratten, die Backbord und Steuerbord verwechseln, können an dieser wahnwitzigen Dampferplauderei ihre helle Freude haben. Denn wer mit Fichtl auf große Fahrt geht, wird auf den Wellen der Fabulierkunst so angenehm verschaukelt, daß er sich eine echte Kreuzfahrt samt Seekrankheit sparen kann.“

(Alexander Altmann, tz, 1.4.08)

„unterhaltsamer Irrsinn (…), umrahmt von rabenschwarzer Sozialkritik“

(Volker Isfort, Münchner Abendzeitung, 2.4.08)

„Wer wissen will, was sich an Bord alles so tun könnte, während man gerade nicht hinschaut, hat mit Matthias Politycki (…) den perfekten Reisebegleiter gefunden. (…) ‚In 180 Tagen um die Welt’ ist ein amüsantes, freches Stück Prosa (…) voller umwerfend komischer und verblüffend aufschlußreicher Beobachtungen. (…) Nicht nur Pflichtlektüre für jeden Kreuzfahrtgast, sondern auch beste Unterhaltung für Landratten.“
(Ira Panic, Azur – Das Kreuzfahrtmagazin, Nr.2/2008)

„Politycki schönt nichts (…) und am Ende der Lektüre wird man entweder allein bei dem Gedanken an eine Kreuzfahrt schon klaustrophobisch oder man will sie unbedingt selbst erleben.“
(Wolfgang Herles, ZDF/aspekte, 28.3.08)

„‚In 180 Tagen um die Welt’ ist das Buch zur Kreuzfahrt.“
(Park Avenue, 4/April 2008)

„entwickelt eine ungeheure Sogwirkung, man möchte von einer Episode so schnell wie möglich zur nächsten weiterlesen“
(Uli Biermann, WDR 3/Resonanzen, 17.3.08)

„(eine) vor Wortwitz geradezu sprühende Satire (…) Polityckis Roman startet grandios, mit Verve und einer gehörigen Portion Aberwitz.“
(Sebastian Karnatz, Titel-Magazin, www.titel-forum.de, 17.3.08)

„Man staunt nicht schlecht, was so alles an Seemannsgarn und Absurditäten auf der Tagesordnung eines Luxusliners stehen. Der Mikrokosmos der ‚MS Europa‘ offenbart sich hier in spitzfindigen Beobachtungen, abstrusen Szenarien und hochamüsanten Begebenheiten. (…) Nicht nur deshalb verdient dieser Roman das Prädikat ‚lesenswert‘.“
(Deborah Schamuhn, hr-online, 17.3.08)

„Ein großartiges Buch – decken Sie sich ein!“
(Denis Scheck, ARD/Best of ttt, Leipziger Buchmesse Special, 15.3.08)

„spannend und komisch“
(Matthias Zwarg, Freie Presse, 17.3.08)

„Deutschland im Kleinen, in all seiner Spießigkeit, Skurrilität und vielleicht auch in seiner Liebenswürdigkeit“
(MDR Figaro, 15.3.08)

„ein erhellendes, ein ironisches Kreuzfahrertagebuch“
(Uwe Kossack, SWR 2, 15.3.08)

„eine Gesellschaftssatire mit ganz viel Naß drum herum“

(Melanie Thun, NDR-Kulturjournal, 10.3.08)

„ein charmantes Buch (…), eine lohnende Lektüre, nicht nur für Kreuzfahrer und Weltreisende“
(Heide Soltau, NDR-Info/Buch der Woche, 11.3.08)

„Eine Traumschiffreise in Buchform (…) zwischen Lachspastetchen und Leberschaden.“
(Julia Westlake, NDR Kulturjournal, 10.3.08)

„Ganz großes Gesellschaftskino (…), so tiefgründig wie unterhaltsam (…), ein Vergnügen“
(Welt am Sonnntag u. Berliner Morgenpost, 9.3.2008)

„Eine Kreuzfahrt, die ist lustig – zumindest, wenn sie von einem Autor wie Matthias Politycki humoristisch aufbereitet wird. (…) vergnügliche Einblicke in den Mikrokosmos Kreuzfahrt“
(Jenny Hoch, Der Spiegel Nr. 11/10.3.08)

„Schwarzer Humor de luxe (…), mit diabolisch spitzer Feder verfaßt. (…) Wenn der Autor die Dauerdekadenz und sanfte Bespaßung zum satirischen Wahnsinn überhöht, nimmt sein Schelmenroman rasch Fahrt auf. (…) Die formale Strenge des Logbuchs – zwei Seiten pro Tag und ein Foto – steht im hübschen Kontrast zu all den Wortneuschöpfungen, die viel subtilen Witz transportieren. Politycki ist eine groteske Deluxe-Variante von ‚Herr der Fliegen’ gelungen.“
(Birgit Reuther, Hamburger Abendblatt, 8./9.3.08)

„schillernd und skurril“
(Klaus Reichert, Hessischer Rundfunk/hr1-Meridian, 6.3.08)

„ein Sperrfeuer von Satire, (…) eine Art Kaviar-Kammerspiel auf hoher See, (…) ein Pointen-Powerplay“
(Gerald Giesecke, ZDF/aspekte-online, 29.2.08)

„Ob sich die Verantwortlichen (bei Hapag-Lloyd) die bissige Geschichte gewünscht haben, die es letztlich wurde, weiß man nicht. (…) Macht irgendwie Lust auf me(e)hr …“
(Kreuzfahrtlogbuch.de, 29.2.08)

„Freuen Sie sich auf die Satire ‚In 180 Tagen um die Welt’ von Matthias Politycki. (…) Unnachahmlich!“
(Christian von Zittwitz, BuchMarkt 2/08)

Das Schiff

Die MS EUROPA ist das Flaggschiff der Hapag-Lloyd Kreuzfahrtflotte.


Fichtls Fahrt: Die Route



Interviews

„Seemannsgarn vom Schiffsschreiber“
mehr

„Ein Greenhorn auf hoher See“
mehr

„Sie müßte nirgendwo halten“
mehr

Der schwimmende Gesellschaftsroman
mehr

Videos

Elke Heidenreich in ihrer Sendung „Lesen!“ über den Roman.

Herr der Hörner

Herr der Hörner

Herr der Hörner

erschienen/erscheint bei:

Hoffmann und Campe, 9/2005

735 Seiten, gebunden
Mit Karten & Lesezeichen
Verlag Hoffmann und Campe
ISBN (10) 3-455-05892-2
ISBN (13) 978-3-455-05892-5
€ 25,– [D]
€ 25,70 [A]
sFr 43,90

Entstehungszeitraum: 23/06/2001 - 27/04/2005

Weitere Formate und Veröffentlichungen


Herr der Hörner (Taschenbuchausgabe)
Herr der Hörner (Taschenbuchausgabe)
Taschenbuchausgabe
Goldmann
Preis: EUR 9,95
Broschiert: 831 Seiten
ISBN-10: 3442462819
ISBN-13: 978-3442462810

E-Book "Herr der Hörner"
Herr der Hörner

Als E-Book am 22.7.2013 erschienen bei Hoffmann und Campe
Dateigröße: 5 MB
Seitenzahl der Printausgabe: 736 Seiten
€ 5,99



Kindle-Edition bei amazon.de: http://www.amazon.de
EPUB bei buecher.de: http://www.buecher.de
iTunes: https://itunes.apple.com


Textauszug u.d.T. "Fahler Fleck im Auge" in: Hubert Winkels (Hg.): Beste deutsche Erzähler 2004. München (DVA) 2004; Auszug u.d.T. "Nie wieder Deutschland. Abschiedsgesang des Herrn Broder Broschkus" in: Süddeutsche Zeitung, 9/1/04; Auszug u.d.T. "Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus" in: ADAC-Sonderheft "Hamburg", 3/04; auszugsweise gesendet im Deutschlandfunk (Lesezeit), 8+15/6/05; Textauszug in: Volltext. Zeitung für Literatur. Nr. 4/2005

