Taifun über Kyôto

Taifun über Kyôto

erschienen/erscheint bei:

Luchterhand, 8/93
vergriffen; zu beziehen über Warmbronner Antiquariat Ulrich Keicher, Postfach 7044, 71216 Leonberg, Tel. 07152/72195, U.Keicher@t-online.de

239 Seiten
ISBN 3-630-86818-5
Gebunden

Entstehungszeitraum: 26/03/1988 - 13/05/1991

Über das Buch

Nur wegfahren und ausspannen wollte der Held in Matthias Polityckis zweitem Roman, nach anstrengenden Arbeitswochen. Doch in der Halle des südfranzösischen Hotels macht er eine seltsame Entdeckung: An der Wand hängt ein japanischer Gobelin, und eine der Frauenfiguren darauf hat ihm, es war nicht zu übersehen, ein Zeichen gegeben.
Ein eigenwilliger Krimi beginnt. Was will diese Midori von ihm, was verbirgt sich hinter ihrem kreideweißen Lächeln? Ihr wurde ein Schädel in Anwesenheit des gesamten Hofstaats überreicht. Wem gehörte der Kopf, und weswegen wurde er abgeschlagen? Je weiter die Reise in das mittelalterliche Japan des Teppichs geht, um so undurchdringlicher scheinen die Geheimnisse zu werden. Die Farben auf Midoris Kimono wandern, die Landschaft verändert ihr Aussehen, während sich sein Betrachter allabendlich in den Teppich hineinträumt und mit Midori zum Teepavillion, im Felsengarten und zum Kaiserpalast spaziert, ohne zu wissen, was sie ihm sagen will. Geht es nicht längst schon um seinen eigenen Kopf, statt darum, ein Verbrechen aufzuklären? Ist Midori wirklich eine Prinzessin, oder wird sie nicht erst durch den Betrachter dazu gemacht?
„Taifun über Kyôto“ ist ein Roman über die Sehnsucht und das Wirken der Phantasie. Was mit sanften Urlaubsentrücktheiten beginnt, endet im Strudel von nicht mehr entwirrbaren Wahnvorstellungen.
Gedichte spielen dabei eine wichtige Rolle, und so wie sich das Bewußtseinslabyrinth seines Helden immer weiter verzweigt, hat der Autor dem Satzbau einen lyrischen Rhythmus gegeben und mit Hilfe von Inversionen der Alltagssprache einen epischen Klang von großer Suggestivkraft verliehen.

Leseprobe

„Erzähl mir die Geschichte!“
„Welche Geschichte?“
Ach, Midori, welches Grillengezirp, welcher Garten wohl, moosbewucherte Steinlaternen lenkten den Blick ins kunstvoll kultivierte Abseits …
„Die Geschichte natürlich des abgeschlagenen Schädels: deine Geschichte. Meine Geschichte.“
Ihr Gesicht, undurchsichtig und faltenlos fest wie ein kostbares Papier, jäh von der Tuschbild-Röte wurde übergossen eines umstürzenden Tintensteines:
„Dein Geist irrt umher. Frieden braucht er und die Stille des Tees.“
Schon hatte ihre Sicherheit zurück sie gewonnen, zauberte ihr Lächeln über Kopf & Körper, nahm mich gefangen. Hatte jemals Zweifel ich gehegt? Nein. Gab es irgendwelche Fragen, die offen standen? Nicht in ihrer Nähe. Über verwachsene Pfade sie geleitete mich ins Unterholz, versetzt angeordnete Trittsteine verzögerten den Schritt, vorbei an einigen perspektivisch plazierten Felsblöcken und – in den Goldpavillon, ausgerechnet! Dessen Eingangstür tief in die Knie mich zwang. In einem kleinen Vorraum sie hieß mich setzen: in den Duft der Tatamimatten, kniete selbst sich mir gegenüber. Fächelte Luft sich zu und mir, legte den Fächer zusammen und quer vor sich ab; nachdem mit der Stirn sie den Boden kurz berührt, sie bedeutete mir zu warten.
Geräuschlos eine Schiebetür sie schob zur Seite und – der Kimonosaum schrittweise erzeugte schleppenden Schleifton – verschwand: Nichts als Papierwand umgab mich, strohgedeckte Leere. Hier also ich hatte sie gesehen, die Mörder, wie sie gewartet auf den Überbringer der Nachricht; ja: Mit gefrorenen Gesichtern hier hatten sie gehockt – und hockten vielleicht noch immer?! im Nebenraum und diesmal erwarteten – meinen Kopf?
Wie lange ich saß wohl mit mir und dem Atmen, das ruhiger werden nicht wollte, mit mir und den Fragezeichen, die Midoris Abwesenheit nutzten und aufknisterten hinter meinem Rücken: Sollte eine Warnung es sein, daß hierher sie mich geführt, eine Drohung? Machte gemeinsame Sache sie mit den Drahtziehern der Hinrichtung? Würde auch mich sie verraten wie einst den -, da wieder in all ihrer fremden Anmut sie erstrahlte vor mir, hieß mich mitkommen: Hinaus in den Garten …

