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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   „Wir Schriftsteller gehen Fragen nach. Die Antworten gibt der Leser“

„Wir Schriftsteller gehen Fragen nach. Die Antworten gibt der Leser“

14/05/2014 - 18/09/2017
Matthias Politycki
„Wir Schriftsteller gehen Fragen nach. Die Antworten gibt der Leser“
Matthias Politycki im Gespräch mit Christoph Auffarth und Matthias Bormuth



erschienen/erscheint in:
Monika Eden (Hg.): Konstellationen. Gespräche zur Gegenwartsliteratur. Göttingen (Wallstein) 2018.

 

Leseprobe

Matthias Bormuth: Ich begrüße meine beiden Gesprächspartner, den Schriftsteller Matthias Politycki, dessen aktueller Roman „Samarkand Samarkand“ im Mittelpunkt unseres Gesprächs stehen wird, und den Religionswissenschaftler Christoph Auffarth. Zum Einstieg möchte ich diese Gedanken formulieren: Die Rolle des Religionswissenschaftlers ist es, Glauben und Religion nüchtern zu betrachten und in gewisser Weise zu entzaubern, wie Max Weber sagen würde. Der Religionswissenschaftler beschreibt und bleibt dabei auf Distanz. Er vertritt keine Kirche, wie der Theologe, sondern die westliche Öffentlichkeit, das Forschungsinteresse. Er fragt, welche Strukturen einen religiösen Menschen prägen und welche Einflüsse zwischen Religionen bestehen. Aber er fragt immer mit dem Gestus der Nüchternheit, des Beschreibenden, des Entzaubernden. Diese Position übernimmt im Gespräch Herr Auffarth. Zum Glück ist er nicht nur nüchtern, sondern auch an der Sache interessiert. Die Spannung zwischen Nüchternheit und Enthusiasmus ist meiner Ansicht nach eine gute Voraussetzung, um mit dem Thema Religion und Glaube umzugehen.
Mein anderer Gesprächspartner ist der Schriftsteller Matthias Politycki, der früh aus der Wissenschaft desertiert ist. Er hat über Nietzsche promoviert. In seiner Promotion ging es nicht nur um dessen Bezüge zur Literatur, sondern auch um die Umwertung der Werte, also eigentlich um eine religiöse Frage. Auch er hat als jemand, der Sachverhalte nüchtern analysieren kann, im wissenschaftlichen Leben Meriten erworben. Aber nach der Promotion war Ihnen, Herr Politycki, bald klar, dass Ihr Weg ein anderer sein sollte.


Ach, meine wissenschaftlichen Meriten halten sich durchaus in Grenzen. Ich habe die Wissenschaft eher gestreift – meinen Eltern zuliebe. Sie waren beide Naturwissenschaftler und bereits etwas unglücklich, als ich Germanistik studieren und also doch wohl „mindestens“ Geisteswissenschaftler werden wollte. Aber auch das wollte ich gar nicht. Wie hätte ich ihnen sagen können, daß ich mit 16 angefangen hatte zu schreiben? Schriftsteller wird man nicht freiwillig, das entscheidet man nicht.

Matthias Bormuth: Platon sagt: „Die Literaten sind gefährliche Leute – sie verzaubern.“ Sie haben das bislang mit einigen großen Romanen getan, Herr Politycki, mit Essays, mit Gedichten. Ihr neuer Roman „Samarkand Samarkand“ ist wieder ein Buch, das von der Verzauberung lebt, vermutlich auch von der Verzauberung, die Sie schon vor rund 27 Jahren während Ihrer ersten Reise nach Samarkand selbst erfuhren. Die Lektüre vermittelt diese Begeisterung im ausführlichen Erzählen bestimmter Szenarien, die Sie dort vor Augen geführt bekamen, die Sie verzaubert, auch erschreckt haben und die Sie dann – zum Glück für uns Leser – in eine Sprache brachten, die uns Ihre Verzauberung und Ihr Erschrecken direkt vermitteln.
Unser Gespräch wird um die im Roman beschriebenen Phänomene des Glaubens in einer nicht europäischen Welt kreisen. Wir werden uns dabei die Sichtweise des Protagonisten, der aus der europäischen Welt stammt, auf diese Phänomene vergegenwärtigen müssen. Ihr Buch vermittelt mir ein klares Bekenntnis zu Europa, ein klares Bekenntnis zu einem liberalen, offenen Menschenbild, das Sie offenbar in einer gewissen Gefahr sehen. Und trotzdem vermittelt die Lektüre auch die Offenheit für andere Weltbilder, die Sie im Orient kennengelernt haben. Vielleicht können Sie uns zunächst mit Ihren eigenen Worten in die Handlung des Romans einführen?


Wie gesagt, meine Entscheidung, Schriftsteller zu werden, erfolgte nicht freiwillig. Ich mußte schreiben. Und so blieb es bis heute, kein einziges meiner Bücher, so unterschiedlich sie sind, habe ich freiwillig geschrieben, etwa weil ich Lust dazu gehabt hätte. Was „Samarkand Samarkand“ betraf, so traf es mich 1987, bei einer Reise durch die damaligen Sowjetunion. Genau genommen, war es fast ein Schock, den ich in Samarkand erlebte: Ich hatte mich auf herrliche Medressen und Moscheen eingestellt, daß es in den Gassen dahinter so heftig brodelte, empfand ich als extrem bedrohlich. 1987, das war für uns in Deutschland vor allem Glasnost und Perestroika; daß durch den Zerfall der Sowjetunion plötzlich wieder ethnische Gruppen auftauchen und in den Straßen auch gleich aneinandergeraten würden, hatten wir damals gar nicht auf dem Zettel. Ich empfand die Tumulte, gerade weil ich sie überhaupt nicht verstehen konnte, als Vorboten künftiger Kriege. Samarkand liegt in Usbekistan, im Süden grenzt Afghanistan an. Aber auch viele andre Länder mit gewaltigem Konfliktpotential grenzen an, die ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan, Tadschikistan... Vertreter all dieser Völker kommen in Samarkand zusammen, die Stadt ist seit Jahrtausenden ein Schmelztiegel der Kulturen, das macht sie so faszinierend. Aber auch ein Schmelztiegel kann explodieren, wenn der Druck zu groß wird.

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