Über das Buch

Mit drei rätselhaft beschrifteten Zehnpesoscheinen in der Tasche macht sich Broder Broschkus auf nach Santiago de Cuba. Dort, im schwarzen Süden der Insel, sucht er eine Frau, von der er nur eines weiß: Bei einer flüchtigen Begegnung hatte sie ihm einen der drei Geldscheine zugespielt – aber welchen?
Im Verlauf seiner Suche erkundet Broschkus erst das weltliche, bald auch das religiöse Leben der Stadt: Hunde- und Hahnenkämpfe, Exhumationen und Hausschlachtungen üben eine rätselhafte Faszination auf ihn aus, zunehmend auch die afrokubanischen Kulte, denen man nicht nur in den Elendsviertels anhängt. Ganz Santiago des Cuba scheint von etwas Dunklem beherrscht, über das zwar keiner reden will, auf dessen Spuren Broschkus nichtsdestoweniger immer häufiger stößt. Daß die gesuchte Frau damit in Verbindung steht, wird Broschkus bald klar; wie sehr sie freilich Werkzeug oder gar Verkörperung des Bösen ist, ahnt er nicht.
Um diesen Roman schreiben zu können, mußte Matthias Politycki tief in die Ritualwelt der afrokubanischen Religionen eintauchen. „Herr der Hörner” zeichnet ein genau recheriertes Bild des harten kubanischen Alltagslebens, kreist in seiner Tiefe jedoch um existentielle Fragen: um eine Abrechnung mit den Dekadenzsymptomen eines im Niedergang begriffenen Deutschland; um den Überlebenskampf eines aufgeklärten Europäers in einer archaisch „afrikanischen” Welt, die mit all ihren Grausamkeiten auch eine umfassende religiöse Geborgenheit verbürgt; um Grenzerfahrungen des Glaubens, die selbst vor einem Menschenopfer nicht zurückschrecken.

Leseprobe

Kapitel I: Fahler Fleck im Auge

Das Helle vergeht,
doch das Dunkle, das bleibt. Als Broder Broschkus, erklärter Feind allen karibischen Frohsinns, die Stufen zur „Casa de las tradiciones“ hochschwitzte, hinter sich eine Frau, die er in dreizehn wunderbaren Ehejahren so gut wie vergessen hatte, beherrschte er nach wie vor nur zwei spanische Vokabeln, „adios“ und „caramba“ – ja/nein, links/rechts und die Ziffern von eins bis zehn mal nicht mitgezählt. In stummer Empörung die Blechfanfaren registrierend, die ihm auch hier entgegenfuhren, überschlug er die Stunden, die bis zum Heimflug noch zu überstehen waren, keine geringe Lust verspürend, dem Türsteher anstelle des geforderten Touristendollars einen Tritt zu verpassen; daß er sich auf dieser Treppe knapp zwei Stunden später seinem Tod entgegenstürzen sollte, konnte er ja nicht ahnen. Am Ende eines Pauschalurlaubs war‘s, die Koffer bereits gepackt und kurz vor zwölf, an einem Samstag mittag unter farblosem Himmel.
Welch Kühle dann aber drinnen, wie dämmerdunstig das Licht! Obwohl der Schlagwerker mit Lust auf einen Pferdeschädel schlug, was ein scharfes Rasseln der Kiefer erzeugte, obwohl der Bassist die Lippen an die Wölbung eines Tonkrugs legte, um mit dicken dunklen Fingern aus dessen Öffnung Töne hervorzuzupfen, obwohl der Rest der Kapelle mit Inbrunst in diverse Tröten stieß, hingen die Einheimischen schlaff in ihren Schaukelstühlen, nippten aus weißen Plastikbechern, rauchten Zigarren, die einer der ihren inmitten des Raumes für sie drehte: Als er seinen Kopf hob, um Broschkus einen Blick lang zu mustern – die andern schienen ihn überhaupt nicht wahrzunehmen –, war sein tiefschwarzes Gesicht von Falten überstrahlt. Lediglich ein paar kleine Kinder, so sie nicht zwischen den kuhfellbespannten Hockern Verstecken spielten, hinter den gedrungnen Rumfässern, die als Tische dienten, lediglich ein paar Kinder tanzten direkt vor den Musikern, gleichgültige Mienen machend und interessierte Hüftbewegungen. Das also war sie, die berühmteste Kneipe Santiagos, von der ihm Kristina aus dem Reiseführer vorgeschwärmt hatte, ein krönender Kontrapunkt zu Palmen, Wasser, Sand, und bestimmt würde sie das alles gleich „toll“ finden, „wahnsinnig aufregend“. Nach Verfaulendem roch’s, wahrscheinlich vom Hinterhof her Hühnerschenkel oder tote Katze, nach verschüttetem Rum roch’s und verschwitzten Schuhen, schwadenweise auch nach Frittieröl und schwerem Parfum, ein feiner Faden Urin zog sich, scharf und präzis, bis in einen rückwärtigen Raum, wo Dominospieler stumm auf die Steine starrten. Wenn durch die Fensteröffnungen nicht gerade warm ein Windstoß gefahren wäre, Broschkus hätte sicher auf der Stelle kehrtgemacht.
So aber war er, kaum daß er beim Barmann ein paar kreisende Zeigefingerbewegungen gegen ein Zahnlückengrinsen getauscht, so aber war er, kaum daß er mit einem Mojito (für die señora, si si) und einem überraschend kalten Cristal an einigen weißgestrichnen Säulen vorbei bis zum erstbesten Eckplatz gelangt, so aber war er fast umgehend in einen Dämmerzustand gefallen. Unterm gleichmäßigen Dahinlärmen der Musik zerflossen die rosa Bretterwände mit den Bildern berühmter Sänger und sogar dem eines riesigen Christus, der als Wandgemälde hinter den leibhaftigen Sängern aufragte samt Bischofshut und schlangenförmig sich windendem Schwert, zerflossen zu einer südlich diffusen Melancholie; nur selten mußten kleine Fliegen verscheucht, mußte ein Schluck Bier genommen werden, die Augen halb geschlossen, und weil die Deckenventilatoren so gleichmütig schrappten, wäre man beinahe eingeschlafen, erschöpft von zwei Wochen karibischer Sonne und wechselweis sich reihenden Wortlosigkeiten.
Ehe Broschkus dann aber wirklich einnickte, ging er schnell noch mal zur Bar, der Tresen nichts weiter als ein der Länge nach aufgesägtes und -geklapptes Faß, hinter dessen bauchig nach außen gewölbten Hälften, so vermutete er, die Peso-Flaschen für die Einheimischen versteckt waren; ein zweites Faß hatte man auf gleiche Weise geteilt und, nachdem man dem halbierten Rumpf je ein Regalbrett für den offiziell angebotnen Dollar-Rum eingefügt, an der Wand hinter der Theke montiert. Noch eins? zahnlückengrinste ihm der Barmann entgegen, der einzige Weiße hier offensichtlich, und hielt bereits die Dose in der Hand. Noch eins, nickte Broschkus und hielt bereits den gefalteten Geldschein zwischen Zeige- und Mittelfinger, fast so beiläufig wie ein Einheimischer.
Da sah er sie.

Sah die beiden Freundinnen,
oder waren sie ihm nicht längst aufgefallen, die sie kichernd auf ihren Hockern gesessen, einander Wichtigkeiten verratend? Natürlich, insbesondre die eine: So jung! hatte er sich erschrocken, so hellbraun wie, weiß der Teufel, wie – Honig? Meinetwegen wie dunkler Honig, verdammt dunkler Honig, war Broschkus vollends aus dem Dahindämmern herausgeraten, und jetzt schau weg.
Anwesend, ziemlich anwesend war sie trotzdem, die mit der honigbraunen Haut, die mit den langen schwarzen Locken, dem zahnstrahlenden Lachen, das noch den hintersten Winkel des Raumes ausleuchtete, in dem sich das Ehepaar Broschkus verborgen hielt; und erst recht den Tresenbereich, wo der Ehemann Broschkus etwas langwierig eine leere gegen eine volle Dose tauschte. Um nebenbei festzustellen, nur aus den Augenwinkeln: daß diese Frau, die im Grunde gerade noch als Mädchen gelten mußte, daß dies Mädchen, das im Grunde gerade schon als Frau gelten durfte, mit einer schäbigen Radlerhose bekleidet war, gelbschwarz gestreift wie das Bustier, daß seine Sandalen sehr simpel und die Sohlen höchstwahrscheinlich aus Autoreifen gefertigt waren, oh ja, selbst das glaubte Broschkus erkannt zu haben. Nichtsdestoweniger verwandelte‘s sich, das Mädchen, je länger man‘s auf solch beiläufig blöde Weise belauerte, verwandelte sich allein durch sein Lachen in die, Teufel auch, in reinste Anmut, ja, Broder, das Wort ist ausnahmsweise angemessen, bebrummte sich Broschkus, und jetzt zieh ab.
Kein Wunder, daß er sich später nicht recht an die andre der beiden erinnern wollte, nur daß sie weit größer, vor allem breiter gewesen, nicht eigentlich dick, eher mächtig, ja nachgerade muskulös, erschreckend muskulös, dessen würde er sich nach diesem 5. Januar noch sicher sein, daß sie viel dunkler gewesen, so dunkelbraun wie – die Zigarren vielleicht, die der zierliche Alte mit großem Ernst rollte? Daß sie blauweiße, rotweiße Halsketten getragen, anstelle von Haar einen bräunlich eingefärbten Kräuselwust, einen Mopp, der an den Wurzeln seine natürliche Schwärze zeigte, auch ein Straßherz am Gürtel, nicht wahr?
Aber jetzt, jetzt tanzten sie.