Pressestimmen

„erinnert an den hohen Ton und die Wortgewalt klassischer Versepen, (…) an das Pathos und an die suggestive Ausstrahlung gebundener Sprache“

(Michael Schmitt, Hessischer Rundfunk, 19/5/94)

„Ein wunderschöner Roman, der es wert ist, daß man sich darauf einläßt.“

(Wirtschaftswoche, 10/2/94)

„Matthias Politycki hat ein intrikates Vexierspiel geschieben und damit in gewisser Weise doch an seinen Erstling, den vielbeachteten (…) Roman ‚Aus Fälle / Zerlegung des Regenbogens„ angeknüpft.“

(Friedhelm Rathjen, Basler Zeitung, 25/3/94)

„Wer das Buch zweimal liest, hat womöglich einmal einen Kriminalroman und das andere Mal einen Essay über Wahn und Phantasie gelesen. (…) Politycki gelingt es, die Japan-Fiktion seines Erzählers als Welt erstehen zu lassen und sie als Konstrukt offenzulegen“

(Christoph Bartmann, Die Presse, 29/1/94)

„Ein phantastischer, mit Krimi-Spannung aufgeladener Roman, dessen rhythmisch beschwingte Sprache zu tanzen scheint“

(Rolf Seeliger, tz, 20/1/94)

„Poesie pur. Eigenwillig, präzise und freiwillig komisch selbst in den haarsträubendsten Situationen berichtet Politycki von einem, der auszog, das Sehnen zu lernen.“

(Ira Panic, Hamburger Morgenpost, 9/11/93)

„ein Buch mit literarischem Witz und Verstand“

(Ralf Sziegoleit, Frankenpost, 8/10/93)

„eine ausgefeilte ironische Spielerei, voller Anspielungen und aufgebaut auf streng rhythmisierten Sätzen“

(Michael Schmitt, 3sat, 19/10/93)

„ein hochartifiziell durchgearbeiteter Text über das Entstehen einer Sehnsucht, in virtuoser Sprache und abseits eines linearen Erzählens“
(Helmut Böttiger über die Lesung eines Textauszugs beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, Stuttgarter Zeitung, 2/7/91)

„Zur Markierung seines irritierten Helden irritiert Politycki durch Wortumstellungen die Regeln der Syntax und verstellt sich fürs erste den Weg, den er, so hoffen wir, in der Literatur machen wird.“
(Verena Auffermann über die Lesung eines Textauszugs beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, Süddeutsche Zeitung, 2/7/91)

„Polityckis vertrackt-gelehrtesk, mit quälenden Inversionen aufgeladenes Rätselspiel um einen japanischen Gobelin mißfiel den Juroren als zu anspruchsvoll.“
(Hannes Hintermeier über die Lesung eines Textauszugs beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, Abendzeitung, 1/7/91)