Also der Russe

Also der Russe

erschienen/erscheint bei:

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5/10/03; enth. in: Freischwimmer.

Entstehungszeitraum: 22/09/2003 - 24/09/2003

Leseprobe

Also der Russe, pflegte mein Vater anzuheben, wenn man ihn doch mal dazu gebracht hatte, vom Krieg zu erzählen, also der Russe! Was bereits als Teil seiner Ausführungen zu verstehen war; und daß der Russe, im Singular stets, mit langen Wintern und leerer Landschaft und mehr noch mit Trinkfestigkeit und Gesang zu tun hatte, ergab sich infolge der konzisen Grundthese dann von selbst. Wohingegen ich mich, ein Kind sozialliberaler Korrektheit, in den Folgejahren mühte, das väterliche Vorurteil – denn das war es doch wohl? – durch Bereisen der Sowjetunion zu widerlegen; und in der Tat fand sich dort Einiges, was mit überraschend heißen Sommern und überfüllten Orten und sogar mit Abstinenz und schlechter Laune zu tun hatte. Soweit also war die von der Vätergeneration geordnete Welt wieder in eine, wie ich wähnte, angemessne Unordnung gebracht. Bis ich an Edward geriet.
Auf Teneriffa nämlich, wohin mich ein Last-Minute-Anfall an Urlaubsreife getrieben hatte, Januar 2000, überraschend unwirsch war‘s, zum Tauchen mußte man sich dick mit Neopren bekleiden. Um dann öde Unterwassergegend zu besichtigen, in seiner Not verfiel der Tauchguide auf allerhand Verbotnes, ließ sich an Land dafür dann als Máximo Líder feiern. Trotzdem blieb das Spannendste an seinen Tauchgängen die Rolle rückwarts aus dem heftig auf und ab hüpfenden Boot oder das Reinspringen in die Brandung aus drei Meter Klippenhöhe – als mir der Líder jedoch von schwarzen Korallen erzählte, die’s demnächst vielleicht zu betrachten gebe, in einer für Sporttaucher zwar offiziell verbotnen Tiefe und bei höchst unberechenbaren Strömungsverhältnissen, war ich willens, noch ein paar solcher Vormittage in Kauf zu nehmen. Schließlich wollte mich der Líder, trotz aller Laxheit im Umgang mit Regeln, erst noch „genauer kennenlernen“, wollte wissen, ob er sich in solch verbotnen Tiefen überhaupt auf einen wie mich verlassen konnte und vor allem danach, wollte sicher gehen, daß ich darüber schweigen würde.
Am 13. Januar, meinem letzten Urlaubstag, sollte’s schließlich soweit sein …