Promt bliesen die Bläser eine Spur beherzter,
trommelten die Trommler eine Spur heftiger, härter, das Glitzern auf der Haut der beiden Tänzerinnen wurde lediglich vom Leuchten ihrer Zähne überboten.
Oh Gott, dachte Broschkus, will denn keiner was dagegen –
Oh nein, dagegen einschreiten wollte keiner, am wenigsten Broschkus; die beiden tanzten in solcher Selbstverständlichkeit, daß man gar nicht gewagt hätte, sie zu unterbrechen, tanzten so selbstgewiß aus der Mitte ihres Wesens heraus, so selbstgefällig, selbstherrlich bis in die Spitzen ihrer Glieder, so selbstverliebt, sogar die Dunkle, ein Glanz lag auch auf ihr, mit ihren schweren Flanken schlug sie auf eine unwiderlegbar weibliche Weise Funken. Und erst die Hellere, Jüngere, oh, wie selbstvergessen sie die Arme übern Kopf hob, wenn sie sich um die eigne Achse drehte, man hatte beim Trinken Mühe, nichts zu verschütten. Ihre honigfarbene Haut, an manchen Stellen legte sich ein Licht darauf, als schiene die Sonne für sie auch hier drinnen, mal an den Schenkeln, mal am Bauch, mal an den Armen, immerzu liefen ihr helle Flecken übers Fleisch, am schlimmsten freilich über die Nacktheit der Schultern.
Beim Abstellen der Dose wollte’s Broschkus scheinen, sein Blick habe den ihren kurz gestreift, und als er gleich wieder nach der Dose greifen mußte, verschüchtert in ihre Richtung schielend, fuhr ihm ein warmer Wind durch den Raum, durch die offne Tür herein über die Tanzfläche zum Rückraum hinaus in den Hof, daß ihm die Zunge gegen den Gaumen schlug: Hatte sie etwa eine kleine Handbewegung in seine Richtung gemacht, eine kaum wahrnehmbare Geste der Aufforderung? Broschkus konzentrierte sich auf den mit dem Strohhut, auf den daneben in den zwei verschiednen Schuhen, schließlich auf den Zigarrenmacher: Der trug eine Kette aus kleinen weißen Plastikperlen? Körnern? Und wieso konnte die Dose schon leer sein? Oder war das erneut die winzige Handbewegung, die keinem andern als ihm gelten konnte, ausgerechnet ihm? Die Leichtigkeit, mit der diese – Person ihre Hüften zum Flimmern brachte, die Direktheit, mit der sie ihm offen zulächelte, die Dreistigkeit der beiden Hände, die nach der weiter und weiter flimmernden Schmalheit der Hüften griffen, an ihr emporfuhren, langsam über die Taille nach innen zu, übern nackten Bauch, dann aber doch nicht über die Brust, oh nein, das eben nicht! sondern erst im Haar sich wieder verfingen, es scheinbar ordnend, zur Seite hin raffend, um übern Kopf hinaus sich zu heben, in stolzer Gewißheit eine ganze Weile den Tanz des restlichen Körpers mit einem Spreizen der Finger kommentierend: gewiß nur für ihn, den Fremden im Eck, den sie weiterhin fixierte, nicht wahr, weiterhin belächelte, nicht wahr, dem sie weiterhin und vor allen andern sich zeigte? Indem sie ein paar Schritte sogar in seine Richtung setzte, rein spielerisch, gleich würde die Drehung kommen –
Broschkus verschluckte sich so heftig, daß er husten mußte.

Denn die Drehung,
mit der zu rechnen gewesen, sie blieb aus, statt dessen – der Zigarrenmacher, trug er nicht auch am Handgelenk eine weiße Kette? – ging sie durch dieses Licht, diesen Lärm, ging ganz offen auf ihn zu, schon konnte er ihre hervortretenden Beckenknochen sehen, die konkav dazwischen konturierte Bauchdecke; gerade noch gelang’s ihm, die Bierdose abzustellen, da hatte sie ihn bereits an der Hand, zog ihn vom Hocker wie einen kleinen Jungen. Ihr Blick, aus der feuchten Tiefe eines grün schillernden Kaffeesatzes heraus mit feinem hellbraunen, honigbraunen Außenrand, bloß nicht länger in diese Augen sehen, bloß nicht. Im Losstolpern bemerkte Broschkus, daß die Große, die Breite, die Schwere ebenfalls herbeigekommen war, um Kristina zu ergreifen – man hatte sich also abgesprochen –, schon waren sie alle vier in der Mitte des Raumes. Woraufhin die Kapelle wirklich loslegte, ein pferdeschädelrasselndes Höllenspektakel, einige der Einheimischen riß es aus dem Dahindösen, man klatschte im Takt, sang laut mit, sogar der Zigarrendreher hob kurz seinen grauweißen Kräuselkopf, von dem sich die Ohren wegwölbten. Salsa!

