Die Frau mit dem Schatten

Die Frau mit dem SchattenMinimusikalkomödie (Opernlibretto) (18/11/92)

erschienen/erscheint bei:

Beilage zum Programmheft der Bayerischen Staatsoper, München, 24/6/94

Entstehungszeitraum: 19/06/1993

Leseprobe

(Textprobe vom Anfang)

1. Szene: „In diesem heil’gen Hallen
kennt man die Schatten nicht.“

(Auf dem Sofa, von einer Stehlampe beschienen, schläft der Klarinettist: den Schlips auf Halbmast gezogen, den obersten Hosenknopf geöffnet, die Füße plaziert auf dem Couchtisch, die Hände – auf dem Instrumentenköfferchen. Linksrechts des großen grellfarbenen Aufklebers „The Horny Jazz Messengers“.
Aus der rechten Tür tritt seine Frau (die Bluesröhre) – geduscht, gefönt, geschleckt – und energischen Schrittes schleppt ihre pralle Reisetasche durchs Zwielicht. Läßt sie ostentativ fallen inmitten des Zimmers, schnüffelt pikiert. Geht ans Fenster, reißt mit entrüstetem Ruck den Vorhang zur Seite -, auf dem Sofa schreckt man zusammen, das Klarinettenköfferchen poltert parterre. Sie steht am Fenster – flau fällt der frühe Morgen auf die Häuserfront gegenüber – blickt hinaus, singt:)

Schon damals, da flog mir ein Schatten
– nicht selten g’rad! – übers Gesicht …
Und ich haß! ihn dafür.
Ja: ich haß! ihn dafür.
(dreht sich zum Sofa)
Doch heute, nach so vielen Jahren
mit ihm: dem „geliebten Gatten“,
(schleicht auf ihn zu, immer leiser und drohender singend)
bin ich bloß noch ein Schatten
meiner selbst.
(zischelt dem Schläfer ins Ohr)
Und ich haß! dich dafür.
Ja: ich haß! dich dafür.
(Keinerlei Anstalten jedoch trifft der „geliebte Gatte“; sie stemmt die Arme kurz auf, stöckelt auf die Stehlampe zu, macht ihrem Leuchten mit schnurwärts streng schalterwärts zuckender Hand ein Ende.)
Bluesröhre (leise, „zärtlich“, noch in derselben Melodie):
‚Nen wunder-wunderschönen
(schreit)
guten Morgen!
(…)

Hintergrund

Musik: Elmar Raida (Tiefenbach bei Passau), elmar.raida@t-online.de
Personen: Klarinettist (Bariton), Bluesröhre (Mezzo), Tänzerin (Schatten), Trompeter (Bariton), Schlagzeuger (Tenor), Posaunist (Baß)
Ort: eine Großstadtwohnung
Uraufführung: 24.6.94 am 14/7/94 an der Bayerischen Staatsoper, München

Die Frau mit dem Schatten, das ist zunächst einmal eine Tänzerin im gegenüberliegenden Haus, die der Klarinettist vom Fenster aus beobachtet, wie sie ihre Schrittfolgen einübt zu einer arabischen Musik. D.h.: Eigentlich beobachtet er nur ihren Schatten, die tatsächliche Frau – so beteuert er jedenfalls gegenüber seinen Band-Mitgliedern, den „Horny Jazz Messengers“ -, interessiere ihn überhaupt nicht …
Die Frau mit dem Schatten, das ist aber auch die Bluesröhre, die mit dem Klarinettisten zusammenlebt; doch ihren Schatten, so meint sie jedenfalls, liebt er nicht; schließlich läßt er sich, im Gegensatz zu dem der unbekannten Tänzerin, nicht mit beliebigen Phantasien, Träumen, Sehnsüchten ausfüllen.
Als die Bluesröhre eines Vormittags das Haus verläßt, nicht ohne ihrem Mann zuvor eine kleine Szene gemacht zu haben, bahnt sich eine „Katastrophe“ an: Kaum ist der Klarinettist allein, ertönt – wie jeden Tag? – die arabische Melodie, steht er schon am Fenster, läßt sich inspirieren zu eignen Tonfolgen. Doch unvermittelt platzen die „Horny Jazz Messengers“ herein, und da der Klarinettist in seiner Empörung, gerade jetzt gestört zu werden, sogar andeutet, aus der Band aussteigen zu wollen, beschließen sie, ihn von seiner „Schattenkrankheit“ zu kurieren: indem sie ihm, dem Schattenverehrer, die leibhaftige Frau dazu vorführen wollen, die Tänzerin von gegenüber. Freilich können sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, daß auch die Bluesröhre inzwischen schon wieder auf dem Heimweg ist …