Bilder, wie sie nicht im Buche stehen

Meine Reise zum Tadsch Mahal

„Unzählige Male reiste ich zum Tadsch Mahal. Anfangs am Tag, bald auch des Nachts, ich stand nach dem Zubettgehen einfach wieder auf und puzzelte weiter. Genausooft fuhr ich in diesen Nächten nach Paris und New York, doch das waren für mich nur Zwischenstationen. Immer schüttete ich alle drei Puzzles auf dem Teppichboden zusammen, das ergab einen Haufen von 1500 Teilen ...“

„Er weiß, daß auch die Performance zählt, darin ist er ein Meister. Dafür schneidet er mir bei der anschließenden Rasur ins Ohrläppchen, ich verlasse seinen kleinen Salon mit einem kräftigen Schorf auf der Wunde.
Ob er versucht habe, mich umzubringen? frage ich ihn zum Abschied.
In der Tat, antwortet er und entschuldigt sich noch immer nicht, aus seinem Blick spricht sogar ein gewisser Stolz auf sein Malheur ...“

„Jodhpur, die blaue Stadt am Rand der Wüste Thar – sie ist wahrhaftig blau, soweit das Auge reicht. Darüber ein Himmel, der von aufgewirbeltem Sand und Staub so eingetrübt ist, daß er bereits die Außenbezirke verschluckt, die angrenzenden Bergzüge als Schemen entrückt. Gleich daneben beginnt das Reich der Fata Morgana ...“

„Dazwischen steht immer wieder der gleiche kuriose Marmormann im blau bemalten Anzug und mit roter Krawatte. Er wirkt ein bißchen pummelig und mit seiner Brille wie die marmorne Inkarnation des Strebers.  Wer kauft sich denn sowas, die Parodie eines Denkmals?“

„Das Morgenlicht liegt bereits mit Macht auf der Sandsteinfassade, die als Palast der Winde zu einer der großen Touristenattraktionen Indiens avancierte und die Phantasie des Betrachters im Nu entfacht. Unweigerlich denkt man sich all die mehr oder weniger schönen Hauptfrauen, Nebenfrauen, Konkubinen, Sklavinnen dazu, die sich einst hinter dem steinernen Paravent drängten, um am öffentlichen Leben der Stadt zumindest auf diese Weise Anteil zu nehmen ...“

„Es ist die zweite der ‚drei schönsten Frauen Indiens’, die Sanjay bereits erwähnt hat. Jetzt kündigt er an, ich würde das gleiche Foto morgen im Palast von Jaipur sehen – sie sei die Lieblingsfrau des Majaradschas von Jaipur gewesen. Und bis heute in Indien berühmt.
‚Die Vogue hat sie unter die zehn schönsten Frauen der Welt gewählt. Sie konnte sehr gut reiten und schießen, im indischen Parlament gesessen ist sie später auch.’“

„‚Jede gute Ehe ist arrangiert’, resümiert Sanjay: Eine lebenslange Verbindung könne man nicht bloß aufgrund irgendwelcher Gefühle eingehen, das sei keine dauerhafte Basis.
‚Auch unsre Ehe wurde arrangiert’, versichert er. Und seine Frau ergänzt: ‚Die Liebe kam später.’“

„Zum Abschluß des Tages möchte mir Sanjay das Tadsch schon mal von seiner Kehrseite zeigen: zu deren Betrachtung Shah Jahan einen Garten am gegenüberliegenden Ufer des Yamuna anlegen ließ, den „Mondscheingarten“. Der Streifen an bunten Blumen, den die Gärtner in Verlängerung der Symmetrieachse angelegt haben, die durch die Gesamtanlage des Tadsch Mahals läuft, ist zauberhaft ...“

„Jetzt erst fällt mir auf, daß das rechte vordere Minarett eingerüstet ist, es wird gerade gereinigt. War das Tadsch Mahal nur bis zu diesem Moment so makellos?
Sanjay behauptet, es sei sowieso bloß vom Haupteingang aus so unglaublich schön. Je näher man ihm komme, desto weniger schön werde es ...“

„Sie stellen sich derart demonstrativ in Pose, als würden sie vor einer berühmten Sehenswürdigkeit abgelichtet. Gemeinsam betrachten wir das Ergebnis auf dem Display des Fotoapparats und amüsieren uns bestens. Das ist der Moment, wo meine Reise aufs Müllgebirge von Agra die entscheidende Wendung nimmt ...“

„Ich lasse mich an der einzigen Brücke absetzen, die das Stadtzentrum mit dem nördlichen Ufer verbindet; eine separate Fußgängerbrücke aus Stahl führt knapp daneben ebenfalls hinüber. Ich versuche, den Wäschern im Fluß von oben bei der Arbeit zusehen, werde allerdings bald von einem Pavian verscheucht, der mit seiner Familie passieren will. Wir fauchen uns an, kaum drehe ich mich ab, springt er mir in den Rücken ...“

„Jetzt liegt nur noch eine riesige Sandbank vor mir, das Sperrgebiet. Mit zügigem Schritt quere ich die Sandbank, ich weiß, daß ich keine Zeit zu verlieren habe, jeden Moment wird mich einer der Soldaten entdecken, die das Terrain bewachen ...“

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