Ausgerechnet Salsa,
den Broschkus so haßte. Notdürftig brachte er seine Beine in Bewe-gung, eher die Darstellung eines Tanzes als der Tanz selbst, wollte sich auf die silbernen Zehennägel vor ihm konzentrieren, auf die braunen Füße in den billigen Sandalen, auf Knöchel, Sehnen, Wadenmuskeln; doch das Mädchen, in wundersam weichen Bewegungen sich wiegend, verstand ihn sofort, schenkte ihm seine langen schwarzen Locken, die jeder Bewegung synkopisch hinterherwippten, und als Broschkus den Blick vollends zu heben wagte, lachte ihn mit dunklen Lippen an, zwischen den oberen Schneidezähnen eine winzigschwarze Lücke. Indem sie sich von ihm abdrehte, flogen ihm ihre Haare ins Gesicht; indem sie sich gleich wieder zu ihm zurückdrehte, ließ sie sich näher an ihn herantreiben, so nah, daß sie – wie erschrocken mit langen schmalen Fingern nach ihm faßte, den vollständigen Zusammenprall abzufedern, selbst das noch Teil derselben fließenden Bewegung, und natürlich wußten ihre nackten braunen Hüften, was sie da taten, als sie die des Herrn Broder Broschkus im Vorüberstreifen berührten und –, nun erst glitt‘s an ihm vorbei, das Mädchen, hauchte ihm seinen Atem ins Ohr. Verströmte dabei kein süßliches Parfüm, wie Broschkus mit riesig entsetzten Nüstern feststellen mußte, sondern unvermischt und mit Macht nur herben Duft, sich weiter wiegend im Takt, als sei‘s ganz allein auf der Welt, nicht etwa in bedenklicher Nähe zu einem leicht verfetteten, leicht ergrauten Touristen. Oh wie häßlich Herr Broschkus sich fand, wie bleich, wie plump, und doch sah er deutlich vor sich die sanft verlaufende Linie eines Schlüsselbeins, sah das Funkeln in der Grube darüber, darunter, hörte’s aufrauschen, das Bier in seinem Kopf oder ein feines Sirren, sekundenbruchteilhaft erkannte neben sich Kristina, deren korrekt kostümierte Glieder unter der Regie der Dunklen, der Schweren, in ein munteres Gehopse geraten waren. Später wollte er sich vor allem an ihren verrutschten Rückausschnitt erinnern, ausgerechnet daran, und im nächsten Sekundenbruchteil –? War das ein Biß gerade gewesen, was er im Ohrläppchen verspürt, ein winziger Biß? Oder doch eher ein Kuß?
Oder bloß eine flaumhaardicht vorbeistreifende Kühle, schon zog das Mädchen den Kopf zurück, ja-warum-denn, erneut verwandelte sich in reinen Rhythmus, ein vielgliedrig akzentuiertes Wippen um die Körpermitte, das Broschkus zum tumb taumelnden Toren machte, mal stieß ihn die Trompete nach vorn, mal zog ihn das kurze Solo auf dem Tonkrug zurück, mal trieben ihn die Bongos in weiten Schritten hinter ihm her, dem Mädchen, mal riß ihn die Gitarre von ihm fort, und als er, außer Atem, nurmehr torkelte, da sah‘s ihn an, das Mädchen, sah ihn so voller Unschuld an, auf dem Jochbein ein schmales Schimmern, auf den Lippen ein spöttisches Lächeln, daß es gewiß kein Biß gewesen war, kein Kuß, nicht mal eine zufällige Berührung. So sehr sah‘s ihn an, das Mädchen, daß ihm die Nasenflügel bebten, so nackt und direkt sah‘s ihn an, so unmädchenhaft plötzlich, ganz und gar Frau jetzt, sah ihn aus seinen, aus ihren Augen an, grün lag ein Glanz darin, nicht als heißes Versprechen, sondern als kaltes Verlangen, das Broschkus vollends aus dem Rhythmus brachte. Da entdeckte er ihn: den feinen Riß in all dem Glanz, mitten im Grün der Iris ein farblos fahles Einsprengsel, millimeterbreit ein Strich im linken Auge, vom äußern Rand der Iris bis zur Pupille, vielmehr im rechten Auge, jaja, im rechten, ein Fleck.
Gleich! dachte Broschkus nicht etwa, fühlte’s freilich desto stärker: Gleich! tut sich die Erde auf und ich fahr‘ zur Hölle. Wie laut der Chor der Sänger nach ihm rief, wie unbarmherzig die Blechbläser nach ihm verlangten, wie schwer ihm der Atem rasselte! Da aber ergriff die Frau, mitten im Blick, im Trompetensolo und weiß der Teufel warum, ergriff eine seiner unbeholfen herumhängenden Hände, nun wieder ganz mädchenhaft keusch, und ohne ein Wort der Erklärung führte ihn zu seinem Sitzplatz.
Wo ihn niemand erwartete, nicht mal Kristina.
Als Broschkus zurückgesunken war auf seinen Hocker und keine Bierdose fand, nach der er hätte greifen können, beugte sich das Mädchen zum Abschied herab und – küßte ihn auf, nein: biß ihn ganz zart in den Hals? Kaum daß sich die Zähne in seine Kehle gruben, Broschkus bekam Gänsehaut, ich werd‘ verrückt, hier-jetzt-sofort verrückt! Doch wie er, geblendet von so viel Glück, den Blick nicht zu heben wagte, hatte man ihn bereits sitzengelassen. Neben einer korrekt frisierten Frau, die sich auf wundersame Weise in jenem Moment wieder eingefunden, vor einer Bierdose, die zwar leer, aber auf wundersame Weise wieder vorhanden war.
Daß ihm einer der Umsitzenden die Schulter klopfte, fühlte Broschkus nicht, doch die angebotne Zigarette nahm er ohne ein Wort des Dankes an. Und rauchte sie in einem einz‘gen Zug weg, der erklärte Nichtraucher, während er sich mit Müh‘ daran erinnerte, wo er und was er war, ein Doktor-rer-pol doch wohl immerhin? Gestandner Abteilungsleiter, Spezialist für Abwärtsspekulation und Leerverkauf? Oder ein blasser Tourist bloß, ungläubig die Kehle sich befühlend, die Tabakkrümel auf den Lippen? Der Deckenventilator, noch immer fächelte er ihm einen herben Geruch zu oder jedenfalls eine Luft, das Hemd klebte ihm an der Brust, die heftig auf und ab sich senkte, es war eine Schande. Wie gierig ihn die kleinen Fliegen umschwirrten!

Daß er irgendwann in die Nähe des Ausgangs geraten,
nach einem weiteren Cristal vermutlich und hinter einer eleganten Dame mit Rückenausschnitt, bekam Broschkus erst mit, als es zu spät war. Suchend blickte er sich um, entdeckte nur die Zigarrendunkle, die ihm jetzt, da sie ihre halskettenbehangne Schwere über einen der Hocker gestülpt hatte, die ihm jetzt, da sie sich eine Sonnenbrille mit blauen schmetterlingsflügelförmigen Gläsern in den Kräuselmopp gesteckt hatte, die ihm geradezu häßlich erscheinen wollte, ja, alles an ihr war zu leberfleckig, zu breitnasig, zu prall ausgefallen, vom Wangenknochen hoch durch die Braue lief ihr eine Narbe, selbst im Schweigen wölbte sich ihr Mund weit nach vorn, eine feucht glänzende Obszönität.
Deine Freundin, wo ist sie? blickte ihr Broschkus ins Auge, die Dunkle riß einen Keil in ihr Gesicht, ein hellrosarotes Zungenlachen, versetzt mit einem rauhen Schwall an Silben, aus der Tiefe einer verrosteten Gießkanne heraufgurgelnd. Draußen, auf dem Treppenabsatz, stand die Dame, drehte sich vorwurfsvoll um – ach, das war ja Kristina –, der Pferdeschädelrassler machte einen Schritt auf Broschkus zu, wahrscheinlich wollte er ihn in letzter Sekunde anschnorren. Wo ist sie? blickte Broschkus schnell zum Zigarrenmacher, doch der sah nicht mal her, rollte Tabakblätter zwischen seinen Händen. Wo? blickte Broschkus zum Barmann, der ihm zugrinste, zwei gestreckte Zeigefinger aneinanderreibend, Broschkus blickte wieder nach draußen. Dort hatte sich Kristina mittlerweile treppab begeben, die Sicht freigegeben auf – ein Mädchen: So selbstverständlich lehnte’s am Geländer, neben dem Türhüter, so selbstverständlich. Und sah ihm entgegen.
Herr Broder Broschkus, sofort erfüllte ihn wieder ein feines Sirren, geriet ihm jegliches in sanftes Schwirren; weil er aber nur zwei Worte Spanisch sprach, die Ziffern mal nicht mitgezählt, setzte er sich in Bewegung, ging schweren Schrittes auf die Silhouette zu und – vorüber. Während er bereits die Schuhspitze auf die erste Stufe setzte – welch Kühle mit einem Mal auch hier draußen! –, dachte er „¡caramba!“ und sagte, nein: flüsterte, nein: wisperte, denn die Zunge blieb ihm am Gaumen kleben: „adios“. Dann stürzte er treppab und zu Tode.

Nun ja,
um ein Haar. Was ihn gerettet hatte, jedenfalls für diesmal, war seine Frau; als er zehn Stufen tiefer angekommen, mit einem verknacksten Knöchel vermutlich und mit Kristina, die er im Schwung des Hinabstolperns mitgerissen hatte, war der Himmel weiß.
„Was für ein … Abschluß … Urlaubs!“
Jetzt nahm ihn Kristina auch noch an der Hand, zog ihn vor aller Augen weg, in die Mitte der Gasse. Welchen Abschluß sie wohl meinte, wieso Urlaub?
„Alles …, Broder?“
Ohne die Antwort abzuwarten, ging sie los. Doch wie sich der Herr Doktor, der gestandne Abteilungsleiter, widerwillig in Bewegung setzen und ein klein wenig dabei nach oben schielen wollte, blieb er gleich wieder stehen: Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte ihm nicht etwa der Türsteher, nein-nein-nein, rannte ihm das Mädchen hinterher, als ob er nicht etwa an der Seite einer andern Frau dort unten stand, rannte durch dieses Licht, diesen Lärm, auf ihn zu, mit einem Geldschein winkend. Gerade noch gelang‘s ihm mit einer ruckartigen Bewegung, sich der Fürsorglichkeit Kristinas zu entziehen, schon stand sie vor ihm, bebend bis in die Bauchdecke hinab:
Ob er den, bitte, in zwei Fünfer wechseln könne?
Die Zahlen, die beherrschte Broschkus, die verstand er sofort, dazu hätte sie ihm gar nicht ihre langen Finger zu zeigen brauchen, fünf Finger der linken, jajaja, fünf Finger der rechten Hand. Trotzdem war’s kein Leichtes, die gewünschten Scheine aus der Hosentasche hervorzusuchen, war’s unmöglich, ihr dabei ins Gesicht zu sehen, konzentrier dich, Broder, schau auf die Zehnpesonote, schau auf ihre Fingernägel, die sind nicht silbern sondern weiß, und versuch mal, nicht zu atmen.
Als er ihr die beiden Fünfer entgegenstrecken konnte, tat er’s gleichwohl – atmete den Duft noch einmal ein, der ihrem Körper entströmte oder jedenfalls der Welt, sank ins Grün ihres Blickes, daß er sich an der nächstbesten Hand festhalten mußte, deutlich zu sehen auch der streichholzdünne Strich, der fahle Fleck im rechten Auge oder vielmehr, ist-doch-wirklich-egal-jetzt, im linken.
„Naja, diese Lebensfreude hier, diese … geht mir manchmal ein bißchen …“
Das mußte Kristina sein, die ihn da hielt, jetzt galt‘s beizupflichten, jetzt galt‘s Augen-zu-und-durch, wohin ging ihr die Lebensfreude?
Also Broder, drängte Kristina. Ob er sich vor dem Abflug nicht lieber ein Stündchen hinlegen wolle, „nach all dem“?
Wenige Fragen später war Broschkus auf halbem Weg zum Hotel, leicht humpelnd, mit der Rechten auf seine Frau gestützt, in der Linken ein zerknüllter Zehnpesoschein, heftig brannte ihm der Mund.

Brannte derart,
daß er beim nächsten batido-Stand nicht lange zögerte, sie hatten schon etliche Gassen gequert, in denen man nicht mal einen Hund zu Gesicht bekommen, und nun gab‘s endlich etwas, das ihm die Zunge vom Gaumen lösen würde: Bananensaftmilchzuckerwasser, sozusagen, auf Eis.
Nein-danke, schüttelte Kristina den Kopf, in diesen batidos sei jede Menge Einheimisches drin, sie bleibe konsequent.
Einem Broschkus war das freilich egal und ein batido das einzige, das er in den vergangnen Wochen zu schätzen gelernt. Erst als er zwei rosarote Plastikbecher geleert hatte, bemerkte er, aber da passierten sie schon den Aufgang zur Kathedrale, wo einem die Bettler mit ihren Beinstumpen auflauerten, bemerkte er, daß er anstelle des Zehnpesoscheins einige Münzen in der Hand hielt.

Und in der Hand noch hielt,
während Kristina neben ihm lag, auf einem ausgeleiert wippenden Hotelbett, wo er sich in Ruhe fragen konnte, fragen mußte, warum das Mädchen ausgerechnet ihn um Wechselgeld angegangen hatte, zumal‘s doch vom Türhüter und im Grunde von jedem andern ohne die geringste Mühe –?
Durch die Sprossen der Fensterläden langte in langen Streifen das Licht des Südens, kaum abgedämpft drang ein beständiges Kreischen Quietschen Hupen Schimpfen Rufen, ein gellendes Pfeifen und plötzlich eine Sekunde der Stille – all das dumpfe Bebrüten des Mißlichen, wie‘s sich in Broschkus‘ Leben und, maßstabsgetreu verkleinert, auch in diesem Urlaub ausgebreitet hatte, nun wurde’s in einer einzigen Sekunde hinweggefegt, schlagartig war er wieder nüchtern: Daß man nur so dumm sein kann! Wie zart Kristina neben ihm lag mit ihren strähnchenhaft aufgerüschten, in Wahrheit vollkommen unblonden Haaren, wie ahnungslos zart und zerbrechlich, wie fern!
Entsetzlich sicher dagegen war sich Broschkus, gerade einen großen Fehler begangen zu haben: weil auf dem Zehnpesoschein des Mädchens womöglich all das zu finden gewesen, das er – vielleicht kein ganzes Leben, wohl aber die letzten Jahre ersehnt hatte, ein Name, eine Telephonnummer, ein Geständnis. Sogar die Matratze geriet ins Schwingen, so heftig ballte sich jetzt das Begreifen. Wie fremd und weiß und weich Kristina neben ihm lag, unerreichbar korrekt selbst im Schlaf, es war zum Heulen.
Doch diesmal dachte Broschkus gar nicht dran, sich seinem Mißmut hinzugeben, im Gegenteil, sondern machte den Fehler wieder wett. Jedenfalls hatte er das heftig vor, von draußen lärmte das Leben, von draußen lachte und lockte und rief ihn das Leben, schon war er selber draußen, entschlossen humpelnden Schrittes. Den Getränkestand fand er tatsächlich ohne das geringste Problem.

Sich einen weiteren Becher batido bestellend,
bat er die Verkäuferin, eine träg schlurfende Schwarze, die aus ihrem Wohnzimmerfenster heraus das Haushaltsgeld aufbesserte, bat sie mit einem energischen Zeigefingerkreisen, das Bündel Zehnpesonoten herauszugeben, das sie heut erwirtschaftet, dochdoch, ausnahmslos alle, ich zahle mit Dollars, bin Sammler. Als sie erst einmal kapiert hatte, wie diesem Verrückten geholfen werden konnte, war die Frau durchaus einverstanden, geistesgegenwärtig holte sie weitere Banknoten aus weiteren Zimmern, stets dabei nach Unterstützung rufend, am Schluß erhielt Broschkus sämtliche Zehnpesoscheine, die sie und ihre Nachbarn und die Nachbarn der Nachbarn auf die Schnelle hatten beibringen können.
Beschwingt begab er sich zurück zum Hotel, ein erkleckliches Bündel Papier in der Hand, das sich klebrig verschwitzt und ganz und gar großartig anfühlte.

Zur Überraschung seiner Frau trank er
im Flugzeug gleich einen doppelten Whiskey:
Also Broder. Was denn in ihn gefahren sei?
Tja, das wußte er zwar auch nicht so genau, aber im Grunde wußte er’s ziemlich genau, es fühlte sich aufregend gut an – auf dem Brustkorb, linksrechts, in der Leistengegend, linksrechts, selbst in der Gesäßtasche, Prost-Schatz.
Nach dem Essen nahm er weiteren Whiskey zu sich, wie angenehm dazu das Flugzeug summte, wie angenehm die Nachtbeleuchtung schimmerte, schließlich zog Kristina zwei Plastikkissen aus dem Handgepäck, um sie aufzupusten:
Also Broder. Daß er dermaßen erleichtert sei über das Ende dieses schönen kleinen Urlaubs, das fände sie leicht degoutant.
Indem sich Broschkus zur Toilette begab, mußte er sich fast an jedem Sitz festhalten. Als mit dem Zuziehen der Tür die Helligkeit aufflammte, erschrak er vor dem Kerl, der ihm da fahl und faltig aus dem Spiegel entgegen- und auch weiterhin schamlos zusah, wie er fassungslos seinen Adamsapfel betastete, dann aber mit siebzehn entschloßnen Händen Pesoscheine hervorzog, um sie sorgfältig eifrig gierig von vorn zu studieren und von hinten. Wie er dabei ein-, zweimal einen kleinen Triller abließ, ein drittes Mal schließlich, dabei galten die Triller nur irgendwelchen Kritzeleien auf den Scheinen, weißgott nichts Außergewöhnliches.
Weißgott nichts, ob er das gerade richtig gehört habe, nichts Außergewöhnliches?
Mit den drei Zehnpesoscheinen in der Hand befuchtelte Broschkus sein Spiegelbild, sein offensichtlich ahnungsloses Spiegelbild, sieh her, wenn du Augen hast zu sehen, das sind sie, ¡caramba! Mehr als erwartet sogar, mehr vielleicht als unbedingt nötig.
Weil sein Spiegelbild freilich nicht begreifen wollte, mußte er eine Spur deutlicher werden: Optionsscheine, Mann, das sind –!
Er tupfte dem Kerl im Spiegel mit den Spitzen seiner drei Scheine auf den Halsansatz: Eine Art außerbörsliches, ein verdammt außerbörsliches Termingeschäft, wenn du’s lieber so formulieren willst, das ist – was es denn da zu grinsen gebe?
„Einmal im Leben unlimitiert agieren, EIN MAL!“
Broschkus zuckte fast ebenso heftig zusammen wie sein Spiegelbild, war das wirklich eben er selbst gewesen, der seine Gesprächspartner sonst immer so sanft belehrte, in jahrelang antrainierter Leidenschaftslosigkeit? Wohingegen jetzt sogar die Dinge von ihm abrückten, nach rechts abhanden zu kommen drohten und nach links, wieso geriet hier eigentlich alles in Schieflage? Und wieso stanken die Scheine so sehr? Na gut:
„Einmal im Leben etwas Großes wollen, kapiert?“
Und nur noch geflüstert:
„Vor allem dann aber auch tun!“
Und nurmehr gedacht, ganz leise gedacht, weil sich die Dinge sonst vielleicht zu drehen begonnen hätten:
Wurde ja langsam auch Zeit.
Wie leicht sich die drei Scheine zum Verschwinden bringen ließen, wie leicht die restlichen Scheine von der Klospülung aus der Welt geschafft wurden, keiner hat’s gesehen, keiner hat’s gemerkt, adios.
Als er seinen Sitzplatz wiedergefunden hatte, entdeckte Broschkus ein aufgeblasnes Kissen, daneben eine halb schon in ihrer Halskrause eingeschlafne Frau, ach, das war Kristina:
„Also Broder! So betrunken hab ich dich lang nicht mehr erlebt.“
Bloß nicht antworten. Während sich Broschkus das Kissen umlegte, versuchte er, möglichst geradeaus zu lächeln – wie arm war alles, das er mit Kristina erlebt hatte! Wie arm war alles, das er ohne sie erlebt hatte! Bis auf das, bis auf das, bis auf das, was ihm nun in allen Muskelfasern und Haarspitzen und Nervenenden und in Form von drei Geldscheinen auch in seiner Brieftasche steckte, bis auf – Broschkus fühlte die Sehnsucht so sehr in sich aufrauschen, daß ihm die Ohren summten. Nicht mal den Namen des Mädchens wußte er, nicht mal ein-zwei-drei Silben, die man in sich hineinstaunen konnte. Kristina? Was wollte die denn noch? Oder war das die Stewardess, die eine Ansage machte, war das die sichtlich empörte Stimme der Stewardess? Die sich ein wenig mehr Respekt für die kubanische Währung erbat, „aus gegebenem Anlaß“, so wertlos sei sie auch wieder nicht, daß man sie einfach ins Klo werfen müsse, das verstopfe nur den Abfluß, vielen Dank. Spätestens jetzt lächelte Broschkus, träumend von einem Mädchen, das ihn mit Augen anblickte. Träumend von Augen, in denen ein Fleck war, und wie er so zurückblickte, im Traum, da sah er den Fleck auch auf ihrer Wange, auf der Oberlippe, dem Hals, da war der ganze Körper dieses Mädchens mit Flecken übersät, ein honigbrauner Leib mit schwarzen Flecken, ja: Lächelnd träumte Broschkus.

Textprobe auch in:
Hubert Winkels (Hg.): Beste deutsche Erzähler 2004. München (DVA) 2004.

Weitere Leseproben:

Nie wieder Deutschland. Abschiedsgesang des Herrn Broder Broschkus. In: Süddeutsche Zeitung, 9/1/04 …mehr

Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus. In: ADAC-Sonderheft „Hamburg“, 3/04

Das gestrichne Kapitel

15/05/2003
Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus

erschienen/erscheint in:
ADAC-Reisemagazin Hamburg, 3/04 (ursprünglich geplant als zweites Kapitel des Romans Herr der Hörner); in: Ralph Doege, Christiane Barnaházi, Jürgen Schütz (Hg.s): Perspektivenwechsel No 1/Julio Cortázar: Fantomas gegen die multinationalen Vampire und andere Erzählungen aus und über Lateinamerika. Wien: 2009. http://www.septime-verlag.at

Nie wieder gratinierter Walfischhoden auf Trüffelpüree,
nie wieder beheizbare Außenspiegel, nie wieder Deutschland!
Aus dem Haus ging Broschkus zur gewohnten Zeit, schickte von der Straße sein Lächeln zurück, in der Aktenmappe nichts als ein Spanischlexikon, ein Dollarbündel, ein Jugendphoto seiner kürzlich verstorbnen Mutter. Bis zum Abflug hatte er fast noch acht Stunden Zeit, einen Koffer voller Dinge zusammenzukaufen, im Vorbeigehen warf er das Handy in eine Mülltonne, erfreute sich an seinem Stecktuch, den Manschettenknöpfen und dem riesig ausgeleuchteten Himmel. Wie weit die Welt an solch stilvoll ausstaffierten Tagen selbst in Harvestehude scheinen konnte!
Als er, der Macht der Gewohnheit ein letztes Mal sich hingebend, am Jungfernstieg dem U-Bahn-Schacht entstieg, vorbei schon am Gesundheitshändler, den er in seinem früheren Leben Salatblätter für die Mittagspause hatte zusammenraffen lassen, und Schritt für Schritt weiter, dem unerhörten Ereignis entgegen, beschloß er, sich etwas zu gönnen: den Spaziergang zu gönnen, den er sich siebzehn Jahre lang verkniffen hatte, sobald der Blick, vom Bildschirm befreit, erst in die üppig weißen Seidenrosen fiel auf der Fensterbank, dann auf die Baumkronen draußen am Ballindamm und dann, in selten verlornen Momenten, auf die grauen Wasser dahinter, auf die geräuschlos gleitenden Schiffe der weißen Flotte und, vor allem, die riesige Fontäne, die aus all dem empor und in den Himmel schoß: Diesen Spaziergang, einmal um die Binnenalster herum, jetzt würde er ihn machen, als letzte Bestätigung seines längst in aller Heimlichkeit bereiteten Abschieds. Während ihm papierfarbene Frauen in Kostümen entgegenwogten und Sockenträger in Sandalen, lachend.
Nie wieder Männer, die jedem die Schulter klatschten, wenn sie einen Witz erzählt hatten, nie wieder Frauen in flachen Schuhen, die das mit Selbstbewußtsein verwechselten, nie wieder! Zeit war‘s, höchste Zeit.
Und da strich er auch schon am „Friesenkeller“ vorbei, wo den Kleinkundenkönigen (50.000 Euro Einlage, lachhaft!) von der SPARDA die Weltwirtschaftslage verkündet wurde, fast wäre er über einen Penner gestolpert, der mit Pappschild mitten im Fußgängerstrom saß, strich vorbei an den Schaufenstern des Schmuckhändlers, dem er vor fast fünfzehn Jahren Verlobungsringe abgekauft hatte, aus einer Laune heraus, gewiß, da war er noch Sachbearbeiter mit kleiner Handlungsvollmacht gewesen, aber wenige Schritte später, endlich hatte man ihn zum stellvertretenden Abteilungsdirektor ernannt, da stand er vor den Fenstern des nächsten Juweliers, oh, dort war damals ein Paar unpassend teurer Hochzeitsringe zu sehen gewesen. Noch hinterm Alsterhaus durfte er ganz unverhohlen lächeln, einem Akkordeonspieler warf er einen Euro zu, aus der Querstraße leuchtete die Turmspitze des Michels, aus der Passage vom Hamburger Hof drangen die gleichmäßig desinteressierten Herumtapsereien eines Jazzpianisten.
Schon wieder ein Juwelier.
Und noch einer, meine Güte. Welch eine Fülle an Frauen, mit und ohne Einkaufstüte, blond bis ins Knochenmark. Mit einem letzten Blick Richtung Gänsemarkt lächelte sich Broschkus in den Neuen Jungfernstieg hinein, in weitem Bogen um den Alsterpavillon herum, wo er bis vor kurzem Tortenstücke vertilgt hatte, vorzugsweise mit mißtrauischen Witwen, die alles besser wußten. Im Gegensatz zu seinen jüngeren Kollegen verfügte er just über jenen Grad an Korpulenz, der von seinen Kunden als seriös empfunden wurde, da hatte er noch von „baldiger konjunktureller Erholung“ schwärmen dürfen, wo andre längst zur Flucht ins Festverzinsliche drängten, und auch hausintern hatte er noch eine ganze Weile davon gelebt, daß er (und seine nach außen sehr konservativ sich gebende Transaktionspolitik) ein Leben lang unterschätzt wurde. Wahrscheinlich weil er sich aus dem Tagesgeschäft hochgedient hatte, ein fleißiger Praktiker ohne Hang zum Visionären, vielleicht auch weil er sich selbst als Leiter der Wertpapierabteilung nicht zu schade war, die Assistenten seiner Kunden zum Essen einzuladen und ihren Sekretärinnen Geburtstagssträuße vorbeizubringen. Zugegeben, noch nach der Jahrtausendwende hatte Broschkus nicht schlecht gelebt, zwischen englischen Spanntapeten, auf denen man zur Jagd blies, einem stummgeschalteten ntv-Programm mit den durchlaufenden Notierungen, der Reuters-Homepage und einem verschachtelten Excel-Dateiensystem – bis dieser Crash auf Raten begann, dieser über Jahre sich hinziehende Untergang der gesamten IT-Branche und schließlich auch der Old Economy, sogar in diesem Jahr noch hatte er sich fortgesetzt, ein historischer Tiefststand nach dem andern, Weltenende. Wenn man’s freilich ganz genau bedachte, so war Broschkus‘ eigner Untergang schon eine Weile zuvor eingeläutet worden, auf dem Höhepunkt der Hausse Ende der neunziger, als er sich hatte überreden lassen, in großem Stil beim Neuen Markt zuzugreifen, bei fernöstlichen Internetwerten, bei russischen Ölfirmen und … bei weiteren Verbrecherpapieren, wie er jedem erklärte, der’s nicht hören wollte, zu einer Zeit der zweistelligen Renditeerwartung, da er seine Kunden gern zum Champagnertrinken auf einer Segelyacht oder beim Hamburger Derby eingeladen, nicht zum Schaden von Hase & Hase.
Ein letzter Blick dann gleich wieder nach links, in die schräg abzweigende Häuserflucht der Colonnaden, an deren anderem Ende er seit einem knappen Vierteljahr Spanisch gelernt hatte, Kurs auf Kurs und den Rest der Zeit in umliegenden Cafés, Hausaufgaben verfertigend, Vokabellisten. Während Kristina geglaubt hatte, er ginge ins Büro wie eh und je, schlüge sich mit seinen beständig ins Bodenlose fallenden Verbrecherpapieren herum und ebenso beständig lockenden Gewinnen bei Leerverkäufen, denen er Anfang vorigen Jahres in seiner Not nachzujagen begonnen, verstärkt schließlich dann auch mit Turbo-Zertifikaten zwecks Abwärtsspekulation auf diverse Indices: zum Wohle seiner Kunden, wohlgemerkt, zum Wohle nicht zuletzt auch der Hase & Hase KG.
Gut, daß er Kristina vor Jahren schon überzeugt, während der Bürozeiten gar nicht erst zu versuchen, ihn anzurufen, sehr gut. Über den Jahreswechsel war er gerade noch mit seinem Lieblingstrick gekommen, Spekulationsverluste realisierend, ab dem 7. Januar aber bereits, dem Tag nach seiner Rückkehr ins Tagesgeschäft, dieselben Papiere sanft zurückkaufend – so daß er den Anlegern das Gefühl geben konnte, ihre Verluste seien im Grunde nur halb so schlimm, schließlich beteilige sich der Fiskus daran. Wobei die Vision auf zukünftigen Gewinn ja gewahrt blieb; dann aber, Anfang März, mußte er sich vom Niederlassungsleiter in gedämpftem Tonfall belehren lassen, man habe soeben mit dem Regionalbereichsleiter Nord gesprochen. Jahrelang habe man Broschkus ja sehr gefördert, und es schmerze nicht wenig, daß man nun seinen Lieblingsprokuristen – der Niederlassungsleiter sagte seit je „mein Lieblingsprokurist“ – so herb abstrafen müsse, doch der neue Partner in Frankfurt fürs Privatkundengeschäft gebe nun mal seine Prinzipien vor. Ja, abstrafen müsse, das habe Broschkus richtig gehört: Ausgerechnet seine älteste Stammkunden hätten sich zusammengetan, anscheinend schon seit dem vorjährigen Hase & Hase-Golfturnier, und nun mit einer Klage gedroht, einer Klage auf Schadenersatz. Über zweieinhalb Millionen hätten sie insgesamt verloren aufgrund höchst spekulativer, ja dubioser Engagements, wie sie sich ausdrückten: Warum ein erfahrner Mann wie Broschkus sie nicht wenigstens davor gewarnt hätte, wenn er die Research-Vorgaben schon so eigenmächtig hinterging? Ausgerechnet Broschkus, der bei den Frankfurtern – der Niederlassungsleiter sagte seit je „die Frankfurter“ – stets als konservativ, fast als ein wenig zu konservativ gegolten habe, zu vorsichtig, zu unaggressiv? Aber ehe der auf seine Telephonmitschriften verweisen konnte, wurde bereits genickt, jaja, es sei eine loyalitätsarme Zeit, schlechte Performance rechtfertige jede Art von Vertrauensbruch, trotzdem müsse man die Vorgänge natürlich an die Revision geben. Schließlich habe Broschkus nicht nur hausinterne Auflagen … und zwar systematisch … seit annähernd einem vollen … mißachtet, sondern auch … Ob er anstelle der Abmahnung nicht eine Abfindung vorzöge?
Dabei hab‘ ich doch alles richtig gemacht! schwieg Broschkus. Spätestens zum Verfallstermin am Monatsende, wenn seine Maßnahmen endlich griffen, jede Wette, würde man sich wieder einmal kistenweise mit Bordeaux bei ihm bedanken! Und erst recht, zugegeben, wenn er letzthin, bei der Order auf chinesische Optionsscheine, nicht „unlimitiert“ gesagt hätte, „ein Mal im Leben unlimitiert agieren, verstehen Sie?“ Was konnten seine Gesprächspartner, was konnte der Niederlassungsleiter, was konnte die Zentrale in Frankfurt denn wissen von all den honigbraunen Gedanken, die ihm seit seiner Rückkehr aus Kuba zwischen die Kalkulationen fuhren und vor die Hochrechnungen, was konnten sie auch nur ahnen davon, daß er in solchen Momenten des Erschauerns die vorbeiflimmernden Zahlenkolonnen nicht mal mehr ordentlich zu entziffern wußte, geschweige zu interpretieren, weil seine Welt gerade von einem grünen Leuchten überstrahlt wurde, von abgründig grünem Leuchten mit einem schmalen braunen Strich darin, einem Sprung oder eigentlich Fleck? Daß er dann, anstatt den Schwankungen hinterm Komma ihre Geheimbotschaften zu entreißen, daß er dann aufpassen mußte, von diesem Sprung in der Welt, von diesem Abgrund nicht verschlungen zu werden und schnell nach verschwitzten Zehnpesoscheinen greifen oder seltsam vergebliche Ferngespräche tätigen oder von gefleckten Leibern träumen mußte, vom GANZ ANDEREN, wenn er einmal deutlich werden durfte: Herr Doktor Broder Broschkus, der siebzehn Jahre lang nur für seine Stammkunden gelebt hatte, immer öfter war ihm der Blick über die Seidenblumen gerutscht und durch die Baumkronen aufs Wasser, zu oft, um in diesen unruhigen Zeiten Fehler zu vermeiden, Fehlentscheidungen, entscheidende Fehlentscheidungen.
Der Rest war Selbstabwicklung gewesen und eine Angelegenheit von Monaten. Wer weiß, ohne die Verschwörung seiner Hauptklienten hätte er den Absprung vielleicht gar nicht geschafft, als bloßer Aussteiger wäre er sich seit je unglaubwürdig vorgekommen, nein, dazu verlief sein Leben hier viel zu angenehm geordnet und viel zu angenehm unaufgeregt. Nun aber war‘s plötzlich wieder ernst und heftig geworden, das Leben, nun aber galt es, den Entschluß, den er bereits auf dem Rückflug von Santiago gefällt und dann Tag für Tag verschoben, revidiert, verworfen und erneut gefaßt hatte, Nacht für Nacht, nun galt es, den Entschluß auch endlich umzusetzen. In aller Konsequenz. Und ohne falsche Sentimentalitäten, wie er’s von seinen Kollegen aus der Kreditabteilung kannte, wenn sie mal wieder eine Firma liquidierten. Wobei er weiterhin jeden Morgen das Haus so pünktlich verließ, daß Kristina keinen Verdacht schöpfen konnte.
Nie wieder ungedeckte Calls, nie wieder Exotenpapiere, nie wieder Window-Dressing zum Jahresende! Nie wieder Trennkost, Vollkasko, Frühwarnsysteme!
Ach, Kristina. Hoffentlich hatte sie ihn wenigstens die letzten Jahre betrogen, nach dem Ende der Gesprächsversuche. Anstatt bloß klaglos zu verblühen in all ihrer Broschen- und Perlenketten-Perfektion, immer schmaler war sie im Lauf der Jahre geworden, immer durchsichtiger – ein bißchen weniger Geigenspiel hätte ihr gewiß gutgetan. Aber nein, noch im Nachtgewand verbreitete sie diese hermetisch inszenierte Geschlechtslosigkeit, und erst im Schlaf, wenn sie die Kontrolle über ihre Gesichtszüge verloren, zerfloß all ihre kühl abweisende Eleganz in etwas, das er einmal sehr geliebt hatte: Schon lang hatte Broschkus verzagt an ihr und jeden Versuch, sie zu berühren, eingestellt – schon lang wäre er reif gewesen und nun war er’s wirklich, reif für die Obsession.
Wie grün die Hapag Lloyd-Dächer herüberschimmerten von der andern Alsterseite, im Gegenlicht das Wasser ein blendender Glanz, weiß stäubte die Fontäne, auf den Dachfirsten stramm standen die Fahnen im Wind. Fast hätte er das Fenster seiner Lieblingssekretärin dort drüben erkennen können, einen Stock indes zu niedrig lag es, abgeschirmt von Baumkronen. Schräg darunter, vertäut seit Jahr und Tag und deutlich zu sehen: war das kleine Caféschiff, in dem er’s nie geschafft hatte, eine Pause einzulegen. Weiter!
Vorbei an klassischer Mode, an Antiquitäten, an den locker besetzten Tischchen des „Condi“, wo bereits die Porsches parkten, dazwischen ein Rolls Royce, ein Jaguar, sämtlich in Schwarz, vor dem Haupteingang des „Vier Jahreszeiten“ schubste ihm ein entgegenrollernder Skateborder fast das Lächeln aus dem Gesicht, fast: Wie sie damals vorgefahren waren, in einem verrosteten Renault, direkt vom Standesamt, direkt hierher an den Rand des roten Teppichs, und wie Kristina dann dem Portier die Wagenschlüssel überreicht und der noch nicht mal mit der Livree gezuckt hatte – ja, das war‘s gewesen, damals, und der Rest des Tages ein einziges Kuchenessen und Cocktailtrinken und Hinausblicken aufs Wasser, bis die Lichter rundum aufflammten, die Neonkonturen des Alsterhauses, die schummernden Fensterlampen des Alsterpavillons, bis sie schließlich ganz von innen heraus strahlte, die Stadt und die Nacht und die Welt, damals.
Jajajaja, noch immer konnte sich Broschkus daran berauschen, doch nicht mehr aus voller Seele. Etwas Braunes war ihm vor all die honorigen Herrlichkeiten geraten und machte sie fad und flau, etwas Honigbraunes, etwas höchst Biegsames, das nach Fleisch roch und einen Fleck hatte im Auge, etwas, das … nicht mal einen Namen hatte.
Erst als die wohlvertraute Fassade des Übersee-Clubs vor Broschkus auftauchte, wo er mehrfach die Woche mit seinen Kunden (ab fünf Millionen aufwärts) zu Mittag gegessen, fand sein Schritt wieder fest geradeaus, unter den Bäumen rollten Zeitungsseiten, dahinter knallten für ihn schon die Fahnen, und von dort hatte man dann diesen Blick: Oh, das war schön, gewiß das Schönste, was man von einer deutschen Großstadt erwarten durfte. Unten am Ufer schwärmte Broschkus nun dahin, graphitgraue Enten auf den Wellen, weiß die Schipperboote linksrechts der Fontäne, von hier aus hatte man das gesamte Prachtareal aus Wasser und steingewordner Macht vor sich entfaltet, ein helles Leuchten heute, darüber die Grünspandächer mit ihren Reederei- und Hamburg- und Deutschlandflaggen, verstreut ein paar Kirchturmspitzen, und dann den riesigen Himmel, ja, den vor allem mit seinen schnell treibenden Wolken. Davon würde man demnächst nur träumen können, welch ein gewaltig weißes Wolkentreiben, welch eine Luft, und trotzdem:
Nie wieder Risikobegrenzung, Rückversicherung, Renditeberechnung – oh, es wurde Zeit. Nie wieder Ersatzkrawatte im Büro, nie wieder Ersatzgeliebte im Hotel, nie wieder Ersatzbefriedigung beim Downloaden, nie wieder!
Dort, wo die Bootsdurchfahrt zur Außenalster war, stieg Broschkus hinauf zur Lombardsbrücke, gerade fuhr eine S-Bahn Richtung Altona und erzeugte wunderbar unaufgeregt ein Klackern, schon stand er an der Einmündung des Ballindamms, blickte aufs weißgewürfelte Museum der Gegenwart, hinter dem die Kuppel der Kunsthalle aufschimmerte, und dann stand er nicht mehr, sondern bog entschlossen ab. Bog in die Straße, die er siebzehn Jahre lang entlanggelaufen, stets in Sorge, die Kurse würden fallen, wenn er sich zu lang vor einem der Schaufenster aufhielte, würden steigen, wenn er gar einen Braunen im „Café Wien“ einnähme, wie‘s absurderweise hieß, das Caféschiff. Welch eine Fülle an Herren in gedeckten Tönen, mit und ohne Aktenmappe, den Krawattenknoten zum Teil schon fest mit dem Adamsapfel verwachsen, und zwischen Krohns Einrichtungsgeschäft und den „Classic luxuries“ von Goodmann Grant tauchte er dann, sehr dezent, tauchte auf, der leicht zurückgesetzte Eingang von Hase & Hase, und – Broschkus blieb nicht einmal stehen.
Nie wieder vornehm und von oben herab, nie wieder Ton in Ton, nie wieder indigniert und schweigend – es war Zeit, höchste Zeit.
Vorbei an der „Ciu‘s“-Bar, in dessen klobiger Gehsteigbestuhlung er bunte Flüssigkeiten für seine Lieblingskunden geordert hatte, vorbei an einem Souterraingeschäft mit Porzellanputten, ein japanischer Zierfischhund mit Segelohren stand für 1671 Euro in der Auslage, vorbei. Denn von vorne leuchtete jetzt das Rathaus mit seinem riesigen Turm, ja, das strahlte etwas aus, das war etwas, durchaus; von vorne aber leuchtete vor allem, zwischen den Bäumen, die Anlegestelle des „Café Wien“, beschwingt lächelte sich Broschkus über die Straße. Und tat endlich das, was er nie getan: lächelte lächelte lächelte sich übern Steg, gleich würde er die Tür mit seinem bloßen Lächeln aufdrücken, gleich würde er sich einen Braunen bestellen, einen kleinen Braunen, und während Kristina ahnungslos in ihrer homöopathischen Praxis Hundekrankheiten kurierte, würde er sich von all dem Aufgebot an Schönheit nicht länger täuschen lassen: Was es an Glaube, Liebe, Hoffnung hier zu verlieren gab, das hatte er verloren.
Nie wieder mit Senatorengattinnen beim Butterkuchen parlieren, nie wieder mit Vizepräsidentinnen über Wohltätigkeit räsonnieren, nie wieder deutsche Frauen – schon ihre Namen taugten nicht, geflüstert zu werden: Nie wieder Deutschland!

Bilder, wie sie nicht im Buche stehen

„Ein steinerner Teppich, durchschnitten von schnurgeraden Straßenfluchten, entrollte sich die Stadt ockerbraunrotgrau bis hinab zum Hafen …“

Photos und Skizzen zeigen relevante Personen, Orte, „Unterschriften“ und Darstellungen von Heiligen bzw. Göttern der afrokubanischen Religionen. Jede Woche wird hier ein anderes Bild zum „Herrn der Hörner“ angezeigt.







Landkarte, Stadtplan, Handlungsorte

Der Roman spielt im Südosten Kubas, zu großen Teilen in der Küstenstadt Santiago de Cuba.


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